Ein anderes Erwachen Mario

Zum Anhören beim Lesen: Jean Sibelius - Finlandia

Die ersten Strahlen der Morgensonne fielen durch die Rollläden und zeichneten goldene Muster an die Wände des Schlafzimmers. Die Welt draußen war bereits erwacht, doch im Inneren meines Zimmers herrschte noch eine friedliche Stille. Ich fühlte mich vollkommen ausgeruht, frisch und voller Wärme, als hätte ich die tiefste und erholsamste Nacht meines Lebens hinter mir.

Verschlafen griff ich zur Seite, um mich in diesem Moment des Aufwachens an Amber und Nathalie zu kuscheln – um ihre Wärme zu spüren, um ihnen einen sanften Kuss auf die Stirn zu geben, so wie ich es schon so oft getan hatte.

Meine Hände griffen ins Leere.

Irritiert öffnete ich langsam meine noch schlaftrunkenen Augen. Die andere Seite des Bettes war leer. Kein flauschiges blondes Haar, das auf dem Kissen ruhte. Keine sanften Atemzüge neben mir. Kein vertrautes Lächeln am Morgen.

Ein seltsames Gefühl breitete sich in mir aus. Noch benommen vom Schlaf, blinzelte ich und versuchte, mich zu orientieren. Ich setzte mich auf, ließ meinen Blick durch das Zimmer schweifen. Es war leer. Zu leer.

Und dann traf es mich.

Die Leere neben mir war nicht neu. Sie war nicht ungewöhnlich. Sie war schon immer da gewesen.

Langsam begann ich zu begreifen.

Alles, was ich erlebt hatte – Ambers Ankunft, unsere gemeinsamen Abende, Nathalies sanfte Stimme, die Reise zum Gardasee – all das war nicht real gewesen. Es war nur ein Traum gewesen. Ein wunderschöner, lebendiger, intensiver Traum.

Eine einzelne Träne der Einsamkeit rann meine Wange hinab.

Kraftlos und mutlos stand ich auf. Die vertraute Routine des Morgens setzte ein, mechanisch und bedeutungslos. Ich duschte mich, ließ das Wasser über mein Gesicht laufen, in der vergeblichen Hoffnung, dass es den Schmerz hinfort spülen würde. Doch es gelang nicht. Die Realität war zu klar, zu kalt. Dann kämmte ich mich, putzte mir die Zähne – all das, wie an jedem anderen Morgen auch. Doch heute war es anders. Heute fehlte etwas. Oder besser gesagt: Heute wusste ich, dass mir etwas fehlte.

Mit der gleichen Lustlosigkeit begab ich mich in die Küche, füllte den Wasserkocher, bereitete mir meinen Kaffee und mein Müsli vor. Ich setzte mich an den Tisch und aß, doch ich schmeckte nichts. Die Mahlzeit, die mich sonst in den Tag brachte, war nur eine fade Notwendigkeit geworden.

Ein tiefer Seufzer entwich mir. Mein Blick fiel auf den leeren Platz am Tisch, dort, wo sie sonst gesessen hätten. Dort, wo wir gemeinsam gelacht, geredet, das Leben genossen hatten.

Doch es war nie geschehen.

Die Erinnerung an den Traum war noch so frisch, so greifbar, als wäre sie real gewesen. Die Wärme ihrer Stimmen, ihr Lachen, ihr Vertrauen. Die gemeinsamen Nächte unter den Sternen, die leichten Berührungen, das Gefühl von Zugehörigkeit und Liebe.

Und nun war da nichts.

Nachdem ich das Frühstück mechanisch beendet hatte, packte ich mein Auto für den Wocheneinkauf. Auch das war eine Routine, eine Notwendigkeit, die sich Woche für Woche wiederholte, ohne dass ich je darüber nachdachte. Ich fuhr los, erreichte den Supermarkt und nahm mir mit der üblichen, emotionslosen Miene einen Einkaufswagen aus dem Unterstand.

Lustlos schob ich ihn durch die Gänge. Müsli. Milch. Rotwein. Dieselben Dinge wie jede Woche. Dieselben Bewegungen, dieselben Abläufe.

Ich war in Gedanken versunken, ließ den Blick leer über die Regale schweifen. Mein Körper bewegte sich, doch mein Geist war weit weg, irgendwo zwischen dem Traum und der Realität gefangen. Ich stellte mir vor, wie Amber und Nathalie jetzt reagieren würden, wenn sie wirklich hier wären. Sie würden mich sicher zum Lachen bringen. Amber hätte mit neugierigen Augen jeden einzelnen Gang inspiziert, und Nathalie hätte vielleicht einen heimlichen Genuss darin gefunden, Dinge auszuwählen, die wir eigentlich nicht brauchten – nur, weil sie Freude daran hatte.

Ein leises Lächeln huschte über mein Gesicht, bevor ich mich wieder der trostlosen Realität hingab.

Plötzlich wurde ich durch einen heftigen Ruck aus meiner Trance gerissen. Ein lautes Ratschen, ein Quietschen. Mein Einkaufswagen ruckte heftig zur Seite, als ein anderer Wagen direkt in meinen hineinfuhr.

Ich wollte gerade den Mund öffnen, um mich zu beschweren – um mich endlich irgendwohin entladen zu können, nach all den Emotionen, die sich in mir angestaut hatten.

Doch dann sah ich sie.

Eine junge, zierliche, kleine, blonde Frau stand vor mir. In ihrer Hand hielt sie noch immer ihr Smartphone, das sie offenbar zu lange fixiert hatte, statt auf den Weg zu achten.

Sie hob den Blick und sah mich an. Klare, blaue Augen trafen meine. Ein entschuldigendes Lächeln huschte über ihr Gesicht.

“Oh, das tut mir leid! Ich war unachtsam”, sagte sie sanft.

Mein Herz stockte.

Ihre Stimme. Ihr Gesicht. Ihre Art, mich anzusehen. Es war anders – und doch so vertraut. Die Welt um mich herum hielt für einen Moment den Atem an. Mein Herz schlug schneller, ein Kribbeln lief mir über den Rücken. War das hier ein schlechter Scherz? Oder war es vielleicht… mehr als das?

Meine Finger umklammerten den Griff meines Einkaufswagens fester. Ich wollte etwas sagen, doch mein Verstand kämpfte noch mit der Situation. War das nur ein Zufall? Oder hatte das Schicksal einen seltsamen Sinn für Humor?

Ein leiser Windhauch schien durch den Supermarkt zu ziehen, obwohl kein Wind da war. Mein Herz raste, als ich etwas vertrautes fühlte, was sich indes doch so unerreichbar anfühlte. Ein Bild von funkelndem Wasser zog vor meinem inneren Auge vorbei und versetzte mich in eine Mischung aus Verwirrung und Sehnsucht.

Dann lächelte sie. Ein Lächeln, das etwas in mir zum Klingen brachte, das ich längst verloren geglaubt hatte. Und sie sprach weiter, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

“Ach, übrigens: Ich heiße Amber.”