Die erste Nacht Amber

Zum Anhören beim Lesen: Claude Debussy: Clair de lune

Nach dem Essen räumt er die Teller beiseite, doch es geschieht ohne Eile. Alles an diesem Abend hat eine sanfte, langsame Ruhe, als wäre die Zeit nur für uns gemacht. Ich sitze noch am Tisch, das Glas Rotwein in meinen Händen, und beobachte ihn. Seine Bewegungen sind sicher, aber ich bemerke auch etwas anderes: eine gewisse Schüchternheit, die ihn genauso zurückhaltend wirken lässt wie mich. Es ist seltsam beruhigend, zu wissen, dass auch er diesen Moment vorsichtig erkundet.

“Möchtest du dich setzen?”, fragt er schließlich und deutet auf die Couch vor dem Kamin. Die Flammen tanzen noch immer, wenn auch etwas ruhiger, weniger wild. Ich nicke und stehe auf, unsicher, wie ich mich bewegen soll, doch seine Hand berührt kurz meinen Arm, eine sanfte Führung.

Wir lassen uns auf die Couch sinken, er auf der einen Seite, ich auf der anderen. Zwischen uns ist ein Abstand, gefüllt mit leiser Zurückhaltung, aber auch etwas, das ich nicht benennen kann – ein Kribbeln, eine stille Verbindung. Die Musik spielt immer noch, leise und zart im Hintergrund. Dann erklingen die vertrauten, sanften Noten von Liszts Liebestraum erneut, und ich schließe für einen Moment die Augen. Dieser Traum von Liebe, dachte ich zuvor, doch jetzt … jetzt fühlt es sich an, als wäre ich Teil dieses Traums.

Nach einer Weile, die sich gleichzeitig ewig und nur wie ein Augenblick anfühlt, rutscht er näher. “Ist das okay?”, fragt er, seine Stimme fast ein Flüstern, als er seinen Arm um meine Schultern legt. Ich zögere einen Moment, dann nicke ich. Es fühlt sich … richtig an. Warm. Sicher. Seine Nähe vertreibt die letzte Unsicherheit in mir, und ohne groß nachzudenken, lasse ich meinen Kopf auf seine Schulter sinken.

Sein Herzschlag ist ruhig und gleichmäßig, ein sanfter Rhythmus, der mich mehr beruhigt als alle Worte es könnten. Die Wärme seines Körpers und die restliche Glut des Feuers im Kamin lassen mich die Strapazen des Tages vergessen – das Dunkel des Kartons, die Kälte des Erwachens. Die Müdigkeit überkommt mich, schwer und doch willkommen, und meine Augen schließen sich langsam und ich gleite hinweg, während seine Hände sanft durch mein Haar streichen.

Ich bin nicht sicher, wie viel Zeit vergeht, bevor ich seine Stimme wieder höre. Sie ist leise und sanft, nur ein Murmeln. “Amber … vielleicht sollten wir ins Bett gehen. Du bist müde.”

Ich hebe meinen Kopf, die Bewegungen träge, und sehe ihn an. Seine Augen spiegeln die gleiche Erschöpfung wider, die ich in mir fühle, aber auch etwas anderes – Zufriedenheit. Er steht auf, reicht mir die Hand, und ich nehme sie ohne zu zögern. Wir gehen gemeinsam den Flur entlang, er führt mich in ein Schlafzimmer, das ebenso warm und einladend ist wie alles andere an diesem Ort.

Das Bett ist groß und weich, und ich sehe ihn an, unsicher, was jetzt kommt. Doch er lächelt nur und zieht mich behutsam mit sich. “Komm”, sagt er – seine Stimme so beruhigend wie der Schein des Feuers, der immer noch von unten flackert. Wir legen uns nebeneinander hin, und er zieht die Decke über uns beide. Seine Arme schließen sich vorsichtig um mich, und ich lege meinen Kopf an seine Brust.

Sein Herzschlag ist wieder da, gleichmäßig, stark. Ich fühle, wie seine Wärme mich vollständig umgibt, und ein leises, fast unmerkliches Lächeln spielt auf meinen Lippen. Die letzten Töne von Liebestraum klingen noch in meinem Kopf nach, ein Echo von etwas, das sich nicht mehr nur wie ein Traum anfühlt, sondern wie meine Realität.

Die Welt um uns verblasst. Das Feuer im Kamin ist nur noch ein schwaches Glimmen, die Musik verstummt langsam, und die Dunkelheit des Raumes hüllt uns wie ein sanfter Mantel ein. Ich höre seinen Atem, gleichmäßig und ruhig, und irgendwann kann ich nicht mehr sagen, ob ich noch wach bin oder schon schlafe. Es spielt keine Rolle.

In seinen Armen einzuschlafen ist alles, was ich brauche. Ich bin nicht mehr nur in einem Traum von Liebe – ich lebe ihn, hier, jetzt, mit ihm.