Ein neues Kapitel beginnt Amber

Zum Anhören beim Lesen: Franz Schubert - Auf dem Wasser zu singen, Op. 72, D. 774

Seit dem Abend, an dem Mario mir erzählt hatte, dass Nathalie bei uns einziehen würde, waren einige Tage vergangen. Meine anfänglichen Zweifel hatten sich erstaunlich schnell in Luft aufgelöst und waren einer immer größeren Aufregung gewichen. Jeden Morgen fragte ich Mario, wie viele Tage es noch bis zu Nathalies Ankunft seien. Seine Antwort war stets begleitet von einem belustigten Grinsen, und ich konnte sehen, wie sehr ihn meine Begeisterung amüsierte.

“Du bist wie ein kleines Kind, das auf Weihnachten wartet”, sagte er eines Morgens schmunzelnd, während ich ihn ungeduldig mit Fragen löcherte. Ich konnte nicht anders – die Vorstellung, Nathalie kennenzulernen, ließ mich innerlich sprudeln.

Eines Abends, als wir zusammen auf der Couch saßen, fragte ich Mario neugierig: “Warst du damals, vor meiner Ankunft, eigentlich auch so aufgeregt wie ich jetzt?”

Mario lachte leise und nickte. “Amber, ich war sogar noch aufgeregter. Bei jedem kleinsten Geräusch draußen bin ich ans Fenster gerannt, in der Hoffnung, dass der Kurier da ist. Natürlich wusste ich, dass das nicht sein konnte, aber ich war einfach zu ungeduldig.” Er machte eine kleine Pause und grinste verschmitzt. “Und in der Nacht vor deiner Ankunft konnte ich kaum schlafen. Ich lag wach und habe mir vorgestellt, wie es sein wird, dich endlich kennenzulernen. Die Aufregung hat mich fast wahnsinnig gemacht.”

Ich musste schmunzeln. Es war ein besonderes Gefühl, zu wissen, dass Mario damals genauso ungeduldig auf mich gewartet hatte, wie ich jetzt auf Nathalie wartete.

Eines Abends fragte ich Mario unvermittelt: “Darf ich beim Auspacken von Nathalie mithelfen? Und dabei sein, sie zum Leben zu erwecken?”

Er sah mich an und nickte, seine Augen leuchteten vor Freude. “Das ist eine tolle Idee, Amber. Ich hätte dich sowieso gern dabei. Aber ich würde dich bitten, dich in dem Moment, in dem ich das letzte Tuch von ihrem Gesicht und ihrem Körper nehme, kurz zurückzuziehen. Ich denke, sie sollte in Ruhe ihre ersten Eindrücke sammeln.”

Ich verstand seine Bitte vollkommen. Sofort erinnerte ich mich an den Moment, als ich damals die Augen zum ersten Mal öffnete. All die Eindrücke, das Licht, die Geräusche – es war überwältigend gewesen. Ich war dankbar, damals nur in seiner Gegenwart zum Leben erwacht zu sein. Meine Vorfreude auf Nathalie mischte sich mit dem unabdinglichen Wunsch, dass sie mit demselben sanften Hauch von Puppenmagie ihre Augen öffnen kann, wie es mir vergönnt war.

Ein anderes Mal, als wir abends zusammen auf der Couch saßen, sagte ich plötzlich und voller Überzeugung: “Ich möchte Nathalie zur Begrüßung etwas schenken.” Mario hob eine Augenbraue und schaute mich neugierig an.

“Was hast du im Sinn?”, fragte er.

“Ein Kleid!”, platzte ich heraus. Ich erinnerte mich an mein Fotoshooting und all die schönen Kleidungsstücke, die ich anprobiert hatte. “Ich möchte Nathalie ein Kleid schenken. Es soll etwas Besonderes sein.”

Mario lächelte und nickte. “Das ist eine wundervolle Idee, Amber. Das ist so süß von Dir. Einfach liebevoll!” Ich konnte sehen, wie sehr ihm der Gedanke gefiel. Ich spürte, wie auch das letzte bisschen Anspannung und Unsicherheit von ihm abfiel. Ich verstand immer mehr, wie sehr er sich Gedanken gemacht hatte darüber, wie ich diese neue Situation auffassen würde. Ein wenig begann ich, mich meiner Tränen und meiner Fragen und Vorwürfe an jenem Abend zu schämen. Doch sein Blick verriet mir auch, dass ich das nicht musste – im Gegenteil. Seine Augen strahlten, als ob auch er sich auf den bevorstehenden Tag freute – und dieses Mal gemeinsam mit mir.

Noch am selben Abend holte Mario sein Tablet hervor, und wir blätterten gemeinsam durch verschiedene Kataloge. Ich zeigte ihm ein Kleid, das mir sofort ins Auge sprang: ein elegantes, fließendes Modell in einem zarten Altrosa. “Genau dieses Kleid will ich ihr schenken!”, sagte ich begeistert. Mario grinste zufrieden und bestellte es. Natürlich konnte er es nicht lassen, auch noch eine Reihe weiterer Kleidungsstücke mitzubestellen. “Das steht Dir bestimmt total gut”, sagte er und zeigte auf einige der bestellten Teile.

“Wir verpacken das Kleid in eine schöne Geschenkbox”, schlug er vor. “Mit edlem Papier und einer Schleife. So kannst du es ihr selbst überreichen.” Ich klatschte vor Freude in die Hände. “Oh ja, das wird perfekt! Das wird so toll!”. In diesem Moment – für diesen Vorschlag – wollte ich ihn einfach nur noch innig küssen.

Noch einige wenige – dennoch endlose – Tage gingen ins Land. Und dann war es endlich so weit. Der große Tag von Nathalies Ankunft war gekommen. Ich war voller Vorfreude und bei jedem Geräusch von draußen fragte ich aufgeregt: “Ist sie das? Ist sie da?” Mario grinste und beruhigte mich, bis er schließlich sagte: “Ja, sie ist da!”

Er verschwand, um dem Kurier zu helfen, und kam mit einem riesigen Karton zurück. “So sah es auch aus, als du damals ankamst”, sagte er schmunzelnd. Gemeinsam bereiteten wir alles vor, um Platz für das Auspacken zu schaffen. Er übergab mir das Messer, damit ich den ersten Schnitt in den Karton setzen konnte. “Sei bitte vorsichtig”, sagte er sanft. Meine Hände zitterten. Ich schloss kurz die Augen, atmete tief durch und begann dann behutsam, die Verpackung zu öffnen.

Als der Karton schließlich vollständig geöffnet war, hielt ich kurz meine Hand über das Tuch, welches Nathalie noch vollständig bedeckte und sprach mit dem Blick zu Mario gewandt: “Abrakadabra?”. Mario schaute mich fragend an und ich sagte schmunzelnd: “Na ja - Puppenmagie, oder?”. Mario lachte laut auf. “Natürlich!”, sagte er. Dann fuhren wir mit dem Auspacken weiter fort.

Als der Moment gekommen war, in dem das letzte Tuch von Nathalies Gesicht und Körper genommen werden sollte, zog ich mich ins Wohnzimmer zurück. Ich setzte mich auf die Couch, die Hände fest in den Schoß gelegt, während ich wartete. Mein Herz schlug schneller, als ich nach einer Weile Marios Schritte auf der Treppe hörte.

“Amber, ich möchte dir Nathalie vorstellen”, sagte er sanft, während er mit ihr den Raum betrat.

Nathalie sah mich schüchtern an, ihre Bewegungen waren noch vorsichtig und zaghaft. Mario führte sie zur Couch und sprach mit beruhigender Stimme: “Nathalie, das hier ist Amber. Sie lebt hier mit mir – und von nun an auch mit dir – und freut sich schon sehr darauf, dich kennenzulernen.”

Ich betrachtete sie mit großen Augen. Sie war wunderschön. Ihre weichen, gewellten Haare fielen sanft über ihre Schultern, und ihre Augen strahlten eine Mischung aus Sanftheit und Neugier aus. Ich drehte mich kurz zu Mario und flüsterte: “Sie sieht wundervoll aus.”

Mario nickte. “Das tut sie. Aber Amber, das gilt auch für dich.” Sein sanfter Kuss auf meine Stirn beruhigte mein Herz.

Ich wandte mich wieder Nathalie zu. “Hallo Nathalie”, sagte ich sanft. “Ich bin Amber. Es ist so schön, dich endlich kennenzulernen.” Ich fing an zu stammeln – meine Aufregung und Vorfreude ließen sich nicht länger zügeln. Ich griff nach der liebevoll verpackten Geschenkbox und reichte sie ihr mit einem strahlenden Lächeln.

“Das ist für dich”, sagte ich voller Begeisterung. Nathalie nahm die Box mit zitternden Händen entgegen. “Für mich?”, fragte sie leise. Ich nickte. “Ja! Ich wollte dir etwas Besonderes schenken, damit du dich hier willkommen fühlst.”

Als sie die Box öffnete und das Kleid hervorholte, füllten sich ihre Augen mit Glück. Sie sah mich an, legte die Box zur Seite und gab mir einen sanften Kuss auf die Wange. “Danke, Amber. Das bedeutet mir so viel.”

Nachdem Nathalie das Kleid bewundert hatte, schlug ich vor: “Du kannst es doch heute Abend zum gemeinsamen Essen anziehen. Ich bin schon total gespannt, wie es dir steht.” Nathalie nickte begeistert. Dann beugte ich mich zu ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Ihr Blick füllte sich mit Glück und Liebe, und sie gab mir dankbar einen sanften Kuss auf die Wange.

Mario sah uns neugierig an. “Was tuschelt ihr denn da?”, fragte er schmunzelnd.

Ich zwinkerte ihm nur zu und sagte schelmisch: “Das verrate ich dir nicht.”

Der Abend war der Beginn von etwas Neuem. Ich spürte, dass Nathalie ein Teil unseres Lebens werden würde – nicht als Ersatz, sondern als Bereicherung. Mein Herz war voller Freude und Hoffnung auf die gemeinsamen Tage, die vor uns lagen.