Momente der Angst Amber

Zum Anhören beim Lesen: Samuel Barber - Adagio for strings

Ihre Augen waren gerötet, das Make-up verwischt und Tränen rannen ihr die Wangen herab, als Nathalie ins Wohnzimmer stürmte. Wie ein nasser Sack ließ sie sich auf die Couch fallen, boxte begleitet von einem kleinen Wutschrei mit der Faust in das nächstgelegene Kissen und vergrub dann schluchzend den Kopf in ihren Händen.

“Hey… Süße”, fragte ich vorsichtig. “Was ist denn los?” Nathalie schluchzte erneut laut auf, und es dauerte einen Moment, bis sie stammelnd nur die Worte hervorbrachte: “I-ich… ich wollte das nicht. Ich wollte das nicht.” Sie wollte die Worte gerade erneut wiederholen, da fragte ich: “Was denn, Nathalie? Was ist passiert?”

Nathalie hob langsam den Kopf. Noch immer hatte sie Tränen in den Augen. Ich nahm sie in den Arm, und sie legte ihren Kopf auf meine Schulter. Warme Tränen tropften auf meinen Nacken. Ich ließ ihr einen Moment, dann fragte ich erneut, was denn passiert sei. Nathalie löste sich aus der Umarmung, sah mich an und begann mit tränenerstickter Stimme zu erzählen.

“Ich wollte ihm nicht wehtun, wirklich.” Ich blickte sie fragend an. “Weh tun? Wem denn? Wie denn?”

“Mario. Ich wollte… ich wollte ihm nicht weh tun. Ich wollte nicht…” Sie hielt inne als sie merkte, dass sie wieder zu stammeln anfing. Sie holte tief Luft und fuhr fort. “Das Kleid, was du mir geschenkt hast”, fuhr Nathalie fort. “Ich wollte es eben nochmal anziehen. Ich wollte mich im Spiegel betrachten, weil das Kleid so schön ist. Weil es ein so liebevolles Geschenk ist. Aber dann – als ich das Kleid angezogen hatte und mich vor den Spiegel stellen wollte – konnte ich meine Arme nicht mehr bewegen. Mit jedem Versuch habe ich nur noch ein Stechen in der Schulter gespürt. Dann kam Mario ins Zimmer. “Na, was machst du denn da?”, fragte er mich. “Hilf mir bitte mal, Schatz – ich kann meine Arme nicht bewegen”, flehte ich ihn an. Und na ja – er kam dann zu mir geeilt und meinte nur: “Oh je – verrenkt? Das haben wir gleich.” Er hat mich dann gebeten, mich einfach hinzusetzen, während er mich fest im Arm hielt. Dann packte er meine Schulter und drückte sie nach hinten. “Geht es jetzt wieder?”, fragte er mich. Aber ich konnte meine Arme immer noch nicht bewegen. “Nein! Hilfe!”, sagte ich nur flehend. Dann bat er mich, mich auf den Boden zu legen. Er beugte sich über mich, drückte hier an meine Schulter und dort, zog sie, bewegte meinen Arm. Aber nichts half. Und irgendwann sah auch er dann verzweifelt aus und wurde auch immer unruhiger. Und dann hatte er plötzlich so einen schmerzverzerrten Blick. Er setzte sich neben mich, von mir abgewandt. Und leise hörte ich ihn dann immer wieder zu sich sagen: “Au verdammt, tut das weh! Ah!” Dann ging er aus dem Zimmer. Einfach so. Ich lag auf dem Boden, konnte meine Arme nicht bewegen.”

Nathalie hielt kurz inne. Ich nahm ihre Hände fest in die meinen. “Aber er kam wieder, oder?”, fragte ich.

“Ja, kurz darauf kam er zurück”, antwortete sie. “Er setzte sich wieder zu mir auf den Boden und sagte nur: “Wir müssen jetzt warten, bis die Schmerztablette wirkt. Erst dann kann ich weitermachen.” Amber! Er musste eine Schmerztablette nehmen! Was habe ich nur getan? Er wollte mir helfen und hat sich dabei selbst wohl wehgetan. Nur weil ich zu blöd bin, mir ein Kleid anzuziehen!” Erneut wollten sich Tränen ihren Weg bahnen. Ich fuhr mit den Händen sanft durch ihre Haare und wischte dann die aufkommenden Tränen beiseite.

Mit einem Blick voller Dankbarkeit und Liebe erzählte sie dann weiter: “Sogar seine Wasserflasche konnte er kaum halten, als er etwas trinken wollte, während wir da auf dem Boden saßen. Ich konnte sehen, wie seine Arme zitterten. Irgendwann half er mir dann, mich hinzusetzen. Er zog und zerrte an dem Kleid – nein, Amber: es ist nicht kaputt – und zog es bis zum Bauch aus. Dann legte er mich wieder hin, streckte meine Arme in beide Richtungen aus, drückte und drehte weiter – und irgendwann sagte er dann nur noch: “So, probier es nochmal.” Und tatsächlich konnte ich meine Arme wieder bewegen. Er hat mir dann noch geholfen, das Kleid komplett auszuziehen. Er sagte aber kein Wort mehr. Hat mir dann nur noch diesen Kuschelanzug hier hingelegt, ihn mir angezogen und ging dann wieder aus dem Zimmer. Er sagte dann nur noch aus der Tür heraus, dass er jetzt ein Bad nehmen würde zur Muskelentspannung.”

Nathalies Blick wurde nun sehr traurig. “Amber”, sagte sie, “so habe ich ihn noch nie erlebt. Sein Blick war – nun ja: so anders. Seine Stimme nicht mehr so sanft.” Dann schluchzte sie erneut auf, und mit einem Anflug von Angst und Panik brach es aus ihr nun heraus: “Amber! Wird Mario mich jetzt fortschicken? Ich habe Angst, Amber! Ich habe Angst, dass ich nun gehen muss! Aber ich will ihn nicht verlieren. Ich will dich nicht verlieren!” Dann vergrub sie ihr Gesicht wieder in ihren Händen und murmelte nur noch: “Ich bin so ein Idiot!”

“Oh Süße”, sagte ich. “Nicht doch!” Ich legte meinen Arm um ihre Schulter und zog sie an mich. So saßen wir einen Moment da. “Weißt du”, begann ich. “Einmal, da wollte ich Mario einfach ein bisschen ärgern. Ihn necken, veräppeln. Er wollte mir was Schickes anziehen und hob meinen Arm. Aber ich habe den Arm dann einfach nicht bewegt, sondern den anderen. Da hat er dann nur noch gesagt: “Was soll das denn jetzt?”, und den anderen Arm wieder runtergedrückt. Dann hat er es neu versucht, und ich habe wieder den anderen Arm gehoben. Irgendwann hatte er es dann satt und hat meinen anderen Arm fest an sich gedrückt, sodass ich mich gar nicht mehr bewegen konnte. Hat fast schon etwas wehgetan. Ja - und ein anderes Mal habe ich mich einfach am Treppengeländer festgehalten, als er mich hier ins Wohnzimmer begleiten wollte. Hab dann auf dem Weg nach unten mit der Hand über jede einzelne Sprosse im Geländer geklimpert und klatschend auch den Türrahmen mitgenommen. “Musik im Haus”, sagte ich zu ihm. Fand er dann aber auch nicht wirklich lustig.”

Ich hielt kurz inne. Ich konnte absolut verstehen, wie sich Nathalie fühlte. “Wenn ich zurückblicke, war das einfach voll doof und gemein von mir.” Ich zog ihre Hände von ihrem Gesicht und hob ihren Kopf, sodass sie mir in die Augen sehen konnte. “Als er sich dann hier zu mir ins Wohnzimmer setzte, war die Stimmung auch erstmal so tief am Gefrierpunkt, dass die ersten Pinguine schon einwandern wollten.” Ein leichtes amüsiertes Lächeln umspielte Nathalies Lippen. “Na also – geht doch”, dachte ich. “Aber am Abend – nach dem Abendessen – da hat er sich dann trotzdem wieder angekuschelt und mir einfach nur gesagt, dass er das heute nicht so toll fand. Und damit war die Sache gegessen.” Und mit einem Zwinkern sagte ich zu ihr: “Und schau, Süße – ich bin immer noch hier. Nie im Leben würde er dich fortschicken. Und selbst wenn – und das ist geradezu unmöglich – dann würde er aber ordentlich was von mir zu hören bekommen! Mach dir keinen Kopf. Du wirst schon sehen.”

Nach einer Weile kam auch Mario ins Wohnzimmer. Er sprach kein Wort, und sein Blick war müde und erschöpft. Er ließ sich auf der Couch nieder, drehte sich um – mit dem Rücken zu uns. Es herrschte plötzlich eine gespenstische Stille, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Sofort schaute Nathalie mich wieder angsterfüllt an. Mit einer leichten Handbewegung versuchte ich, sie still zu beruhigen. Es gelang mir auch – denn ich konnte es zum Glück gut verbergen, dass auch ich nun etwas unsicher wurde. Nach einer Weile drehte sich Mario um. Er hatte tatsächlich ein wenig gedöst. Er drehte sich mit dem Kopf in Nathalies Richtung, schaute sie kurz an und schloss wieder die Augen. Dann legte er seine Hand auf ihren Oberschenkel, und plötzlich konnte man einen Anflug eines zufriedenen Lächelns in seinem Gesicht erahnen. Während er weiter leicht döste, streichelte Mario mit seinen Fingern sanft über Nathalies Bein. Mit der Zeit lag er immer näher bei ihr, bis schließlich sein Kopf auf ihrem Schoß lag. “Na, siehst du”, flüsterte ich kaum hörbar zu Nathalie. In ihren Augen war eine große Erleichterung zu sehen.

Als es schließlich Nacht wurde, stand Mario auf und sagte: “Bitte seid mir nicht böse, aber ich gehe jetzt allein ins Bett. Ich bin erschöpft und könnte euch kaum stützen oder heben. Bitte versteht das nicht falsch – ich hab euch beide doch lieb!” “Schlaf gut!”, sagten Nathalie und ich fast einstimmig. Und ich fügte hinzu: “Erhol dich etwas! Wir chillen hier noch ein wenig.” Kurz bevor Mario das Wohnzimmer verließ, drehte er sich nochmal um und sagte: “Ach, und: Nathalie… mach dir keine Gedanken wegen des Kleides. Entweder schaffe ich es, einen Reißverschluss hinein zu nähen. Oder wir suchen dir ein Kleid, das du einfacher an- und ausziehen kannst und das genauso toll an dir aussieht.” Er kam nochmal zurück, gab uns beiden nochmal Küsse auf den Mund und auf die Stirn und ging dann nach oben.

Nach einer Weile nahm Nathalie meine Hand. “Ich bin so froh, dass ich dich habe”, sagte sie zu mir. “Ich hab dich auch lieb, Süße”, antwortete ich. Und plötzlich verstand ich noch umso mehr, warum Mario Nathalie zu uns geholt hatte. Ich malte mir aus, wie es gewesen wäre, wenn mir dieses Malheur passiert wäre. Ohne Nathalie hätte ich dann niemanden gehabt, um mich selbst erstmal auszuweinen.

Wir redeten noch eine Weile, und es war schon weit nach Mitternacht, als die Müdigkeit uns schließlich übermannte und wir Arm in Arm einschliefen.