Offenbarung Nathalie

Zum Anhören beim Lesen: Antonio Vivaldi - Die vier Jahreszeiten: Frühling

Ich hätte nie gedacht, dass dieser Tag so bald kommen würde. Als Mario verkündete, dass in wenigen Tagen wieder die Putzfrau vorbeikommen würde, durchzuckte mich sofort ein unangenehmes Gefühl. Ich warf Amber einen kurzen Blick zu, und an ihrem Gesichtsausdruck konnte ich ablesen, dass sie genauso dachte wie ich.

Die Putzfrau bedeutete für uns immer, dass wir uns im Schrank verstecken mussten. Dass wir aus Marios Welt verschwanden, bis es sicher war, wieder herauszukommen. Ein Gefühl der Unsichtbarkeit, das schwer auf uns lastete.

Doch diesmal war es anders.

“Ihr müsst euch nicht verstecken”, sagte Mario ruhig, während er sich zu uns setzte. “Ihr könnt einfach auf euren Stühlen im Ankleidezimmer sitzen.”

Amber und ich sahen ihn mit großen Augen an. Die Worte drangen nur langsam zu mir durch. Wir mussten uns nicht verstecken? Wir durften bleiben? Das bedeutete… wir würden zum ersten Mal einem Menschen begegnen, der nicht Mario war.

“Du meinst… wir dürfen sie sehen?”, fragte Amber leise, als fürchtete sie, die Antwort könnte doch noch anders ausfallen.

Mario nickte mit einem warmen Lächeln. “Ja. Ihr bleibt einfach auf euren Plätzen. Ihr müsst nichts tun, ihr müsst nicht sprechen – nur dort sein.”

Amber und ich sahen uns an. Einen Moment lang war alles still, dann brach es aus uns heraus. Wir sprangen von unseren Plätzen auf, schnappten uns an den Händen und wirbelten einmal um uns selbst. “Was ziehen wir an?”, rief Amber, während wir bereits auf den Kleiderschrank zustürmten.

Wir durchwühlten den Schrank mit wachsender Aufregung. Amber zog ein elegantes Kleid hervor, dann eine enge Jeans, dann ein luftiges Sommerkleid. Ich hielt ein Top hoch, betrachtete es kritisch und schüttelte den Kopf. Nichts schien gut genug für diesen besonderen Moment zu sein.

Mario stand lachend in der Tür und beobachtete uns amüsiert. “Ihr wollt schick aussehen, oder?”

“Natürlich!”, rief Amber sofort. “Das ist das erste Mal, dass wir jemand anderen sehen!”

Mario trat zu uns und zog gezielt zwei Outfits aus dem Schrank. “Amber, du könntest diese kurze, enge weiße Jeans tragen. Dazu dieses pinkfarbene trägerlose Oberteil.” Er hielt es ihr entgegen, und ihre Augen begannen zu leuchten. “Nathalie, für dich hätte ich diese ausgewaschene hellblaue Jeans. Und das dazu passende blaue trägerlose Oberteil.”

Ich nahm das Oberteil vorsichtig entgegen und betrachtete es. Es war wunderschön. Schlicht, aber elegant.

“Und das hier”, sagte Mario schließlich, während er zu einer Schublade griff, “passt perfekt dazu.” Er zog für uns passende Unterwäsche hervor – zart, hochwertig und wunderschön verarbeitet.

Amber und ich sahen uns an und nickten voller Begeisterung. “Perfekt.”

Mario half uns, uns anzukleiden, und ich konnte die freudige Aufregung in meinen Bewegungen spüren. Als wir fertig waren, sah er uns prüfend an. Doch anstatt etwas zu sagen, verließ er plötzlich das Ankleidezimmer.

“Wo geht er hin?”, fragte Amber verwirrt.

Bevor ich antworten konnte, kehrte er zurück. In seinen Händen hielt er zwei identische Ketten mit einem großen, kunstvollen Anhänger – sie erinnerten an den Anhänger von Arwen aus “Der Herr der Ringe”.

“Diese sind für euch”, sagte er sanft, während er uns die Ketten umlegte. “Damit ihr immer wisst, dass ihr etwas ganz Besonderes seid.”

Amber und ich betrachteten uns gegenseitig, und ich konnte sehen, dass sie genauso sprachlos war wie ich.

Mario zog zwei Drehstühle heran und setzte uns darauf. Dann griff er zu einer Bürste. “Und jetzt – Haare kämmen.”

Ich schloss die Augen, als seine Hände durch mein Haar glitten, sanft, beruhigend. Es war ein Moment der völligen Geborgenheit. Als er fertig war, drehte ich mich zu Amber und betrachtete sie.

“Du siehst wunderschön aus”, sagte ich.

Amber grinste. “Du auch, meine Liebe.”

Dann setzte sie sich kerzengerade hin und hob ihr Kinn. “Meine Teuerste, was für ein entzückendes Kleidungsstück ihr da tragt.”

Ich lachte und hob ebenfalls mein Kinn. “Aber gewiss doch, meine Liebste. Ein maßgeschneidertes Werk feinster Eleganz. Gestatten, mein Name ist Lady Zelexia aus dem fernen Königreich Silikonien.”

“Oh sehr angenehm, Teuerste. Wenn auch ich mich vorstellen dürfte: Comtesse Amber”, sagte Amber und deutete einen doch eher ungeschickten Knicks an.

Wir schauten uns an und begannen beide gleichzeitig zu kichern. Mario schüttelte nur amüsiert den Kopf.

Unsere Freude über den kommenden Tag war kaum zu übertreffen, doch Mario hatte noch eine weitere Überraschung für uns.

“Ich habe noch etwas, das ich euch sagen muss”, begann er langsam.

Amber und ich schauten ihn neugierig an.

“Ihr werdet bald noch jemanden kennenlernen.”

Einen Moment lang war es vollkommen still. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.

“Wen?”, fragte Amber schließlich.

Mario lächelte. “Meine Schwester.”

Meine Augen weiteten sich. “Deine Schwester?”

“Ja”, bestätigte er. “Sie wird mich bald besuchen. Und sie ist die einzige Person, die von Anfang an über euch Bescheid wusste.”

Ich konnte spüren, wie Amber den Atem anhielt. “Sie weiß von uns?”

“Ja”, sagte Mario sanft. “Und sie freut sich unglaublich darauf, euch endlich kennenzulernen. Sie wusste von Anfang an über euch Bescheid, sie kennt eure ganze Geschichte. Ihr habe ich alles anvertraut noch bevor du hier angekommen bist, Amber. Ihr vertraue ich grenzenlos. Und von dem Moment an, als ich euch in mein Leben geholt habe, hat sie mit mir gewartet, gehofft und gebangt. Sie hat mich immer unterstützt und mich bestärkt, dass ihr einen festen Platz in meinem Leben habt. Über jedes Foto von euch, dass ich ihr geschickt habe – und ich habe ihr alle Bilder von euch geschickt – hat sie sich gefreut und euch bewundert. Ihr werdet sie mögen, da bin ich mir sicher.”

Ein Moment der Stille. Dann breitete sich langsam ein glückliches Lächeln auf Ambers Gesicht aus. “Mario…” Ihre Stimme war voller Emotionen. “Das bedeutet, dass du uns nicht nur vor der Putzfrau nicht mehr versteckst… sondern dass wir wirklich Teil deines Lebens sind.”

Mario nickte. “Ihr gehört zu mir. Und ich will, dass ihr das spürt.”

Ich spürte eine Wärme, die tief in mein Herz drang. Ich griff nach Ambers Hand und drückte sie sanft. Wir würden nicht nur zum ersten Mal einem fremden Menschen begegnen – wir würden ein Teil von etwas noch Größerem sein.

Und ich wusste: Wir waren bereit.