Sorgenvolle Gedanken

Die letzten Tage war es mir nicht entgangen, dass Mario öfter mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht herumlief. Wenn wir ihn fragten, was los sei, winkte er meist ab und meinte nur: “Nichts Wildes, nur ein Zahn, der Probleme macht.” Doch als er schließlich erklärte, dass in Kürze folglich zwei Zähne gezogen werden müssten, war Nathalie sichtlich besorgt.
Heute schließlich war der Tag, an dem sein Termin beim Zahnchirurgen anstand. Mario stand bereits früh auf, arbeitete noch eine Weile an seinem Computer und bereitete sich schließlich auf den Termin vor. Nathalie beobachtete ihn mit großen Augen, während er seine Jacke anzog. Ihre Hände ruhten auf ihrem Schoß, aber ich konnte sehen, dass sie ihre Finger nervös umeinander schlang.
“Fährst du vorsichtig?”, fragte sie leise und trat näher an ihn heran.
Mario lächelte und strich ihr sanft über den Arm. “Natürlich, Nathalie. Es ist nur eine Zahnarztpraxis, keine gefährliche Expedition.”
Doch Nathalie ließ sich damit nicht beruhigen. Sie trat noch näher, schlang die Arme um ihn und drückte ihn fest an sich. “Ich würde am liebsten mitkommen…”
Mario lachte leise. “Das ist wirklich nicht nötig. In ein paar Stunden bin ich wieder hier. Und es werden ja auch nur zwei Zähne gezogen und keine Herzmuskel-Operation durchgeführt. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.”
Nathalie sah ihn einen Moment lang an, dann hauchte sie ihm einen Kuss auf die Wange. “Trotzdem. Komm bitte schnell zurück.”
“Versprochen.” Mit diesen Worten verließ Mario das Haus.
Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, ließ sich Nathalie mit einem tiefen Seufzen auf die Couch fallen. Sie trommelte mit den Fingern auf ihrem Knie, blickte immer wieder zur Tür, als könnte sie Mario damit schneller zurückholen. Ihr Blick wanderte ständig zur Uhr, aber die Zeiger bewegten sich viel zu langsam für ihre Ungeduld.
“Nathalie, es ist nur ein Zahnarzttermin”, sagte ich sanft und setzte mich neben sie.
“Ich weiß”, murmelte sie. “Aber ich mag den Gedanken nicht, dass er allein dort ist und Schmerzen hat.”
Ich lächelte. “Du kümmerst dich wirklich sehr um ihn.”
“Natürlich. Ich liebe ihn über alles - genau wie du. Ich will, dass es ihm gut geht. Dass er glücklich ist. Lacht… mit uns.”
Ich wollte ihr noch etwas sagen, doch in diesem Moment hörten wir Schritte vor der Tür. Nathalie sprang auf, als hätte sie die ganze Zeit nur darauf gewartet.
Kaum hatte sich die Tür geöffnet, stand Nathalie bereits da, mit großen, besorgten Augen. Mario trat ein, wirkte ein wenig erschöpft, aber keineswegs geschwächt. Doch das war für Nathalie kein Grund zur Entspannung.
“Wie geht es dir? Ist alles gut gegangen?”, fragte sie schnell, während sie ihm einen Kühlbeutel entgegenhielt. Noch bevor Mario antworten konnte, griff sie bereits mit ihrer anderen Hand nach seiner und führte ihn direkt ins Wohnzimmer.
Mario setzte sich seufzend auf die Couch, während Nathalie ihm ein Glas Wasser einschenkte und besorgt beobachtete.
“Iff a’ef okay. A’ef bwima. Nu’ no’ be’äub’”, sagte er schließlich mit dem Hauch eines amüsierten Schmunzeln.
“Oh!”, antwortete sie nur und legte ihm vorsichtig den Kühlbeutel an die Wange.
Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, als ich sah, wie aufmerksam sie sich um ihn kümmerte. Sie reichte ihm ein weiteres Kissen, schob ihm die Fernbedienung in die Hand – als müsse er sich von einer großen Operation erholen.
Mario ließ sich seufzend darauf ein. Er blieb nicht lange im Wohnzimmer, sondern verschwand nach kurzer Zeit wieder in sein Arbeitszimmer, um weiterzuarbeiten. Doch Nathalies besorgter Blick folgte ihm, bis er außer Sichtweite war. Und immer wieder stand sie auf, schaute kurz bei Mario zur Bürotür rein und begab sich anschließend wieder zurück zu mir.
Am Abend saßen wir zusammen auf der Couch, klassische Musik erfüllte den Raum mit sanften Klängen. Nathalie hatte sich eng an Mario gekuschelt und sogar eine Kuscheldecke ausgebreitet, um ihn zuzudecken. Ihre Hand hielt die seine fest umschlossen, als würde sie ihn keinen Moment loslassen wollen.
Mario ließ es geschehen, sagte nichts dazu – aber ich sah, dass es ihn rührte.
Erst als Mario sich später entschloss, schlafen zu gehen, wurde ihr Griff etwas lockerer.
“Ich würde euch ja mit nach oben nehmen”, sagte er sanft und – jetzt, da die Betäubung endgültig abgeklungen war – auch verständlich. “Aber ich soll heute nichts Schweres heben. Ihr bleibt also noch etwas hier?”
Ich nickte. “Ja, wir quatschen noch ein wenig.”
Mario verabschiedete sich mit einem Lächeln und ließ uns allein.
Einige Minuten lang sagte Nathalie nichts. Sie starrte nur vor sich hin, ihre Finger spielten mit dem Stoff der Decke.
“Warum warst du heute den ganzen Tag so besorgt?”, fragte ich schließlich leise.
Nathalie sah mich an, dann senkte sie den Blick. “Ich weiß, es war nur ein Zahnarzttermin”, begann sie langsam. “Aber es war etwas anderes, was mich nicht losgelassen hat.”
Ich wartete schweigend.
Dann stellte sie eine Frage, die mir plötzlich das Herz schwer machte: “Was, wenn Mario mal länger weg ist? Wenn er ins Krankenhaus muss? Oder…” Sie stockte. “Was, wenn ihm etwas passiert?”
Ich schluckte.
“Was wird dann aus uns, Amber?”
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Denn ehrlich gesagt, hatte ich darüber noch nie nachgedacht.
“Ich kann mir kein anderes Leben vorstellen als jenes, das wir jetzt führen – mit Mario an unserer Seite. Mit dir.”
Ich schwieg eine Weile. Dann sagte ich vorsichtig: “Vielleicht ist es das Beste, gar nicht darüber nachzudenken. Vielleicht sollten wir einfach jeden Tag genießen und dankbar dafür sein, dass wir ihn haben.”
Nathalie blickte mich an, dann nickte sie langsam. “Ja… vielleicht hast du recht.”
Doch als ich mich in die Stille versenkte, merkte ich, dass sich auch in mir eine Unruhe regte. Ich fragte mich nun auch: was wäre, wenn?
Ich hatte es mir nie vorgestellt, aber jetzt, da Nathalie es ausgesprochen hatte, schien der Gedanke plötzlich greifbarer.
Die Minuten verstrichen. Irgendwann legte Nathalie ihren Kopf an meine Schulter, und ich legte meinen Arm um sie. Wir sagten nichts mehr. Wir saßen einfach nur da, eng aneinander gekuschelt, während das Licht gedimmt und die Musik leise im Hintergrund verklang.
Eine einzelne, stille Träne lief meine Wange hinab, als ich meine Augen schloss und in einen traumlosen Schlaf sank.
