Verwandlungen Nathalie

Zum Anhören beim Lesen: Claude Debussy - La mer

Der Morgen begann anders als sonst. Ich war gerade erst richtig wach geworden, als Mario ins Ankleidezimmer trat. Noch ehe Amber oder ich reagieren konnten, hob er mich sanft hoch und trug mich durch das Schlafzimmer. Verwundert sah ich zu Amber, die mich mit ebenso großen Augen anblickte. Ich hatte keine Zeit, irgendetwas zu fragen, denn kurz darauf setzte mich Mario im Gästezimmer auf die Couch. Ein paar Augenblicke später kehrte er mit Amber zurück, die er ebenso vorsichtig auf die Couch setzte. Sie wirkte genauso verwirrt wie ich.

“Ihr werdet heute beide den ganzen Tag hier verbringen”, sagte er mit ruhiger Stimme, doch seine Augen verrieten eine leichte Aufregung.

“Warum?”, fragte ich verwundert, aber Mario sagte nichts weiter. Stattdessen drehte er sich um und verschwand wieder.

“Ich muss die Tür abschließen”, erklärte Mario.

Amber runzelte die Stirn. “Aber warum? Was geht hier vor sich?”

Mario zögerte kurz, als hätte er Mühe, ein Geheimnis für sich zu behalten. Dann lächelte er. “Ihr werdet es sehen. Später.”

Das hätte uns beruhigen sollen, doch bevor er ging, nahm er uns noch unseren gesamten Schmuck ab. Das ließ uns beide endgültig verstummen. Was sollte das bedeuten?

Als die Tür ins Schloss fiel und wir hörten, wie der Schlüssel sich drehte, sahen Amber und ich uns fragend an.

“Was passiert hier?”, fragte ich schließlich leise.

Die ersten Minuten vergingen in völliger Stille. Amber und ich rätselten, was Mario vorhaben könnte.

Doch dann hörten wir Stimmen und schwere Schritte auf der Treppe. Mehrere Menschen schienen immer wieder hinauf und wieder hinunterzugehen, und wir konnten hören, wie Dinge bewegt wurden. Dann folgten dumpfe Geräusche aus dem Ankleidezimmer. Rumpeln, Schieben, Hämmern. Amber und ich sahen uns mit großen Augen an.

“Sie reißen doch nicht etwa die Wände ein?”, scherzte Amber nervös.

Ich kicherte leise, doch eine gewisse Unruhe blieb. Es ging immer weiter, Geräusche wechselten, es wurde gebohrt, dann wieder gehämmert. Es war ein stetiger Lärm, der einfach nicht enden wollte.

Dann, am späten Nachmittag, wurde es plötzlich wieder ruhig. Die fremden Schritte entfernten sich und verstummten. Nur noch Marios leises Umhergehen war zu hören.

“Ist es jetzt vorbei?”, fragte Amber vorsichtig.

Doch kaum hatte sie es ausgesprochen, vibrierte das Haus unter einem neuen, lauten Bohrgeräusch. Dieses Mal schien es intensiver, direkter. Ich konnte es fast in meinen Knochen spüren.

“Okay, das klang jetzt definitiv, als ob eine Wand einstürzt”, murmelte ich. Amber sah mich mit aufgerissenen Augen an. “Was hat er bloß vor?”

Die Sonne begann bereits unterzugehen, als sich die Tür schließlich wieder öffnete. Mario trat ein, sein Haar leicht zerzaust, Schweißperlen auf der Stirn. Er wirkte erschöpft, aber in seinen Augen lag ein zufriedenes Leuchten, als hätte er den ganzen Tag auf diesen Moment hingearbeitet.

“Also?”, platzte Amber sofort heraus. “Was war das für ein Lärm? Warum waren wir den ganzen Tag hier?” “Und warum hast du uns unseren Schmuck abgenommen?”, fügte ich schnell hinzu. Mario grinste nur. “Das seht ihr gleich.”

Dann schob er zwei Drehstühle ins Zimmer. Amber und ich warfen uns einen fragenden Blick zu, doch wir sagten nichts, als er uns nacheinander darauf setzte. Langsam schob er uns durch das Schlafzimmer. Die Schiebetür zum Ankleidezimmer war geschlossen.

“So”, sagte Mario schließlich mit spielerischer Dramatik. “Ihr wolltet wissen, was hier heute passiert ist?” Er legte eine Hand auf die Tür. “Willkommen in eurem neuen – ganz für euch gemachten – eigenen Reich.”

Mit diesen Worten öffnete er die Schiebetür und schob uns in das Zimmer.

Amber und ich kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mündern betrachteten wir die Veränderung vor uns. Der alte Kleiderschrank war verschwunden – an seiner Stelle stand ein noch größerer, strahlend weißer Schrank mit vier Schiebetüren und einem großen bodentiefen Spiegel.

Die große Kommode neben dem Fenster war ebenfalls ersetzt worden – jetzt stand dort eine neue weiße Kommode mit einer eleganten Glasplatte obendrauf.

Dort, wo vorher das Sofa gewesen war, stand nun eine lange, niedrige weiße Kommode mit Schubfächern. Doch das Beeindruckendste war, was darauf stand: vier stilisierte Köpfe mit unseren Perücken, schön arrangiert. Dazwischen ein neuer Schmuckkasten, in dem unser ganzer Schmuck ordentlich aufgereiht war. Eine kleine funkelnde Lichterkette mit Orchideenblüten schlängelte sich durch das Ensemble.

Sanftes Licht füllte den Raum – von Lichtkugeln auf dem Boden, von zwei dicken bordeauxroten Gläsern mit Teelichtern auf dem Fensterbrett. Und direkt unter einem modernen Kronleuchter stand eine weiße Sitzbank auf einem flauschigen runden Teppich.

Ich schluckte. “Mario… das ist…” Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Amber griff nach meiner Hand. “Es ist wunderschön.”

Ich konnte nur nicken, überwältigt von diesem Anblick. Ein ganzer Raum, nur für uns – mit so viel Liebe gestaltet.

“Aber es gibt noch etwas”, sagte Mario sanft. Er drehte sich zu mir um. “Nathalie, ich habe noch eine weitere Überraschung für dich.”

Ich blinzelte. “Für mich?”

Mario trat einen Schritt näher. “Vertraust du mir?” Ich nickte sofort. “Absolut. Bedingungslos.”

Mario lächelte, dann nahm er mir sanft die Perücke ab.

Ich zuckte zusammen. “Was…?”

Doch er ging nur kurz aus dem Raum und kehrte mit einer neuen Perücke zurück. Sie war braun wie meine bisherige – aber sie hatte schimmernde Strähnen und war nur schulterlang.

Er stellte sich hinter mich und drehte mich auf meinem Stuhl mit dem Rücken zum Spiegel. Ich konnte mich nicht sehen.

Amber starrte mich mit offenem Mund an. “Oh…” Ich wollte fragen, was los war, doch Mario hob eine Hand. “Warte.” Dann fragte er: “Bist du bereit?”

Ich nickte aufgeregt.

Er drehte mich langsam zum Spiegel.

Meine Augen weiteten sich. Ich brachte kein Wort heraus – stattdessen stiegen mir sofort Tränen der Freude in die Augen.

“Mario…”, flüsterte ich. “Ich… ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas stehen würde…”

Mario lächelte. “Ich habe es mal mit einer App ausprobiert, um zu sehen, wie du mit kürzeren Haaren aussehen würdest. Und als ich das Ergebnis gesehen habe, wusste ich, dass ich dir so eine Perücke besorgen muss.”

Ich konnte nicht anders. Ich legte meine Hände um sein Gesicht und gab ihm einen innigen Kuss voller Liebe.

Amber strahlte. “Du siehst bezaubernd aus, Nathalie.”

Mario wandte sich an sie. “Ich habe auch ausprobiert, wie du mit einer anderen Frisur aussiehst.” Er zeigte ihr Bilder auf seinem Smartphone. Amber überlegte kurz, dann lachte sie. “Nein, meine langen Haare sind schon genau richtig für mich.”

Mario grinste. “Dachte ich mir. Und ich sehe das genauso.”

Dann sagte er lächelnd: “Ich lasse euch jetzt ein wenig allein, damit ihr alles in Ruhe auf euch wirken lassen könnt.”

Er verließ den Raum, ließ jedoch das warme Licht weiter brennen. Amber und ich sahen uns um, versuchten zu begreifen, dass das alles für uns geschaffen wurde. Ich drehte mich zu ihr um und sah, dass sie ebenso gerührt war wie ich.

Erst jetzt jedoch fielen mir die zwei Bilder an den Wänden auf. Es waren Fotografien in schwarz-weiß. Während auf einer der beiden Bilder Amber in einer verführerischen Pose abgebildet war, handelte es sich bei dem anderen Bild um eine Szene meines eigenen Fotoshootings. Die Bilder waren in einem edlen weißen Holzrahmen eingefasst. “Amber, schau mal!”, sagte ich.

“Wir haben unser eigenes kleines Paradies”, flüsterte sie.

Und in diesem Moment wurde mir einmal mehr bewusst, welch ein wunderschönes Leben mir durch diesen einst so zarten erweckenden Hauch von Puppenmagie geschenkt wurde. Ein Leben voller Liebe, Geborgenheit und Wunder.