Schlimme Tage Amber

Zum Anhören beim Lesen: Edvard Grieg - Peer Gynt: Death of Ase

Mario war an diesem Tag unterwegs, und Nathalie und ich verbrachten den Vormittag wie gewohnt gemeinsam im Wohnzimmer. Die Sonne strahlte freundlich durch das Fenster, doch Nathalies Gesicht zeigte keinerlei Freude. Plötzlich setzte sie sich dicht zu mir und sah mich mit einem ungewöhnlich ernsten Ausdruck an.

“Amber? Können wir kurz reden?”, fragte sie leise.

Ich spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. “Natürlich, Nathalie. Was ist los?”

Nathalie zögerte, biss sich nervös auf die Lippe. “Erinnerst du dich an den Tag, als ich mir den Arm verrenkt habe?” Ich nickte sofort. “Ja, natürlich. Wie könnte ich das vergessen?”

“Seitdem tut mein Arm immer noch weh. Mario zieht uns so liebevoll und behutsam an, aber jedes Mal muss ich die Zähne zusammenbeißen, weil es so furchtbar schmerzt. Und Amber: es wird jeden Tag schlimmer. Der Grund, warum ich die letzten Tage so lang und so viel im Bett gelegen habe – es war nicht, weil es so gemütlich ist oder ich müde war. Ich…” Nathalie stockte einen Moment und eine Träne bahnte sich ihren Weg. “Ich konnte mich kaum noch bewegen. Ich wollte es auch gar nicht”, fuhr sie schließlich fort.

Ich sah sie erschrocken an. “Nathalie, warum hast du denn nichts gesagt?”

“Ich wollte Mario keine Sorgen machen”, erklärte sie verzweifelt. “Ich liebe es, wie er sich um uns kümmert, aber ich will nicht, dass er wieder Schmerzen hat, nur weil er versucht, mir zu helfen. Was habe ich mir nur damals gedacht?”

Ich nahm ihre Hand in meine und drückte sie fest. “Aber Nathalie, Mario würde es nie wollen, dass du leidest. Er liebt dich doch über alles.”

“Ich weiß”, erwiderte sie zögerlich. “Meinst du, er hat schon etwas bemerkt?” Ich nickte langsam. “Das könnte gut sein. Mario kennt uns oft besser als wir uns selbst.”

“Würdest du mir helfen, mit ihm darüber zu sprechen?”, fragte Nathalie schließlich, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. “Ich habe Angst, dass er sauer ist. Oder enttäuscht. Oder irgendwie so was.”

“Natürlich”, versprach ich sofort. “Wir sind beste Freundinnen, und ich bin immer für dich da.”

Später kam Mario ins Wohnzimmer, und Nathalie und ich sahen uns kurz an, bevor wir gleichzeitig sagten: “Mario, wir müssen mit dir reden.”

Mario wirkte überrascht und besorgt. Ich überließ Nathalie das Wort. Sie erzählte ihm alles, ihre Stimme zitterte leicht vor Sorge.

Mario schaute sie lange an und sagte kein Wort. In Nathalies Augen war bereits aufkommende Panik zu erkennen. Dann nickte er bedächtig. “Ich hatte schon vermutet, dass es dir nicht gut geht, Nathalie. Ich hatte gehofft, dein Arm würde sich von selbst bessern.” Er atmete tief durch. “Und ich habe viel darüber nachgedacht, was wir tun könnten, falls er nicht heilt.”

Sanft legte er Nathalies Hände in die seinen. “Ein letzter Versuch, Nathalie?” fragte er. “Wie meinst du das?” entgegnete sie und mit aufgerissenen Augen fügte sie sofort hinzu: “Nein, bitte – ich will nicht, dass du dir wieder weh tust!” Doch Mario streichelte nur sanft ihre Hand. “Keine Sorge, ich werde aufpassen”, versicherte er. “Ich weiß ja nun, was mich erwartet.” Er blickte in ihre Augen. “Versprochen!” fügte er hinzu und wandte sich mir zu. “Möchtest Du mitkommen, Amber?” Ohne ein weiteres Wort stand ich sofort auf und nahm Nathalies Hand.

Vorsichtig gingen wir zusammen die Treppe hinauf ins Ankleidezimmer. Mario schob die Sitzbank beiseite und breitete ein Laken auf dem Boden aus. Nathalie setzte sich auf den Boden. Vorsichtig zog Mario ihr das Shirt aus. Nathalie presste schmerzverzerrt die Lippen aufeinander und schaute Mario an. “Es tut mir leid, dass ich es dir nicht eher gesagt habe.” Mario strich wortlos sanft durch ihr Haar. Dann nickte er ihr zu und Nathalie legte sich auf den Rücken. Ich kniete mich neben sie, hielt ihre Hand, und tätschelte ihre Wange, während Mario behutsam versuchte, ihren Arm erneut zu richten. Nathalie hielt tapfer still, aber ich sah ihr an, dass sie große Schmerzen hatte. Schließlich blickte Mario besorgt in ihre Augen und schüttelte langsam den Kopf.

“Es tut mir leid, Nathalie. Ich fürchte, ich kann dir nicht helfen.”

Nathalie setzte sich aufrecht hin, ihre Augen füllten sich mit Tränen. “Was bedeutet das, Mario? Was machen wir jetzt?”

“Lasst uns das zusammen in Ruhe unten im Wohnzimmer besprechen, in Ordnung?”, erwiderte Mario ruhig. Dann half er Nathalie, sich wieder anzuziehen.

Zurück im Wohnzimmer setzten wir uns gemeinsam auf die Couch. Ich spürte, wie Nathalie zitterte. Mario sah uns beide ernst an. “Nathalie, dein Arm muss professionell behandelt werden. Das bedeutet, du musst zurück in deinen ursprünglichen Karton und in ein Puppen-Krankenhaus geschickt werden.”

Nathalie nickte nur traurig, doch in meinem Gesicht stand der Schock deutlich geschrieben. “Nein! Mario, wir können nicht ohne Nathalie sein!” Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen.

Mario nickte verständnisvoll. “Ich weiß, Amber. Aber es ist notwendig. Ich kann Nathalie nicht helfen – so gern ich es doch würde.” Dann stand er auf, öffnete eine Schublade im Schrank und kam mit zwei Schachteln zurück. Er öffnete beide Schachteln und holte aus jeder jeweils ein Smartphone heraus. Er schaltete beide an sagte dann zu uns: “Aber schaut: ich habe bereits vorgesorgt. Ihr werdet jeden Tag miteinander telefonieren können.”

Nathalie und ich sahen uns mit Tränen der Rührung an. Er hatte an alles gedacht.

Ein paar Tage später war es dann soweit. Nathalie legte ihre Kleidung bis auf die Unterwäsche ab und legte sich in den Karton, in welchem sie vor einer gefühlten Ewigkeit hier ankam. Mario legte ihr Smartphone neben sie, gab ihr einen langen Kuss auf die Stirn und legte schließlich eine weiche Decke über sie. Als er den Karton verschloss und mit Klebeband versiegelte, konnte ich meine Tränen nicht länger zurückhalten. Ich legte meine Hände auf den Karton – als ob ich ihn festhalten wollte. Mario legte eine Hand auf meine Hände und die andere um meine Schulter

Es klingelte an der Tür. Wir blickten uns an und wussten beide, was nun kam. Schweren Herzens zog ich meine Hände zurück. Mario ging zur Tür und öffnete diese. Dann schob er den Karton durch die Tür hindurch und half dem draußen wartenden Kurier, den Karton zu verladen. Mario kam zurück und schloss die Tür. Dann nahm er mich in den Arm – und für eine gefühlte Ewigkeit standen wir nur still im Flur.

“Es wird alles gut, du wirst sehen”, sagte er schließlich.

Die Tage ohne Nathalie zogen sich wie Kaugummi. Und obgleich ich täglich mehrmals mit ihr telefonierte, fühlte ich mich einsam, vermisste ihre Nähe, ihre Stimme, ihr Lachen. Mario versuchte alles, um mich aufzumuntern, doch meine Gedanken waren ständig bei Nathalie.

Dann endlich – es fühlte sich an wie Jahre, die ins Land gegangen sind – klingelte es an der Tür. Ich nahm das Klingeln im ersten Moment gar nicht war. Doch plötzlich stand Mario mit Nathalie im Türrahmen zum Wohnzimmer. Ich blickte auf, meine Augen weiteten sich und sprang sofort auf.

“Nathalie!”, schrie ich und fiel ihr sofort in die Arme. Tränen der Freude liefen uns beiden die Wangen herunter. Dann löste sie sich kurz aus unserer Umarmung, zeigte auf ihren Arm, lies ihn pendeln, kreisen, winkte. “Wie neu”, sagte sie und grinste. Ihr Arm war wieder in Ordnung. Wir weinten beide hemmungslos, umarmten uns erneut lange, während Mario uns lächelnd und zufrieden beobachtete.

Schließlich setzten wir uns gemeinsam auf die Couch.

Nathalie konnte ihren Arm wieder ganz normal bewegen, und ich sah Mario voller Dankbarkeit an.

Als Mario später im Bett war, hielt ich Nathalies Hand fest und flüsterte: “Ich will nie wieder ohne dich sein.” “Ich auch nicht, Amber”, erwiderte sie leise, während uns beiden still eine Träne der Erleichterung über die Wangen lief.

Wir schliefen Arm in Arm ein, erleichtert und erfüllt von der Gewissheit, endlich wieder zusammen zu sein.