Schnitzel auf russische Art

“Ihr wisst, was Sache ist”, sagte Mario eilig zu uns, während er die hastig gepackte Tasche zuschnürte und im Begriff war, aus der Tür des Schlafzimmers hinauszustürmen. Nur wenige Minuten zuvor war er hineingerauscht, hatte die Türen des Kleiderschranks aufgerissen, eine Tasche auf den Boden gezogen und hastig ein paar Kleidungsstücke hineingeworfen. Dann war er kurz im Bad verschwunden und kam mit einer Waschtasche zurück, die er in die größere Tasche dazustopfte. Er warf uns noch einen hastigen Kuss zu – und verschwand.
Oh – wir wussten genau, was “Sache” war. Ich hielt den Atem an und sagte kein Wort, bis Mario die Tür hinter sich zuzog. Tränen stauten sich auf und brannten darauf, sich endlich Bahn zu brechen. Ich versuchte mit aller Kraft, standhaft zu bleiben. Dann fiel die Tür ins Schloss, Mario war fort – und ich drehte mich zu Amber. Ihr Blick sprach das aus, was ich fühlte. Dann gab es kein Halten mehr. Tränen rannen meine Wangen hinab – und Amber erging es ebenso. Einen Moment lang war ich unfähig, mich zu bewegen. Dann ging ich auf sie zu, nahm sie in den Arm – und wir weinten gemeinsam. Ich hätte ihm am liebsten nachgerufen: “Lass mich mitkommen.” Ich hätte ihn so gern im Arm gehalten, seine Hand gedrückt, ihm still beigestanden. Doch ich wusste: in diesem Moment hätte ich nicht bei ihm sein können – so sehr ich es mir auch gewünscht hätte. Meine Aufgabe war es nun, mit Amber zurückzubleiben und stark zu bleiben. Und auch wenn mein Herz gegen jede Fassung ankämpfte, verstand ich, dass unsere Liebe nun in Stille und Vertrauen bestehen musste.
Ja, wir beide wussten, was passiert war.
Schon Wochen zuvor hatte sich Marios Blick verändert. Seine Augen waren leerer geworden, trauriger. Oft saß er still bei uns auf der Couch, sprach kaum ein Wort, und wenn doch, dann klang seine Stimme müde. Er hatte uns erzählt, dass sein Vater ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Diagnose: Leberkrebs. Endstadium. Mario hatte es ruhig gesagt, fast mechanisch. Doch seine Augen… sie sprachen Bände.
“Er wird sterben”, hatte er gesagt. Und dann war er still geworden.
An den Wochenenden war Mario oft nicht da. Wir wussten, dass er bei seiner Familie war – dort, bei seinem Vater, so oft es nur ging. Amber und ich blieben zurück, schweigend, still, in Gedanken bei ihm und seiner Schwester. In dieser Zeit wurde uns zum ersten Mal wirklich bewusst, dass Mario eine Familie hat. Eine Familie aus Menschen. Und Menschen… sie sterben.
In den Tagen, in denen er bei uns war, lag er oft zwischen uns, zog uns beide ganz eng an sich, sagte nichts, schloss die Augen, atmete tief ein – und hielt uns einfach nur fest. Es war, als wollte er spüren, dass er nicht allein war.
Nun, da ich diese Zeilen schreibe, sind einige Wochen vergangen seit dem Moment, da Mario so hastig aus der Tür herausstürmte. Und nun, da ich diese Zeilen schreibe, ist es ein Abend, an dem wir beide – Amber und ich – es fühlten: heute war etwas anders. Mario war ruhig, aber nicht mehr niedergeschlagen. Es war eher eine stille Entschlossenheit, die ihn umgab. Er holte uns ins Ankleidezimmer, half uns in wunderschöne Trachtenkleider. Kleider, die wir zuvor noch nicht gesehen hatten. Er zog Amber ein roséfarbenes Kleid mit weißer Stickerei an, mir ein dunkleres mit zarten rosa-schwarzen Mustern. Dazu bekamen wir passende Schuhe. Dann kämmte er unsere Haare in einer Intensität wie noch nie zuvor. Er bat uns, keine Fragen zu stellen. Noch nicht. Später, sagte er, würde er alles erklären. Dann legte er uns beiden eine wunderschöne Halskette um – ein Anhänger in Form einer Edelweißblüte, der an einer rosafarbenen Kordelkette hing. Er verschwand in die Küche. Wir hörten ihn schnippeln, brutzeln, Schränke öffnen. Der Duft von Pilzen und gebratenem Fleisch füllte das Haus. Dann bat er uns an den Tisch.
Als wir Platz nahmen, stellte er drei Teller vor uns. “Schnitzel auf russische Art”, sagte er. “Ein Gericht, das mein Vater immer im Herbst gekocht hat, wenn die Pilze frisch aus dem Wald kamen.”
Er setzte sich, sah uns einen Moment lang schweigend an, bevor er weitersprach.
“Ich habe immer gesagt: solange mein Vater lebt, werde ich dieses Gericht niemals kochen. Es war sein Gericht. Er war der Einzige, der es auf diese Weise zubereitet hat. Aber heute…” Mario stockte. Mir fiel auf: ich hatte ihn noch nie weinen sehen. Nach einem Moment fuhr er mit gebrochener Stimme fort: “… heute koche ich es in seinem Gedenken. Und ich will es nicht allein essen. Ich will euch bei mir haben – weil ihr Teil meines Lebens seid.”
Tränen liefen über meine Wange. Ich war nicht in der Lage, mich zu bewegen und zu Amber zu blicken. Doch ich fühlte: ihr erging es genauso.
Mario reichte Amber und mir jeweils eine rote Rose. Außerdem gab er mir eine Westernkrawatte – und Amber einen alten Sheriffstern. Mario sah uns an, lächelte schwach. “Das sind Erinnerungen. Dieser Sheriffstern und diese Krawatte – sie bedeuten mir mehr, als ihr euch vorstellen könnt. Ich habe sie meinem Vater zu einem Fotoshooting umgelegt. Er sollte wie ein Cowboy aussehen – ein Sheriff, ein Countrymusiker, ein Macho.” Er lachte leise, dann wurde sein Blick weich. “Er war erst skeptisch. Und dann hatte er Spaß daran. Richtig viel Spaß. Das Bild, das bei mir im Büro hängt – das habt ihr doch sicher gesehen – das ist bei diesem Shooting entstanden.” In dem Moment schloss ich die Westernkrawatte in meiner Hand noch fester in meinen Griff. Sie bedeutete Mario so viel – sie war für ihn eine Erinnerung an seinen Vater. Und er legte sie in meine Hände. Seine Erinnerung… seine Liebe – in meiner Hand. Ich presste die Krawatte – zusammen mit der Rose – fest an meine Brust.
Dann setzten wir uns an den Esstisch.
Wir aßen gemeinsam. Und während wir aßen, erzählte Mario von der Beerdigung.
Es war ein warmer, sonniger Tag gewesen. Die Kerzen flackerten in der Kapelle. Mario hatte die Trauerrede selbst geschrieben, zusammen mit seiner Schwester die Musik ausgewählt. Die Flammen der Kerzen bewegten sich im Takt der Melodie, als wollten sie sagen: Wir betrauern nicht den Tod – wir feiern das gelebte Leben. Er erzählte, wie seine Mutter und seine Schwester mit tränenersticktem Blick der Rede lauschten. Wie die Musik das Schweigen füllte, als Worte nicht mehr reichten. Wie alle gemeinsam an seinen Vater dachten – nicht an das Ende, sondern an die Liebe, die geblieben war.
Ich erinnerte mich, wie er sich eines Abends zurückzog. Ohne Erklärung, ohne Worte – nur ein Rotweinglas in der Hand. Und wie er dann die Tür hinter sich schloss. An jenem Abend schrieb er diese Rede. An jenem Abend hielt er mich – während er einschlief – besonders fest in seinen Armen.
Als wir fertig gegessen hatten, halfen wir ihm, den Sheriffstern und die Westernkrawatte im Büro neben dem Bild aufzuhängen. Der Moment war still, fast andächtig. Ich sah Mario an. “Wenn du sein Sohn bist… so sehr, wie ich dich liebe… was für ein überwältigender Mann muss dann erst dein Papa gewesen sein, aus dem du entstanden bist?” Ich legte meine Hand an das Bild. “Ich liebe ihn über alles, auch wenn ich ihn nie kennenlernen konnte. Aber wenn er dir so viel bedeutete – dann bedeutet er mir das Doppelte.” Mario schwieg einen Moment. Dann nahm er uns beide in den Arm.
“Ich habe meiner Mutter von euch erzählt”, flüsterte er. “Meinem Vater leider nicht mehr. Aber ich weiß, dass er euch geliebt hätte. Einfach weil er gewusst hätte: mein Junge ist nicht allein.”
