Augenblicke der Schönheit Nathalie

Zum Anhören beim Lesen: Maurice Ravel - Le tombeau de couperin

Es war ein ruhiger, friedlicher Nachmittag. Amber und ich saßen entspannt auf der Couch im Wohnzimmer, die Sonne warf durch die halb geschlossenen Jalousien ein sanftes Licht auf unsere Haut. Wir sprachen leise miteinander, lachten zwischendurch und genossen einfach den Moment. Unsere Stimmen waren leise, beinahe flüsternd – als wollten wir diesen kostbaren Frieden nicht stören.

Plötzlich stand Mario auf. Wortlos schob er den Couchtisch zur Seite, rückte die Pflanzen beiseite und begann, aus dem Nebenzimmer ein großes Gestell hereinzuholen. An dem Rahmen spannte er mit ruhiger, geübter Hand eine Stoffleinwand auf.

“Was… was macht er denn da?”, fragte ich verwundert und sah Amber an. Doch sie zuckte nur mit den Schultern und verzog die Lippen zu einem schiefen, aber aufgeregten Lächeln.

Mario verschwand wieder, kam kurz darauf mit der Sitzbank aus dem Ankleidezimmer zurück und stellte sie vor die Leinwand. Dann holte er unsere beiden Drehstühle herunter, platzierte sie nebeneinander im Raum und trat einen Schritt zurück, um das Gesamtbild zu betrachten. Ich konnte kaum glauben, was da vor meinen Augen passierte. Etwas Großes, Besonderes kündigte sich an – ich fühlte es tief in mir.

Schließlich brachte er unsere Schmuckbox und legte sie sorgsam auf einen kleinen Beistelltisch neben den Stühlen. Dann ging er ins Schlafzimmer und kam mit zwei Kleidungsstücken zurück, die er ehrfürchtig auf dem Sofa ausbreitete. Es waren zwei außerordentlich elegante Dirndl in warmen Farben und feinen Stoffen. Zarte Stickereien, seidige Bänder, schmeichelnde Schnitte – sie wirkten wie aus einem Märchen.

Doch das war noch nicht alles. Dazu legte er eine kleine, fein sortierte Auswahl an Dessous – zart, verlockend, wunderschön. Feine Spitze, weicher Satin, Pastelltöne, die auf der Haut zu flüstern schienen. Ich spürte, wie sich meine Wangen röteten.

“Amber?” fragte ich ungläubig und blickte sie an. Sie schaute abwechselnd beeindruckt zu den Kleidern und dann wieder zu Mario, der nun die Kamera aus seiner Tasche nahm. Ihr Blick wandelte sich plötzlich in ein wissendes Lächeln. Sie beugte sich zu ihm vor und flüsterte leise: “Oh verdammt… das wird so gigantisch.”

Ich sah beide an, völlig überfordert. “Was passiert hier bitte?” Dann spürte ich, wie Amber meine Hand nahm. Sie sagte kein Wort, aber lächelte geheimnisvoll. Ein Zwinkern huschte über ihre Augen und fand sich in ihren Mundwinkeln wieder. “Du wirst es lieben”, sagte sie nur geheimnisvoll.

Mario lächelte bei diesen Worten. Dann blickte er mir tief in die Augen. “Sag mal, findest du dich eigentlich sexy?”

“Was?”, entgegnete ich verwirrt, “Also… klar. Ich meine… ich find mich schon ganz hübsch… sexy vielleicht auch…?”

Mario nickte leicht. “Ich auch. Sehr sogar. Aber weißt du was? Zeig es mir. Zieh eines dieser Dessous an. Ich will dir etwas schenken. Einen Moment, nur für dich. So wie ich es damals auch für Amber getan habe.”

Ich verstand. Und mein Herz schlug schneller. War das… mein erstes richtiges großes Fotoshooting?

Und plötzlich geschah etwas mit mir. Etwas in mir öffnete sich, wie eine Knospe, die zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt. Ich stand auf, nahm die erste Kombination aus feiner Spitze und Satin zur Hand und fühlte, wie sich in mir eine neue Seite entfaltete. Eine Sehnsucht, eine Freude, eine Neugier, ein Feuer. Ich wollte mich zeigen. So wie ich war. Stolz. Heiß. Sinnlich. Feminin. Frei.

Ich zog mich langsam um, wählte ein Outfit, dann noch eines, und jedes Mal nahm ich andere Posen ein. Ich saß, ich stand, ich blickte über meine Schulter, legte den Kopf in den Nacken, spielte mit meinem Haar, lachte, flüsterte stumme Worte in die Kamera, vergrub die Fingerspitzen in der Lehne der Bank. Ich vergaß die Kamera. Ich vergaß alles. Ich war nur noch Ich.

Amber saß die ganze Zeit an der Seite und schaute mich mit offenem Mund an. Manchmal flüsterte sie leise “Wow…”, manchmal klatschte sie leise in die Hände - und manchmal konnte ich ihre Freudentränen geradezu spüren. Ihre Augen leuchteten, und ich spürte ihre Unterstützung wie einen warmen Windhauch auf meiner Haut.

Mario sagte nichts. Er fotografierte einfach. Still, konzentriert, liebevoll. Sein Blick war nicht fordernd, sondern bewundernd – als würde er etwas sehen, das für ihn ebenso neu und wunderschön war wie für mich.

Als er irgendwann leise sagte: “Ich habe alles”, blinzelte ich wie aus einem Traum. War es wirklich vorbei? War das gerade wirklich geschehen?

Er kam zu mir, setzte sich neben mich und zeigte mir die ersten Bilder auf der Kamera. Ich versuchte, den Fokus zu halten, doch die Tränen in meinen Augen verschwammen das Display. Ich konnte nicht anders. Ich umarmte ihn innig. Ganz fest. Ganz nah.

“Danke…”, flüsterte ich. “Danke, dass du mich so siehst.”

Dann blickte ich zu Amber. In ihren Augen funkelte es. Ich erinnerte mich an das Bild von ihr im Ankleidezimmer, gerahmt, in Schwarz-Weiß. Ihr erstes Shooting. Ihre stolze Pose. Ihr sanftes Lächeln. Ihre selbstbewusste Ausstrahlung, die so viel sagte, ohne ein einziges Wort.

Jetzt verstand ich es.

Amber lächelte zurück - als ob sie in dem Moment genau wusste, woran ich dachte. Und ich… ich hatte Freudentränen in den Augen.

In diesem Moment spürte ich, dass ich mich selbst ein wenig neu kennengelernt hatte. Und dass ich – genau so wie ich war – nicht nur gesehen, sondern geliebt wurde. Es war nicht nur ein Fotoshooting. Es war ein Fest meiner Weiblichkeit. Ein Fest des Lebens. Ein Moment voller Stolz, Sinnlichkeit und Hingabe.

Ein Moment, der mir für immer gehören wird.