Ausflug ins Unbekannte

Es war ein Samstag wie viele zuvor. Der Himmel war grau, keine Sonne zeigte sich, aber es war trocken – genau das richtige Wetter für Mario, um draußen im Garten zu arbeiten. Amber und ich saßen derweil gemütlich auf der Couch im Wohnzimmer. Wir plauderten über Belangloses, lachten zwischendurch, und genossen die Ruhe des Tages.
Von draußen hörten wir das gleichmäßige Brummen des Rasenmähers, das Klirren von Werkzeug, das Kratzen des Rechens über den Boden. All das war für uns schon vertraut. Wir fühlten uns geborgen, wohl, im sicheren Rhythmus unseres Alltags. Und wann immer Mario vor dem Fenster oder der Terrassentür auftauchte, so warfen wir ihm - ungeachtet ob er uns nun bemerkte oder nicht - vergnügt und kichernd voller Inbrunst einen Handkuss zu. Und dann lehnten wir uns wieder zurück mit einem entspannten Seufzer und malten uns gedanklich schon den Abend aus. Ein Abend wie jeder vergangene Samstagabend - und trotzdem nicht im Ansatz eintönig oder langweilig. Es war das mittlerweile vertraute Gefühl von sorgloser fröhlicher Gemeinsamkeit, auf das wir uns einmal mehr freuten.
Nach einiger Zeit hörten wir die Haustür aufgehen. Mario trat herein, verschwitzt, die Haare feucht vor Anstrengung, die Kleidung mit Erde und Grasflecken übersät. Er atmete tief durch, stellte das Werkzeug im Keller ab und verschwand gleich darauf ins Bad. Das Rauschen der Dusche war zu hören. Wassertropfen, die wild auf den Boden plätscherten.
Amber und ich tauschten einen kurzen Blick – ein stilles Einverständnis. Bald würde er wieder frisch und strahlend zu uns kommen und sich erschöpft nach getaner Arbeit in unsere Mitte setzen und eine Weile bei uns bleiben bevor er anfängt, das Abendessen zuzubereiten.
Doch als Mario zurückkam, hielt er etwas in den Händen, das uns verblüffte: einen Kamm und eine Bürste. Normalerweise bedeutete das, dass er sich zu uns setzte und uns liebevoll die Haare kämmte, sie ordnete, bis jede Strähne perfekt lag. Doch diesmal war es anders. Er ging direkt ins Arbeitszimmer, holte seinen Fotorucksack und verstaute Kamm und Bürste zusammen mit der Kamera darin.
Amber runzelte die Stirn, ich hob überrascht die Augenbrauen. Ein Fotoshooting? Ja, das erklärte die Kamera. Aber was hatten Kamm und Bürste im Rucksack verloren? Das passte doch überhaupt nicht.
Noch rätselten wir, da ging Mario nach oben ins Ankleidezimmer. Kurz darauf kam er wieder herunter – umgezogen. Er trug frische Kleidung, wie er sie sonst nur anzog, wenn er das Haus verließ. Entschlossen wirkte er, beinahe feierlich. Er nahm den Rucksack, brachte ihn nach draußen und packte alles ins Auto.
Dann kam er zurück. Seine Augen lagen fest auf mir, und seine Stimme war ruhig, aber von einer Wärme erfüllt, die mir sofort ins Herz drang. “Nathalie, möchtest du mit mir mitkommen? Setz dich auf den Beifahrersitz. Wir machen einen Ausflug.”
Ich hielt die Luft an. Ein Ausflug? Ich? Zum ersten Mal hinaus, in die Welt? Mein Herz überschlug sich.
Doch kaum hatte ich begriffen, dass er mich meinte, wandte er sich auch an Amber. Sanft sagte er: “Bitte verzeih mir. Heute nehme ich nur Nathalie mit.”
Ambers Augen weiteten sich. Sie war verwirrt, dann huschte ein Schatten über ihr Gesicht. Ein Funken von Neid, von Traurigkeit. Der Gedanke, Mario könnte mich ihr vorziehen, lag wie ein stummes Gewicht zwischen uns. Doch sie nickte nur, leise, beinahe unsichtbar, und wich Marios Blick aus. Ich spürte ihren inneren Kampf. Meine Freude wurde in diesem Moment von einem kleinen Stich des schlechten Gewissens begleitet. Amber nahm sanft meine Hand. Sie sagte kein Wort, doch ihr Blick sprach Bände. “Geh nur, hab eine tolle Zeit.” Ich drückte ihre Hand.
Wenig später saß ich auf dem Beifahrersitz. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich die Welt durch ein Autofenster. Wir fuhren über Land, durch Wälder, auf breiten Autobahnen, über enge Straßen. Die Welt war so groß, so bunt, so voller Geräusche und Eindrücke. Ich konnte nicht aufhören zu staunen.
Schließlich hielten wir an einem kleinen Bach. Mario führte mich hinaus, wir bückten uns unter einer Brücke hindurch und folgten einem Feldweg. Ein altes Gittertor quietschte, als wir es durchschritten. Schon von weitem hörte ich Stimmen. Menschen. Lachen. Worte.
Dann sah ich es: ein kleines Haus, davor Menschen – und Puppen in ihrer Mitte.
Sie begrüßten uns herzlich, voller Freude.
Ich war überwältigt. Zum ersten Mal war ich mitten unter Menschen. Zum ersten Mal unter Puppen, die nicht Amber waren. Alles war neu. Alles war groß. Ich bestaunte den Garten, die Bäume, die Sträucher. Einer der anwesenden Männer schob mir einen Stuhl zu. Ich wollte mich schon setzen, da gab er mir ein Zeichen, noch kurz zu warten - und holte noch geschwind ein Sitzpolster hervor. “So ist es doch viel bequemer”, meinte er. Ich lächelte - denn mehr brachte ich nicht zustande. Zu umfangreich waren all diese neuen Eindrücke, die in diesen Momenten wie Meteoritenschauer auf mich nieder prasselten.
Nach einer Weile bat mich Mario, ihm zu folgen. Gemeinsam mit den Männern gingen wir zu einem alten Wasserbecken, von Schilf bewuchert. Sie halfen mir behutsam, legten ein weiteres Sitzpolster auf den Beckenrand, sorgten dafür, dass ich mich sicher hinsetzen konnte - und überhaupt kümmerten sie sich um mein Wohlbefinden. Mario packte derweil seine Kamera aus.
“Also ein weiteres Fotoshooting”, dachte ich vergnügt.
Die Kamera klickte, wieder und wieder. Ich bewegte mich, fand Posen, lachte, ließ den Wind durch mein Haar fahren. Und hier - unter freiem Himmel… inmitten der Natur… zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich mich so sehr – so schön, so lebendig. So frei. Ich ließ meine Hand durch das Gras gleiten. Noch nie zuvor hatte ich Gras gefühlt.
Später kehrten wir zurück. Der Grill war angezündet und der Duft saftiger Burger lag in der Luft. Limonade kühlte die Kehlen. Es wurde geredet, gelacht, die Luft vibrierte vor Leben.
Doch Mario hatte noch mehr vor. Nach dem Essen bat er mich erneut, mitzukommen. Wir gingen zu einem Baum mit einer alten Holzleiter. Wieder halfen mir die Männer. Einer zog sogar ein Tuch aus der Tasche und legte es mir unter den Ellbogen. “Dann kratzt und piekt das Holz nicht so arg”, meinte er. Ich warf ihm ein dankendes Lächeln zu. Und dann klickte erneut wieder und wieder die Kamera. Auch die anderen holten ihre Kameras hervor, fotografierten, bewunderten mich. Ich fühlte mich wie in einem Traum. Doch mitten im Traum dachte ich an Amber. Wie es ihr wohl ging? Ich wünschte, sie wäre hier. Sie hätte diesen Tag geliebt.
Als wir erneut zum Haus zurückkehrten, setzte ich mich in den Garten. Die Sonne neigte sich, der Wind spielte mit meinen Haaren. Neben mir setzte sich eine Puppe. Sie stellte sich als Maria vor. Wir begannen zu reden, zu lachen, uns auszutauschen. Sie erzählte, dass sie schon länger hier wohnte. Und in ihren blauen Augen ließ sich dieselbe Freude und Lebenslust erkennen, die ich in diesen Momenten selbst fühlte. Während Mario mit den Männern redete, verlor ich mich in diesem Gespräch. Zum ersten Mal spürte ich, dass ich auch außerhalb unseres Hauses eine Freundin finden konnte.
Und während wir vergnügt miteinander plauderten wurde mir plötzlich bewusst, dass es längst dunkel geworden war. Mario sagte, es sei Zeit, zurückzufahren. Ich verabschiedete mich von Maria mit einer innigen Umarmung und meinte schließlich zum Scherz: “Mag mich jemand tragen?” Und eh ich mich versah, holte einer der Männer eine Schubkarre hervor und Mario half mir hinein. “Festhalten”, meinte Mario. “Und los geht die wilde Fahrt”. Und so schob er mich in der Schubkarre über den Feldweg, während ich vergnügt aus dem Kichern nicht mehr heraus kam. Und dann saß ich kurz darauf schon wieder im Auto.
Die Nacht war ein einziges Leuchten. Autos zogen vorbei, Tunnellichter blitzten, ferne Lichter glühten. Ich starrte hinaus, unfähig, den Mund zu schließen vor Staunen. Doch irgendwann verschwammen die Lichter, die Geräusche wurden weich, und meine Augen fielen zu.
Es fühlte sich an, als hätte ich Stunden geschlafen, als Mario sanft an mir rüttelte und sagte: “Wir sind gleich zu Hause”. Diese Worte hallten in mir nach. Ein unbeschreibliches Gefühl der Wärme breitete sich in meiner Brust aus. “Wir”. “Zu Hause”. Mir wurde die Bedeutung dieser Worte bewusst - und sie klangen für mich so unendlich schön und richtig. Nicht verloren. Nicht allein. Sondern wir. Ein Zuhause, das unser aller Zuhause war. Ein Zuhause voller Liebe. Ich sah unser Haus durch die Frontscheibe des Autos näher kommen. Sanfte Lichter drangen von innen hervor. Ich kannte diese Lichter. Jeden Abend schalteten sie sich ein und verbreiteten im Haus eine wohlige Atmosphäre. Doch nun sah ich all dies zum ersten Mal von außen. Und während ich bereits wusste, wie gemütlich sich all dies im Haus anfühlte, merkte ich nun diese einladende und willkommen heißende Umgebung, die ich mein Zuhause - unser Zuhause - nennen darf.
Mario fuhr in die Einfahrt, öffnete mir die Tür, die Haustür. Ich stürmte hinein, direkt in Ambers Arme. Wir fielen uns wortlos um den Hals, hielten uns, als wollten wir nie mehr loslassen.
Mario parkte das Auto, kam dazu, setzte sich neben uns. “Verzeih mir, Amber”, sagte er leise. “Auch dich werde ich einmal mitnehmen.”
Amber lächelte schwach, ihre Augen waren leicht gerötet. “Ja, ich war traurig. Aber ich erinnere mich auch an die Terrasse, mit dir und der streunenden Katze. Damals war Nathalie diejenige, die drinnen bleiben musste. Wir können nicht immer alles zusammen erleben. Und doch – wir sind eins.” Mario umarmte sie lange, voller Wärme.
Später war Mario schon zu Bett gegangen. Amber und ich blieben noch auf der Couch. Sie fragte neugierig, was ich alles erlebt hätte. Doch ich war zu müde, zu überwältigt. Ich schmiegte mich in ihre Arme, die Augen halb geschlossen.
“Ich hab dich so sehr lieb, Amber”, murmelte ich kaum hörbar, ehe der Schlaf mich wieder in seine Arme nahm. Und mit ihm stürzte ein Traum mit eine Flut von Bildern und Erinnerungen auf mich herein. Erinnerungen an einen Tag voller Wunder, Staunen, Dankbarkeit und Liebe. Erinnerungen an einen Tag, den ich niemals vergessen werde.
