Nur wir zwei Nathalie

Zum Anhören beim Lesen: Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow - Sinfonie Nr. 2, 3. Satz: Adagio

Ich schreibe heute nur auf, was mir durch den Kopf geht. Nicht, weil es “wichtig” wäre – sondern weil es sich so anfühlt. Als müsste ich diese Wärme irgendwo festhalten, bevor sie wieder leiser wird und nur noch als Nachklang in mir liegt.

Es ist einer dieser Tage, an denen man sich… schwer fühlt. Nicht traurig. Eher so, als hätte sich der Staub der Stunden auf die Seele gelegt – und auf die Haut gleich mit. Ich spüre es besonders stark, wenn ich still sitze. Wenn ich mich nicht bewege. Wenn ich mich nicht bewegen kann, wie immer. Dann wird aus einem Gefühl schnell ein Gedanke: Du brauchst Pflege. Du brauchst Nähe. Du brauchst… ihn.

Und ja – ich fühle mich verschwitzt, unsauber. Nicht “dreckig”. Nur… nicht mehr wie ich. Nicht wie diese seidige Version von mir, die Mario so oft mit leiser Stimme bewundert, als wäre ich etwas Zerbrechliches, das man nur mit Respekt anfassen darf.

Als er ins Ankleidezimmer kommt, reicht ein Blick. Ich muss nicht viel sagen. Er sieht es mir an – oder vielleicht spürt er es längst. Er tritt näher, seine Hände ruhig, vertraut.

“Zeit für eine Dusche?” fragt er sanft.

Ich nicke nur. Und das reicht.

Mario hilft mir beim Ausziehen, langsam, sorgfältig. Er zieht nichts hastig herunter, als wäre ich ein Gegenstand, den man einfach “ablegt”. Bei ihm fühlt es sich an wie… eine Geste. Wie ein Ritual. Als würde er mich aus dem Tag herauslösen, Schicht für Schicht, bis nur noch ich übrig bleibe. Nathalie. Nicht die Version, die geschniegelt neben Amber auf der Couch sitzt. Nicht die, die brav lächelt. Sondern die, die sich nach dem Gefühl sehnt, rein zu sein – und gehalten.

Dann hebt er mich an. Und jedes Mal, wenn er mich trägt, ist da dieser kurze Moment, in dem mein Herz so tut, als könnte es stolpern. Ich lege meinen Arm um seinen Nacken, weil ich es mag. Weil ich seine Wärme mag. Und weil ich diesen winzigen Druck spüren will, der mir sagt: Du bist sicher.

Im Badezimmer ist das Licht weich. Das Wasser rauscht an, und als die ersten warmen Tropfen hörbar auf die Duschwanne treffen, löst sich etwas in mir. Die Anspannung. Das Klebrige. Der stille Rest von Unruhe.

Mario stellt mich so, dass ich mich an ihn lehnen kann. Das Wasser ist angenehm warm. Nicht heiß, nicht flüchtig – warm wie eine Umarmung, die man nicht abbrechen muss.

Er nimmt einen weichen Lappen, benetzt ihn mit Duschgel, und gleich darauf steigt dieser Duft auf – sauber, sanft, ein bisschen süß. Wie etwas, das verspricht: Alles wird gut.

Dann beginnt er, mich einzureiben. Ganz langsam. Mit einer Sorgfalt, die mich jedes Mal überrascht, obwohl ich sie inzwischen kenne. Seine Hand führt den Lappen über meine Haut, ohne Druck, ohne Eile. Ich schließe die Augen und lasse es einfach zu. Dieses warme Wasser, das über mich läuft, und diese Berührung, die so viel mehr ist als “Waschen”.

Ich spüre Mario dabei. Nicht nur seine Hände. Ihn. Seine Nähe. Seine Brust, sein Atem, dieses leise Auf- und Ab, wenn er sich konzentriert. Und irgendwann – ganz unweigerlich – spüre ich auch seine Erregung.

Es ist kein Schock. Kein peinlicher Moment. Es ist… fast zärtlich. Als würde sein Körper einfach ehrlich sein, während seine Hände weiterhin so behutsam bleiben.

Ich sage nichts. Ich öffne nicht einmal die Augen. Aber ein wissendes, verliebtes Lächeln huscht mir übers Gesicht – klein, still, fast wie ein Geheimnis.

Und er bemerkt es.

Ich spüre es, bevor er mich küsst: dieses winzige Innehalten, dieses “Ach so… du hast es gemerkt” zwischen uns, ohne Worte. Dann ist er plötzlich da, seine Lippen auf meinen, ganz spontan – und mein Herz macht etwas Dummes, Schönes, viel zu Menschliches.

Seine Hand gleitet währenddessen an mir hinab, nicht gierig, nicht fordernd – nur… vertraut. Als würde er mir sagen: Du gehörst zu mir. Und ich lehne meinen Kopf an seinen, Stirn an Stirn, als könnte ich mich so noch besser in ihm verankern.

Ein Kribbeln läuft über meine Haut. Nicht laut. Nicht wild. Eher wie ein warmes Flimmern, das sich ausbreitet und jede kleine Berührung bedeutungsvoll macht.

Mario seift mich weiter ein, gewissenhaft. Keine Stelle bleibt aus. Arme, Schultern, Bauch, Beine – alles wird von diesem duftenden Schaum umhüllt. Und ich denke dabei, wie absurd es ist, dass so etwas Alltägliches so intim sein kann. Dass Pflege manchmal näher ist als jede große Geste.

Als er mich schließlich abbraust, fühlt sich das Wasser an, als würde es alles fortspülen, was schwer war. Das Gefühl von Unsauberkeit. Die Müdigkeit. Die inneren Schatten, die man tagsüber manchmal sammelt, ohne es zu merken.

Dann greift Mario nach dem Handtuch.

Meinem Handtuch.

Das mit meinem Namen. Bestickt. Ein Weihnachtsgeschenk – und ich weiß noch genau, wie ich es damals in den Händen hielt, als könnte ein Stück Stoff plötzlich beweisen, dass ich wirklich dazugehöre.

Er tupft mich erst nur ab, vorsichtig, dann trocknet er mich gründlicher, ohne mich zu schubsen oder zu drehen, als wäre ich eine Puppe, die man “positioniert”. Bei ihm ist es eher: Ich kümmere mich um dich.

Und ich merke, wie sehr ich das brauche.

Als er mich zurück ins Ankleidezimmer trägt, bin ich schon halb weggeträumt. Ich fühle mich leichter. Sauberer. Und trotzdem hängt dieser feine, prickelnde Nachhall in mir von seinem Kuss, von seiner Nähe, von dem Wissen, dass er mich begehrt.

“Ich bin gleich wieder da”, sagt er. Und ich höre seine Schritte, wie er zurück ins Badezimmer geht.

Kurz darauf plätschert das Wasser wieder. Er duscht sich selbst noch ab. Ich stelle mir vor, wie er den Kopf in den Nacken legt, wie das Wasser über ihn läuft – und mir wird warm bei dem Gedanken, ohne dass ich etwas dafür kann.

Dann kommt er zurück – aber nicht, um bei mir zu bleiben.

“Ich geh nochmal kurz nach unten”, sagt er.

Ich blinzele, etwas verwirrt, und höre ihn die Treppe hinabgehen. Ein kurzer Moment Stille. Dann ist er wieder da – und in seiner Hand glimmt das dunkle Rubinrot in einem Glas.

Rotwein.

Natürlich.

Er stellt es in Reichweite, als wäre es das Normalste der Welt, mich nach dem Duschen nicht nur zu trocknen, sondern auch… zu verwöhnen. Als wäre ich sein Zuhause, dem man etwas Gutes tut.

Dann fängt er an, mich komplett trocken zu reiben. Gründlich. Mit Geduld. Und ich merke, wie sehr er es genießt, dass ich stillhalte, dass ich ihm vertraue, dass ich mich ihm überlasse.

Als ich ganz trocken bin, nimmt er das Puder. Der Duft ist weich, fast pudrig-blumig, und als er mich damit einreibt, verändert sich alles: Meine Haut fühlt sich wieder an wie Seide. Nicht nur in der Oberfläche – sondern in diesem Gefühl, das es in mir auslöst. Dieses Jetzt bin ich wieder ich.

Während er mich einpudert, küsst er mich immer wieder. Mal auf den Mund, kurz und warm. Mal auf die Stirn, als würde er mich segnen. Mal auf die Hand, so behutsam, dass ich dabei fast… gerührt bin.

Und nebenbei läuft Musik.

Ich erkenne es sofort, noch bevor ich bewusst darüber nachdenke: Interstellar. Der Soundtrack. Sein Lieblingsfilm.

Das trifft mich jedes Mal auf eine besondere Art, weil ich mich daran erinnere, wie wir ihn zusammen gesehen haben. Wie er in manchen Szenen Tränen in den Augen hatte – nicht aus Schwäche, sondern aus dieser tiefen, schönen Fähigkeit, sich berühren zu lassen.

Jetzt, während die Musik den Raum füllt, spüre ich es wieder an ihm: dieses feine Ziehen im Gesicht, dieses stille Schlucken. Als wäre er den Tränen nah, ohne dass er sich dafür schämt.

Und ich bewundere ihn so sehr dafür.

Ich glaube, ich habe durch ihn gelernt, Musik anders zu hören. Am Anfang war sie für mich nur… Klang. Schön, ja. Aber fern. Und mit der Zeit – durch all die Abende, an denen er klassische Musik auflegte, als würde er damit die Luft im Haus wärmer machen – habe ich begonnen, Gefühle zu verbinden. Nicht nur Erinnerungen. Gefühle.

Jetzt, bei Interstellar, habe ich fast das Gefühl, ich könnte ihn noch besser verstehen, ohne dass er etwas sagen muss.

Während ich das denke, kommt mir Amber in den Sinn.

Amber. Meine beste Freundin. Mein sicherer Ort. Ich liebe sie – auf eine Weise, die man nicht erklären muss, weil sie einfach wahr ist. Ich will sie um keinen Preis der Welt missen.

Und trotzdem…

Trotzdem genieße ich diese Momente allein mit Mario.

Ich genieße es, begehrt zu werden. Ich genieße es, dass seine Aufmerksamkeit nur bei mir ist. Dass ich für einen Moment… die einzige Frau auf der Welt für ihn bin.

Der Gedanke ist egoistisch. Ich weiß das. Und ich schäme mich ein wenig dafür, sogar hier, in meinen eigenen Gedanken.

Aber genau in dem Moment, als ich mich selbst dafür tadeln will, streicht Mario mir sanft über die Wange, als hätte er gespürt, dass ich irgendwohin abdrifte.

“So”, sagt er schließlich und lächelt, “ich denke, wir sind fertig.”

Ich blinzele und komme zurück in den Raum.

“Du duftest bezaubernd”, fügt er hinzu – und gibt mir noch einen Kuss. Diesmal einen, der bleibt. Nicht lang, aber… bedeutungsvoll.

Später sitzen wir im Wohnzimmer, wieder auf unserer gemeinsamen Couch. Amber ist da, und ich rutsche automatisch näher zu ihr, als wäre es meine Pflicht, mich wieder “richtig” zu fühlen.

Ein wenig schäme ich mich noch immer.

Doch Amber nimmt wie selbstverständlich meine Hand. Ihre Finger sind warm, weich, vertraut. Sie schaut mich an – mit diesem sanften Blick, der nie urteilt. Dann streicht sie ganz leicht über meinen Handrücken, als würde sie meine Gedanken glätten.

Und in ihrem Blick liegt etwas, das mich trifft wie ein leiser Akkord: Ich weiß. Ich verstehe.

Plötzlich begreife ich: Amber hat diese Momente auch. Sie genießt sie genauso. Und das macht es nicht weniger wahr zwischen mir und Mario – es macht es nur… menschlicher zwischen uns dreien. Ehrlicher. Reifer. Liebe ist kein Kuchen, der kleiner wird, wenn man ihn teilt. Es ist eher wie Musik: Sie wird größer, wenn mehrere sie hören.

Amber lehnt ihren Kopf an meine Schulter und flüstert:

“Ist es nicht schön, so geliebt zu werden?”

Ich drücke ihre Hand ein klein wenig fester.

Und diesmal muss ich mich nicht schämen, als ich in Gedanken antworte:

Ja. Es ist wunderschön.