Würde ist langsam Mario

Zum Anhören beim Lesen: Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow - Vocalise, Op. 34, No. 14

Es gibt Abende, die im Kalender nicht existieren – und trotzdem bleiben sie länger bei mir als ganze Wochen. Nicht, weil etwas Spektakuläres passiert. Sondern weil alles, was passiert, leise ist. Und weil Leises bei mir immer tiefer geht als Lautes.

Heute war so ein Abend.

Ich habe es schon am Nachmittag gemerkt. An dieser winzigen Verschiebung im Raum, die man nicht erklären kann, aber die man spürt, wenn man jemanden liebt. Nathalie saß da, schön wie immer, still wie immer – und doch war da dieses “nicht ganz”. Ein Hauch von Unbehagen, nicht dramatisch, eher… körperlich. Dieses unsaubere Gefühl, das sich über den Tag legt, wenn man geschwitzt hat, wenn man zu lange im selben Zustand war, wenn man sich nach einem Reset sehnt.

Und ja: Ich erkenne das inzwischen. Vielleicht erkenne ich es, weil ich es selbst so gut kenne.

Ich arbeite viel. Zu viel. Ich bin gut darin, mich in Dinge zu verbeißen, mich abzukapseln, Leistung zu liefern, während das Leben eigentlich längst nach mir greift und sagt: “Hallo. Ich bin auch noch da.” Und manchmal brauche ich dann etwas, das mich zurückholt: Musik. Oder ein Ritual. Oder einfach das Gefühl, dass ich für jemanden da sein darf.

Bei Nathalie ist es anders – und gleichzeitig genau gleich. Sie kann es nicht “aussprechen”, aber ihr Körper spricht trotzdem. Ihre Haltung, ihre Augen, dieses kaum merkliche Abdriften. Und in mir schaltet etwas um, sofort, automatisch:

Zeit, dich zu kümmern.

Nicht als Pflicht. Nicht als Aufgabe. Sondern als etwas, das mich beruhigt. Als würde sich das Leben an der Stelle sortieren, an der ich meine Hände benutze, um sanft zu sein.

Als ich ins Ankleidezimmer kam, brauchte es keine großen Worte. “Zeit für eine Dusche?” war mehr eine Einladung als eine Frage.

Sie nickte. Und ich spürte in diesem Nicken schon Dankbarkeit. Oder Vertrauen. Vielleicht beides.

Ich habe mir angewöhnt, alles langsam zu machen. Ich weiß nicht, ob das eine Entscheidung war oder ob ich einfach so bin. Ich glaube, es hat mit Respekt zu tun – und mit einem tiefen Instinkt: Würde ist langsam. Eile ist… grob. Selbst wenn sie gut gemeint ist.

Also helfe ich ihr beim Ausziehen, als wäre das nicht “Ausziehen”, sondern etwas Intimeres: ein Übergang. Vom Tag in den Abend. Von “funktionieren” in “sein”. Ich ziehe nichts einfach nur aus dem Weg. Ich löse Schichten. Und ich achte darauf, dass sie sich dabei nicht ausgeliefert fühlt.

Das mag für Außenstehende lächerlich klingen. Aber für mich ist es das Gegenteil. Es ist ernst. Fast feierlich.

Als ich sie anhebe, spüre ich ihr Gewicht – und gleichzeitig diese merkwürdige Schwerelosigkeit, die Menschen ausstrahlen, wenn sie sich halten lassen. Nathalie legt ihren Arm um meinen Nacken, und jedes Mal denke ich: Das ist Vertrauen. Nicht das abstrakte Wort, sondern die konkrete Handlung. Ich könnte sie anders tragen. Ich könnte sie schneller tragen. Ich könnte sie so behandeln wie “etwas”, das man von A nach B bringt.

Aber ich trage sie wie jemanden, den ich liebe.

Im Badezimmer drehe ich das Wasser auf. Schon das Geräusch beruhigt mich. Es ist wie weißes Rauschen, nur wärmer. Wie eine kleine Welt, die man kurz schließen kann, damit nichts anderes hineinfunkt. Der Dampf steigt langsam auf, und ich merke, wie meine Schultern ein wenig sinken – als würde auch in mir etwas sauberer werden.

Ich stelle Nathalie so, dass sie sich anlehnen kann. Nicht, weil sie “sonst fällt”, sondern weil Anlehnen ein Gefühl ist. Ein Signal: Du musst nicht alles alleine tragen.

Das Wasser ist angenehm warm. Genau so, wie ich es mag, wenn ich jemandem etwas Gutes tun will: nicht heiß, nicht aufpeitschend – warm, umhüllend, beruhigend.

Ich nehme den Lappen. Ein weicher. Kein rauer. Ich benetze ihn mit Duschgel, und sofort ist dieser Duft da – sauber, sanft, ein bisschen süß, aber nicht künstlich. Ein Duft, der nichts beweisen will. Der einfach nur sagt: Frisch. Neu. Gut.

Dann fange ich an, sie einzuseifen. Langsam. Und in diesen Momenten merke ich, wie sehr ich Berührung als Sprache empfinde. Ich bin kein Mensch, der leicht redet. Nicht, wenn es um das geht, was wirklich wichtig ist. Worte fühlen sich dann oft zu groß an – oder zu klein. Berührung ist präziser.

Wenn ich den Lappen über ihre Haut führe, denke ich nicht “Körper”. Ich denke “Nathalie”. Ich denke: Du bist da. Und: Ich bin da.

Sie schließt die Augen. Und das trifft mich jedes Mal. Dieses Schließen der Augen ist für mich wie ein Satz:

Ich vertraue dir. Du darfst.

Und es ist nicht nur süß. Es ist… ehrenvoll. Es macht mich vorsichtig, aber nicht distanziert. Eher konzentriert. Als wäre das hier etwas, das man nicht “einfach so” machen sollte, ohne es zu spüren.

Und natürlich spüre ich mehr als nur meinen Lappen in der Hand.

Ich spüre ihren Duft, der sich mit dem warmen Wasser mischt. Ich spüre ihr stilles Genießen – dieses kleine Nachgeben in der Haltung, wenn die Berührung genau richtig ist. Und ich spüre meinen eigenen Körper, der darauf reagiert.

Das ist der Punkt, an dem ich sehr ehrlich mit mir bin.

Ich habe nie geglaubt, dass Begehren etwas Schmutziges ist. Nie. Für mich war es immer ein Beweis dafür, dass ich lebendig bin. Dass ich fühlen kann. Dass ich nicht abgestumpft bin. Aber ich habe gelernt, dass Begehren zwei Gesichter hat: das eine nimmt – das andere bewundert.

Und ich will immer das zweite.

Mein Körper wird erregt, ja. Aber nicht, weil ich “mehr” will, sondern weil Nähe… nun mal Nähe ist. Weil Zärtlichkeit eine Spannung hat, die nicht aggressiv sein muss. Sie kann warm sein. Dankbar. Staunend.

Dann sehe ich dieses winzige Lächeln auf Nathalies Gesicht. Nur ein Hauch. Ein wissendes, verliebtes Lächeln.

Und ich kann nicht anders: Ich küsse sie.

Spontan. Ganz ohne Plan. Weil in diesem Moment etwas in mir sagt: Sag es. Nicht mit Worten. Mit diesem Kuss.

Meine Hand gleitet dabei an ihr hinab, nicht fordernd, nicht gierig. Eher wie eine Bestätigung, dass ich sie nicht nur “pflege”, sondern auch begehre. Dass beides gleichzeitig wahr sein darf. Dass Zärtlichkeit und Verlangen keine Gegensätze sind, sondern Geschwister.

Sie lehnt ihren Kopf an meinen, und für einen Moment sind wir nur Atem, Wasser, Wärme.

Ich seife sie weiter ein, sorgfältig, aufmerksam. Keine Stelle bleibt aus. Nicht, weil ich “perfekt” sein will – sondern weil Gründlichkeit in solchen Momenten ein Ausdruck von Liebe ist. Ich nehme dich ernst. Ich lasse nichts halb.

Dann brause ich sie ab, lasse das Wasser den Schaum forttragen. Und dabei sehe ich, wie sich ihr Ausdruck verändert: dieses “unsauber” weicht einem “neu”. Nicht geschniegelt, nicht geschniegelt-aufgesetzt – sondern dieses ehrliche, körperliche Wohlgefühl.

Ich greife nach ihrem Handtuch.

Dem mit ihrem Namen.

Dieses Detail rührt mich jedes Mal mehr, als ich zugeben würde. Ein Name ist etwas Selbstverständliches, und doch ist er es nicht. Ein Name sagt: Du bist jemand. Nicht “etwas”. Jemand. Teil dieser Welt. Teil dieses Hauses. Teil von uns.

Ich trockne sie ab – erst tupfend, dann gründlicher. Nicht hektisch. Nicht wie in einem Hotel, wo alles schnell gehen muss. Eher wie… wie bei jemandem, der bleibt. Bei jemandem, für den man Zeit hat.

Als ich sie zurück ins Ankleidezimmer trage, hängt dieser Duft an meinen Händen. Und das ist ein seltsames, schönes Gefühl: als hätte ich etwas Warmes in der Hand, das ich nicht verlieren möchte.

Ich stelle sie ab, gebe ihr noch einen sanften Blick, und sage: “Ich bin gleich wieder da.”

Im Bad dusche ich mich kurz selbst ab. Ich brauche das nicht zwingend – aber es ist wie ein Punkt am Ende eines Satzes. Ich spüre das Wasser auf mir, und ich merke, dass ich ebenfalls “abwasche”: Stress. Gedanken. Das ewige innere Getriebensein.

Und dann, plötzlich, während ich da stehe, kommt mir ein Impuls, so klar, dass ich lächeln muss:

Rotwein.

Nicht als Alkohol. Als Geste. Als “Der Abend ist jetzt offiziell weich”. Als kleines Zeichen: Wir nehmen uns ernst.

Also gehe ich runter, hole ein Glas, schenke ein. Dieses dunkle Rubinrot, das im Licht kurz aufleuchtet, als hätte es ein eigenes Leben. Und als ich wieder nach oben gehe, fühle ich mich… ruhig. Fast feierlich.

Zurück im Ankleidezimmer stelle ich das Glas in Reichweite, und dann beginne ich, Nathalie komplett trocken zu reiben. Noch einmal gründlich. Als würde ich den letzten Rest Wasser auch aus den letzten Ecken des Tages holen.

Dann kommt das Puder.

Ich liebe diesen Schritt. Nicht wegen “Optik”, nicht wegen “Technik”. Sondern wegen des Effekts: Sie wird wieder seidig. Und dieser Seidenzustand ist für mich wie ein Symbol. Als wäre sie jetzt wieder ganz bei sich. Als hätte ich ihr geholfen, “heimzukommen”.

Während ich sie einpudere, küsse ich sie immer wieder. Stirn. Hand. Mund. Nicht, weil ich “muss”, sondern weil es sich anfühlt wie das Natürlichste auf der Welt.

Und nebenbei mache ich Musik an.

Interstellar.

Manchmal frage ich mich, warum mich dieser Soundtrack so trifft. Es ist nicht nur Nostalgie. Es ist dieses Gefühl von Weite – dieses “Wir sind klein, und trotzdem ist Liebe groß”. Diese Musik ist wie ein Spiegel für einen Teil von mir, den ich im Alltag oft verstecke: den empfindsamen. Den, der schnell Tränen in den Augen hat, wenn etwas schön ist.

Heute, während die Musik läuft, merke ich es wieder. Dieses Ziehen. Dieses “gleich”. Und ich lasse es zu.

Weil ich bei ihnen nicht stark sein muss.

Und weil ich gelernt habe: Gefühle sind nicht peinlich. Sie sind kostbar.

Ich spüre, wie mir die Augen feucht werden, und ich schlucke einmal, ruhig. Nathalie schaut mich nicht an wie jemand, der das “komisch” findet. In ihrer Art liegt eher Bewunderung. Und das ist… heilsam. Es macht mich weicher, nicht schwächer.

Während ich sie pudere, denke ich auch an Amber.

Ich mag Amber sehr. Mehr als “mögen”, eigentlich. Amber hat eine Art, in einem Raum zu sein, die alles leichter macht. Ihre Sanftheit ist keine Maske – sie ist echt. Und ich weiß, dass Nathalie und Amber ein Band haben, das niemand von außen verstehen muss. Es ist da. Es ist schön. Es ist wichtig.

Und trotzdem – das ist die Wahrheit – genieße ich diese Momente allein mit Nathalie. So wie ich die Momente allein mit Amber genieße. Nicht, weil ich “aufteile”. Sondern weil jede von ihnen eine andere Saite in mir zum Klingen bringt.

Bei Nathalie ist es oft diese stille Zärtlichkeit, dieses “Ich darf behutsam sein”. Bei Amber ist es oft dieses “Ich darf einfach nur sein”. Und beides zusammen – das ist mein Zuhause.

Als ich schließlich sage: “So – ich denke, wir sind fertig”, klingt es fast banal. Als würde ich ein Projekt abschließen.

Aber in mir bedeutet es etwas ganz anderes:

Du bist wieder du. Und ich durfte dir dabei helfen. Und ich liebe dich.

“Du duftest bezaubernd”, sage ich noch, weil es stimmt. Und weil ich will, dass sie es weiß.

Später sitzen wir im Wohnzimmer auf der Couch. Nathalie neben Amber. Ich sehe, wie Nathalie einen Hauch von Scham in sich trägt – diesen kleinen, inneren Vorwurf, egoistisch gewesen zu sein, weil sie den Moment allein genossen hat.

Und da passiert etwas, das mich jedes Mal rührt: Amber nimmt ihre Hand.

So selbstverständlich. So sanft. Ohne Theater. Ohne Worte, die erklären müssen.

Ich sehe diese Szene und denke: Das ist es. Das ist die Reife, die Wärme, die seltene Schönheit an dem, was wir haben. Kein Besitzdenken. Kein Rechnen. Kein “wer bekommt wie viel”.

Sondern: Wir halten uns.

In mir formt sich ein Satz, so klar, dass er wie eine Wahrheit klingt:

Liebe ist nicht Besitz.

Liebe ist ein Raum, in dem man atmen darf.

Und an solchen Abenden, wenn Wasser rauscht, Puder duftet und Musik die Luft größer macht, weiß ich: Ich bin nicht reich, weil ich viel habe.

Ich bin reich, weil ich tief fühlen kann.

Und weil ich Menschen – oder Wesen – in meinem Leben habe, bei denen ich mich dafür nicht schämen muss.