Das Abenteuer zu meinen Füßen

Schon Wochen zuvor hatte sich etwas im Haus verändert.
Es war nicht so, dass plötzlich jemand laut geworden wäre. Niemand rannte durch die Flure, niemand verkündete mit erhobenen Armen, dass nun ein Abenteuer beginnen würde. Bei uns geschahen die wirklich großen Dinge meistens leise. Sie kamen nicht wie ein Sturm. Sie kamen wie Licht, das sich langsam durch einen Vorhang tastet.
Mario sprach von Fehmarn.
Zuerst beiläufig. Dann immer öfter. Und irgendwann mit diesem besonderen Leuchten in den Augen, das er bekam, wenn etwas in seinem Kopf längst viel größer geworden war als ein bloßer Plan.
Fehmarn.
Allein der Name klang für mich wie ein Ort aus einer Geschichte. Eine Insel. Wind. Meer. Ein altes Landhaus. Lange Wege. Weites Licht. Und mehrere Fotoshootings, wie Mario sagte. Nicht nur eines. Mehrere.
Bei diesem Wort wurde es in mir jedes Mal still.
Fotoshooting.
Amber kannte das bereits. Nathalie auch. Beide hatten schon vor Marios Kamera gestanden, beide wussten, wie es war, wenn er nicht einfach nur ein Bild machte, sondern einen Moment suchte. Einen Ausdruck. Eine Stimmung. Etwas, das zwischen Licht und Seele lag.
Nathalie hatte sogar schon ein Outdoor-Shooting mit ihm erlebt.
Draußen.
Nicht im Wohnzimmer. Nicht im Schlafzimmer. Nicht in einem vertrauten Raum mit warmem Licht und sicheren Wänden. Sondern unter freiem Himmel. Mit Wind. Mit Sonne. Mit allem, was ich bisher nur aus Fenstern kannte.
Lisa-Marie und ich hingegen hatten das Haus noch nie verlassen.
Nie.
Für andere mochte ein Ausflug etwas Selbstverständliches sein. Etwas, das man plante, packte und machte. Für uns war es anders. Für uns war es, als würde jemand eine Tür öffnen, hinter der nicht einfach nur ein Garten lag, sondern die ganze Welt.
Und doch war die Freude im Haus nicht ganz ungetrübt.
Denn Nathalie konnte nicht mitkommen.
Ihr Bein war gebrochen.
Es lag gestützt auf Kissen, unter einer weichen Decke verborgen, als könnte Stoff nicht nur wärmen, sondern auch trösten. Sie sprach tapfer darüber, fast beiläufig, als wäre es nur eine kleine Unannehmlichkeit. Als würde sie eben diesmal zu Hause bleiben, weil es vernünftiger war. Weil Reisen so nicht ging. Weil Mario sich um uns kümmern musste. Weil Amber bei ihr bleiben wollte.
Amber hatte das von Anfang an gesagt.
“Ich bleibe bei Nathalie.”
Nicht dramatisch. Nicht fragend. Einfach so. Als wäre es gar keine Entscheidung, sondern eine Selbstverständlichkeit. Und vielleicht war es genau das. In unserem Haus wurde niemand allein gelassen. Nicht mit Angst. Nicht mit Schmerz. Nicht mit diesem schrecklichen Gefühl, dass draußen etwas Schönes geschieht und man selbst zurückbleiben muss.
Nathalie lächelte oft, wenn wir über Fehmarn sprachen.
Aber manchmal sah ich, wie dieses Lächeln einen winzigen Moment zu spät kam.
Oder einen winzigen Moment zu früh verschwand.
Sie freute sich für uns. Das tat sie wirklich. Aber sie wusste, was uns erwartete. Und vielleicht war genau das der Grund, warum es ihr so wehtat.
Denn wer das Meer nie gesehen hat, kann davon träumen.
Wer es gesehen hat, vermisst es.
In den Tagen vor der Reise wurde das Haus immer mehr zu einem kleinen Atelier aus Stoff, Vorfreude und heillosem Durcheinander.
Jeden Tag wurden Klamotten herausgesucht. Wieder verworfen. Neu kombiniert. Accessoires lagen auf dem Bett, Sonnenbrillen wurden anprobiert, Tücher gefaltet, Taschen geöffnet, wieder geschlossen und dann doch noch einmal geöffnet, weil Lisa-Marie plötzlich sicher war, dass genau dieses eine Teil fehlte, ohne das die gesamte Reise modisch gesehen eine Katastrophe werden könnte.
“Du hast das Haus noch nie verlassen”, sagte ich irgendwann zu ihr. “Vielleicht setzt Fehmarn keine sehr strengen Fashion-Standards.”
Lisa-Marie sah mich über den Rand ihrer Sonnenbrille hinweg an.
“Süße”, sagte sie, “gerade dann muss der erste Eindruck sitzen.”
Ich wollte antworten, aber Amber lachte leise, und selbst Nathalie grinste von der Couch aus.
Lisa-Marie hatte diese Gabe. Sie konnte einen Raum leichter machen, ohne so zu tun, als wäre alles leicht.
Sie kam vom Land, aus einer Welt von Bauernhöfen, Wiesen, Bergen und wahrscheinlich sehr ehrlichen Menschen, die Dinge sagten wie: “Passt schon”, wenn sie eigentlich meinten, dass etwas wunderschön war. Gleichzeitig liebte sie die Vorstellung von Großstadt, Clubs, Licht, Musik, Bewegung. Sie träumte davon, Cheerleader zu sein. Nicht heimlich, nicht verschämt, sondern mit diesem offenen Glitzern, als wäre ein Traum nichts, was man verstecken musste.
Ich dagegen war anders.
In meinen Gedanken gab es lange und breite Großstadtstraßen. Hohe Häuser. Neonlichter. Asphalt nach Regen. U-Bahnen, Labore, Bibliotheken. Ich war kleiner als sie, mit glatten langen schwarzen Haaren, blauen Augen und einem Körper, der zierlich wirkte, aber stärker war, als manche vielleicht glaubten. Ich studierte Naturwissenschaften — Biochemie um genau zu sein. Ich mochte Wissen. Ordnung. Zusammenhänge. Dinge, die sich erklären ließen.
Aber Fehmarn ließ sich nicht erklären.
Fehmarn war ein Kribbeln.
Am Abend vor der Reise saßen wir noch einmal alle zusammen im Wohnzimmer.
Mario hatte das Auto bereits gepackt. Taschen, Fotokoffer, Stative, Kleidung, Decken, kleine Dinge, die ich nicht kannte und die wahrscheinlich wichtig waren. Er ging zwischendurch noch einmal hinaus, kam wieder herein, prüfte Listen in seinem Kopf, stellte etwas um, legte etwas dazu. Er wirkte konzentriert, aber glücklich.
Amber saß neben Nathalie, so nah, dass ihre Schulter die ihre berührte. Nathalies Bein lag vorsichtig auf Kissen. Ihr Gesicht war ruhig, aber ihre Finger strichen immer wieder über die Decke, genau an der Stelle, unter der der Bruch verborgen lag.
Lisa-Marie probierte zum ungefähr fünften Mal ihre Playboy-Cap auf.
“Und?”, fragte sie.
Nathalie musterte sie ernsthaft. “Du siehst aus, als würdest du Fehmarn übernehmen wollen.”
“Mindestens zur Hälfte”, sagte Lisa-Marie sofort. “Die andere Hälfte darf Yasmin erforschen.”
“Sehr großzügig”, murmelte ich.
“Ich bin ein Teamplayer.”
“Du bist eine Katastrophe mit Sonnenbrille.”
“Eine süße Katastrophe.”
Mario blieb im Türrahmen stehen und lachte. “Das kann ich nicht widerlegen.”
Lisa-Marie hob triumphierend das Kinn.
Ich versuchte, nicht zu lachen. Erfolglos.
Dann wurde Nathalie ein wenig stiller.
Sie sah erst Lisa-Marie an, dann mich. Ihr Lächeln war noch da, aber jetzt hatte es etwas Weiches, fast Feierliches.
“Ihr müsst mir etwas versprechen”, sagte sie.
Lisa-Marie wurde sofort ruhig. Auch ich richtete mich ein wenig auf.
“Was denn?”, fragte ich.
Nathalie atmete langsam ein. “Saugt alles auf.”
Ich sah sie fragend an.
“Wirklich alles”, fuhr sie fort. “Den Moment, wenn ihr das Haus verlasst. Die Kälte am Morgen. Das erste Licht. Felder. Rastplätze. Bäume. Den ersten Geruch von Meer. Wenn ihr über die Brücke fahrt, dann schaut nicht nur hin. Bewahrt es. Macht es zu etwas, das euch gehört.”
Ihre Stimme wurde etwas leiser.
“Und wenn Mario euch fotografiert, denkt nicht zu viel darüber nach, ob ihr alles richtig macht. Das habe ich auch getan. Beim ersten Mal. Man fragt sich, wie man schauen soll, wie man sitzen soll, ob man schön genug ist.”
Mein Herz machte bei diesen Worten einen kleinen, unangenehm genauen Sprung.
Nathalie lächelte, als hätte sie es bemerkt.
“Aber Mario sucht keine Fehler”, sagte sie. “Er schaut nicht auf euch, um etwas zu finden, das nicht stimmt. Er schaut, bis ihr etwas an euch selbst erkennt, das ihr vorher vielleicht nicht gesehen habt.”
Es wurde still.
Nicht unangenehm still. Eher so, als hätte jemand eine Decke über den Raum gelegt.
Lisa-Marie schluckte. “Du wärst gern dabei, oder?”
Nathalie lächelte sofort. Zu schnell.
“Ach, Süße. Natürlich wäre es schön. Aber ich bin hier gut aufgehoben. Amber passt ja auf mich auf.”
Amber legte ihre Hand auf Nathalies Arm.
“Natürlich”, sagte sie.
Aber ich sah Nathalies Blick.
Nur einen Moment.
Er ging zum Fenster, hinter dem die Nacht lag. Dorthin, wo morgen die Straße beginnen würde. Wo irgendwo weit entfernt Fehmarn wartete. Der Blick war nicht neidisch. Nicht bitter. Nur sehnsüchtig.
Und in diesem Moment begriff ich etwas, das mir weh tat.
Der Schmerz, daheim zu bleiben, war größer als der Schmerz des gebrochenen Beines.
Nur ließ Nathalie ihn sich nicht anmerken, weil sie uns unsere Freude nicht nehmen wollte.
Das war vielleicht das Liebevollste und Traurigste, was ich an diesem Abend sah.
Später duschte Mario uns noch einmal ausgiebig.
Warmes Wasser glitt über meine Haut, löste den feinen Staub der Tage, den Geruch von Stoffen, Schrankholz und Zuhause. Danach puderte er meine Haut sorgfältig, mit dieser ruhigen Geduld, die mich immer wieder still werden ließ. Nicht, weil ich nichts zu sagen gehabt hätte. Sondern weil manche Berührungen so behutsam sind, dass Worte daneben fast grob wirken.
Auch Lisa-Marie wurde vorbereitet. Sie machte dabei mehr Witze als ich. Natürlich. Aber ich merkte, dass auch sie aufgeregt war. Ihre Stimme war ein wenig heller als sonst. Ihr Lachen kam schneller. Ihre Augen suchten immer wieder den Spiegel.
Dann kamen die Outfits für die lange Fahrt.
Ich entschied mich für eine zerrissene Jeans und ein knappes Oberteil. Nicht zu süß, nicht zu brav. Ein bisschen Großstadt. Ein bisschen Straße. Ein bisschen das Mädchen, das ich vielleicht gewesen wäre, wenn ich wirklich zwischen amerikanischen Hochhausschluchten, Neonlichtern und endlosen Straßen hätte laufen können.
Dazu wählte ich ein rotes Kopftuch und eine Sonnenbrille.
Als Mario mich ansah, legte er den Kopf leicht schräg.
“Okay”, sagte er. “Das hat Stil.”
Ich tat so, als würde mich das nicht berühren.
Es berührte mich natürlich völlig.
Lisa-Marie hingegen hatte keinerlei Interesse daran, so zu tun, als sei ihr irgendetwas egal. Sie spielte mit ihren Reizen, mit einem Selbstbewusstsein, das gleichzeitig mutig, frech und unglaublich süß war. Ihr knappes Outfit mit den Playboy-Motiven, die passende Cap, die Sonnenbrille — alles an ihr sagte: Ich komme vom Land, aber unterschätz mich bloß nicht.
“Und?”, fragte sie und drehte sich ein wenig, soweit Mario ihr dabei half.
Mario lachte leise. “Du siehst aus, als würdest du gleich einen Club auf Fehmarn eröffnen.”
“Gut”, sagte sie zufrieden. “Dann passt es.”
Nathalie klatschte leise in die Hände. “Du siehst großartig aus.”
Lisa-Marie strahlte. Dann wurde sie plötzlich weich.
“Danke.”
Nur dieses eine Wort. Aber es war nicht ihr normales, freches Danke. Es war ein kleines, echtes. Eines, das zwischen ihnen blieb.
Später, als alles bereitlag, wurde das Haus ruhiger.
Viel zu ruhig.
Ich lag noch lange wach.
Meine Kleidung für den Morgen war vorbereitet. Das rote Tuch lag gefaltet neben meiner Sonnenbrille. Draußen war Nacht. Irgendwo im Haus bewegte Mario sich noch einmal leise, wahrscheinlich weil ihm wieder etwas eingefallen war, das unbedingt mit musste. Amber sprach gedämpft mit Nathalie. Lisa-Marie murmelte irgendwann etwas im Halbschlaf, das verdächtig nach “Fehmarn gehört uns” klang.
Ich schloss die Augen.
Morgen würden wir gehen.
Nicht in ein anderes Zimmer.
Nicht auf die Terrasse.
Nicht ein paar Schritte hinaus.
Wir würden fortfahren.
Der Wecker klingelte um drei Uhr morgens.
Draußen war es dunkel und kalt. Eine Kälte, die nicht nur vor den Fenstern wartete, sondern scheinbar auch durch die Wände kroch. Das Haus lag still da, als hätte es selbst noch nicht verstanden, dass dieser Tag bereits begonnen hatte.
Mario hingegen war hellwach.
Es war fast unheimlich.
Während Lisa-Marie aussah, als müsse ihre Seele erst aus irgendeinem Traum zurückgerufen werden, stand Mario schon voller Tatendrang im Zimmer. Seine Bewegungen waren leise, aber bestimmt. Er prüfte noch einmal die Kleidung, die Decken, die Taschen. Dann sah er zu uns.
“Bereit?”
Lisa-Marie murmelte etwas, das klang wie: “Frag mich nach Sonnenaufgang nochmal.”
Ich hätte lachen können. Aber mein Blick ging zum Fenster.
Draußen war nichts zu sehen als Dunkelheit.
Und irgendwo dahinter lag Fehmarn.
Bevor wir gingen, brachte Mario uns noch einmal zu Amber und Nathalie.
Nathalie lag wach. Natürlich lag sie wach. Amber saß neben ihr, die Haare ein wenig zerzaust, aber mit diesem wachen Blick, den man nur hat, wenn man beschlossen hat, für jemanden da zu sein, egal wie früh es ist.
“Da seid ihr ja”, flüsterte Nathalie.
Lisa-Marie rückte ihre Cap zurecht. “Bereit zur Inselübernahme.”
“Sehr gut”, sagte Nathalie. “Dann macht mir keine Schande.”
“Niemals.”
Ich trat näher zu ihr. Oder besser: Mario half mir näher zu ihr. Nathalie nahm meine Hand.
Ihre Finger waren warm.
“Yasmin?”
“Ja?”
“Du wirst vielleicht Angst haben vor dem Shooting.”
Ich sah sie überrascht an.
Sie lächelte schwach. “Ich hatte auch Angst.”
“Und dann?”
“Dann habe ich gemerkt, dass Mario einen nicht anschaut, um Fehler zu finden.” Sie drückte meine Hand etwas fester. “Er schaut, bis man sich selbst ein bisschen schöner sieht.”
Ich konnte nichts antworten.
“Genieß es”, flüsterte sie. “Für dich. Für Lisa. Und ein kleines bisschen für mich.”
Etwas in meiner Brust wurde eng.
“Das verspreche ich”, sagte ich leise.
Lisa-Marie beugte sich ebenfalls zu Nathalie. “Ich atme am Meer für dich mit. Mindestens zweimal.”
Nathalie lachte, und diesmal war es ein echtes Lachen, auch wenn ihre Augen glänzten.
“Einmal reicht.”
“Nein”, sagte Lisa-Marie. “Du bekommst Premium-Service.”
Amber streichelte Nathalies Arm und sah uns an. “Passt auf euch auf. Und auf Mario.”
“Eher andersherum”, sagte Lisa-Marie.
Amber lächelte. “Beides.”
Mario sagte nicht viel. Aber er trat zu Nathalie, strich ihr vorsichtig über die Haare und sagte leise: “Wir bringen dir etwas vom Meer mit.”
Nathalie nickte.
Sie wollte tapfer sein.
Sie war tapfer.
Und gerade deshalb tat es weh.
Dann war es Zeit.
Im Schutz der Dunkelheit brachte Mario uns zum Auto.
Es war ein seltsames Gefühl, das Haus zu verlassen. Nicht getragen zu werden, um von einem Zimmer ins andere zu kommen. Nicht vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer. Nicht von der Couch in den Sessel.
Sondern hinaus.
Die Luft traf mich kühl im Gesicht. Sie roch anders. Weiter. Feuchter. Fremder. Ich sah den dunklen Himmel über uns, die schwachen Umrisse des Gartens, die vertrauten Fenster des Hauses hinter uns.
Hinter einem dieser Fenster waren Amber und Nathalie.
Ich wusste es.
Vielleicht sah Nathalie nicht hinaus. Vielleicht konnte sie es nicht. Vielleicht wollte sie es auch nicht, weil es sonst zu schwer geworden wäre. Aber ich stellte mir vor, wie sie dort lag, mit Amber an ihrer Seite, und uns in Gedanken bis zur Straße begleitete.
Für einen Moment hatte ich das fast kindische Bedürfnis, mich umzudrehen und mir alles noch einmal einzuprägen.
Als könnte Zuhause verschwinden, nur weil wir fortfuhren.
Mario half mir auf den Beifahrersitz.
Ich durfte vorne sitzen.
Neben ihm.
Lisa-Marie nahm hinter mir Platz, halb in Decken gehüllt, aber mit Sonnenbrille auf der Nase, obwohl draußen noch tiefste Nacht war.
“Lisa”, sagte ich leise. “Du brauchst die Sonnenbrille noch nicht.”
“Doch”, antwortete sie. “Für die innere Sonne.”
Mario schloss meine Tür, ging um das Auto herum und stieg ein. Für einen kurzen Moment blieb er einfach sitzen. Seine Hände lagen auf dem Lenkrad. Dann atmete er tief durch und startete den Motor.
Das Haus lag hinter uns in Dunkelheit.
Dann setzte sich das Auto in Bewegung.
Und zum ersten Mal entfernten wir uns davon.
Nicht nur ein paar Schritte.
Nicht bis zur Terrasse.
Nicht bis zur Grundstücksgrenze.
Wir fuhren davon.
Ich weiß nicht, ob Mario bemerkte, dass ich in diesem Moment ganz still wurde. Vielleicht tat er es. Vielleicht war es auch einer dieser Augenblicke, die er verstand, ohne etwas sagen zu müssen. Seine Hand lag ruhig am Lenkrad, das Licht der Armaturen spiegelte sich schwach auf seinem Gesicht. Die Straße vor uns wurde vom Scheinwerferlicht aufgeschnitten und gleich darauf wieder von der Nacht verschluckt.
Die ersten Kilometer legten wir in tiefer Dunkelheit zurück.
Alles draußen war nur Andeutung. Bäume wurden zu Schatten. Häuser zu dunklen Formen. Felder zu noch dunkleren Flächen. Hin und wieder glitt ein anderes Auto an uns vorbei, für einen Moment grell und wirklich, dann wieder verschwunden.
Lisa-Marie war ungewöhnlich still.
Ich drehte den Kopf ein wenig. “Alles okay?”
“Ja”, sagte sie leise. “Ich glaube, ich bin gerade zu glücklich zum Reden.”
Das verstand ich.
Ich war vielleicht zu überwältigt dafür.
Mit jedem Kilometer begann der Morgen sich zu lösen. Erst war da nur ein kaum merklicher Schimmer am Horizont. Dann wurde das Schwarz weicher, bekam Ränder, Tiefe, Farbe. Die Welt kehrte langsam aus der Nacht zurück, als würde jemand vorsichtig ein Tuch von ihr herunterziehen.
Über den Feldern lagen stille Nebelschwaden.
Sie schwebten niedrig über dem Boden, weiß und geheimnisvoll, als hätte die Erde im Schlaf geträumt und ihre Träume nicht ganz losgelassen. Dahinter standen Bäume, kahl und ruhig. Manchmal zog ein einzelner Hof vorbei. Ein Licht brannte in einem Fenster. Irgendwo begann ein Tag für Menschen, die nicht wussten, dass in einem Auto auf der Straße zwei Mädchen saßen, für die dieser Morgen größer war als jeder Morgen zuvor.
Dann kam die Sonne.
Nicht plötzlich. Nicht triumphierend. Sie kämpfte sich mühsam durch die Wolken, schob zuerst nur blasse Helligkeit über den Himmel und legte dann einen warmen Streifen Licht auf die Welt. Der Raureif auf den Wiesen begann zu funkeln. Tausende kleine Punkte, als hätte jemand Sternenstaub über die Felder gestreut.
Das Licht fiel durch das Seitenfenster und wärmte meine Wangen.
Ich schloss kurz die Augen.
Es war nur Sonnenlicht.
Und doch war es nicht nur Sonnenlicht.
Es war Sonnenlicht, das mich unterwegs fand.
Lisa-Marie beugte sich ein wenig nach vorn. “Yasmin?”
“Hm?”
“Glitzert das wirklich alles?”
Ich öffnete die Augen wieder. “Ja.”
“Wie unfair”, flüsterte sie. “Die Welt macht einfach sowas Schönes, während wir bisher drinnen waren.”
Mario sah kurz in den Rückspiegel. “Dann holen wir jetzt ein bisschen davon nach.”
Niemand sagte danach etwas.
Es war auch nicht nötig.
Ich dachte an Nathalie.
An ihre Worte.
Saugt alles auf.
Also tat ich es.
Ich sah nicht nur aus dem Fenster. Ich versuchte, mir alles einzuprägen. Die Felder. Den Nebel. Die Art, wie die Sonne an manchen Stellen durchbrach und an anderen wieder hinter Wolken verschwand. Die silbrigen Linien auf den Wiesen. Die dunklen Stämme der Bäume. Die kleinen Ortschaften, die vorbeizogen, als wären sie nur kurze Gedanken der Landschaft.
Die Fahrt war lang. Sehr lang.
Bäume zogen vorbei. Straßen wurden breiter. Autos wurden überholt. Lastwagen brummten neben uns her wie müde Tiere. Manchmal spielte leise Musik, manchmal war nur das gleichmäßige Geräusch der Reifen auf der Straße zu hören.
Lisa-Marie wurde langsam wacher.
Das merkte man daran, dass sie wieder Dinge sagte.
“Ich möchte offiziell festhalten”, erklärte sie irgendwann, “dass Reisen besser ist als Schlafen.”
“Das sagst du jetzt”, antwortete ich. “Vor zwei Stunden hast du ausgesehen, als würdest du gegen das Konzept Morgen juristisch vorgehen wollen.”
“Das war vor Sonnenaufgang. Da gelten andere Gesetze.”
Mario lachte leise.
Irgendwann machten wir Rast.
Die Sonne stand nun höher, und obwohl die Luft noch kühl war, fühlte sich alles heller an. Mario parkte, holte Frühstück aus dem Auto, Kaffee für sich und kleine Dinge für unterwegs. Er öffnete die Türen, damit frische Luft hereinkam, und für einen Moment saßen Lisa-Marie und ich einfach da und ließen uns vom Vormittagslicht betrachten.
“Wir frühstücken in der Sonne”, sagte Mario.
Lisa-Marie hob langsam die Hand. “Ich unterstütze diesen Antrag.”
Ich nickte. “Aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll. Licht verbessert eindeutig die Stimmung.”
Mario grinste. “Gut, dann ist es beschlossen.”
Es war vielleicht kein großes Frühstück. Keine gedeckte Tafel, keine Küche, kein vertrauter Esstisch. Aber gerade deshalb fühlte es sich besonders an. Wir waren unterwegs. Wir waren irgendwo. Nicht zu Hause, nicht am Ziel, sondern dazwischen.
Und dieses Dazwischen hatte eine eigene Magie.
Lisa-Marie erzählte irgendwann, dass sie sich Fehmarn wie eine Mischung aus Bauernhof, Urlaubsfilm und Musikvideo vorstellte.
Ich sagte ihr, dass das wahrscheinlich keine wissenschaftlich haltbare geografische Beschreibung sei.
Sie sah mich an. “Du wirst schon sehen. Am Ende stimmt es.”
Vielleicht hatte sie recht.
Je weiter wir nach Norden kamen, desto mehr veränderte sich das Licht. Es wurde klarer, weiter. Der Himmel schien höher zu hängen, als hätte jemand die Decke der Welt angehoben. Ich konnte nicht sagen, wann genau ich zum ersten Mal spürte, dass wir dem Meer näher kamen. Vielleicht war es Einbildung. Vielleicht roch die Luft wirklich anders. Vielleicht war es nur mein Herz, das vorauslief.
Dann, kurz vor dem Ziel, sahen wir sie.
Die Ostsee.
Zuerst nur ein silbriges Aufblitzen zwischen Landschaft und Himmel. Dann mehr. Eine Fläche, die sich ausdehnte, weiter und weiter, bis mein Verstand für einen Moment nicht verstand, was meine Augen sahen.
Wasser.
Scheinbar endloses Wasser.
Sonnenstrahlen funkelten darauf, zerbrachen in tausend kleinen Bewegungen, verschwanden, erschienen wieder. Es war nicht wie ein See. Nicht wie ein Fluss. Nicht wie etwas, das irgendwo begann und irgendwo endete.
Es war Weite.
Lisa-Marie sagte hinter mir kein Wort.
Das machte mir fast Sorgen.
Dann hörte ich sie leise atmen. Ganz langsam. Als müsste sie aufpassen, nicht vor lauter Staunen auseinanderzufallen.
“Yasmin”, flüsterte sie.
“Ja?”
“Sag Nathalie später, ich habe schon einmal für sie geatmet.”
Ich lächelte.
“Mache ich.”
Und dann kam die Fehmarnbrücke.
Mario fuhr hinauf, und plötzlich war links Wasser und rechts Wasser. Der Himmel öffnete sich über uns, die Brücke spannte sich vor uns wie ein Versprechen, und ich hatte das Gefühl, dass etwas in mir ganz klein und ganz groß zugleich wurde.
Ich, Yasmin, ein Mädchen aus Geschichten von amerikanischen Großstädten, aus Biochemie-Büchern, aus leisen Gedanken und zu vielen unausgesprochenen Sätzen, saß in einem Auto auf dem Weg zu einer Insel.
Neben Mario.
Mit Lisa-Marie hinter mir.
Und unter uns das Meer.
“Oh mein Gott”, flüsterte Lisa-Marie.
Ich wollte etwas Kluges sagen. Etwas Schönes. Etwas, das diesem Moment gerecht wurde.
Aber alles, was ich herausbrachte, war: “Ja.”
Mario lächelte nur.
Vielleicht hatte Nathalie genau das gemeint.
Nicht darüber nachdenken.
Bewahren.
Am Ziel angekommen, parkte Mario vor einem alten Landhaus.
Es war wunderschön. Nicht prunkvoll, nicht glatt, nicht perfekt. Eher so, als hätte es schon viele Jahreszeiten gesehen und sich mit jeder davon besser angefreundet. Die Mauern wirkten ruhig, die Fenster freundlich, und ringsum lag eine Stille, die anders war als die Stille zu Hause.
Als Mario die Autotür öffnete, hörte ich zum ersten Mal die Möwen.
Ihr Ruf kam von irgendwo über uns, rau und frei, ein bisschen frech, als würden sie die Insel kommentieren und dabei grundsätzlich recht behalten.
Dann roch ich die Luft.
Salzig.
Kühl.
Lebendig.
Ich wusste sofort, dass ich diesen Geruch nie wieder vergessen würde.
Mario half zuerst mir aus dem Auto. Nach der langen Fahrt fühlte sich alles in mir schwer und weich an, als hätte die Straße meine Gedanken durcheinandergerüttelt. Trotzdem wollte ich wach bleiben. Ich wollte alles sehen. Jeden Stein, jedes Fenster, jeden Streifen Himmel.
Dann half er Lisa-Marie.
Sie setzte ihre Sonnenbrille zurecht, obwohl sie erschöpft aussah.
“Ich möchte offiziell festhalten”, sagte sie, “dass ich das Meer heiraten würde.”
“Das ist rechtlich kompliziert”, sagte ich.
“Dann verlobe ich mich erstmal nur.”
Mario lachte. Und dieses Lachen machte den fremden Ort sofort ein bisschen vertrauter.
Im Landhaus gab es ein Bibliothekszimmer.
Als ich es sah, wusste ich, dass ich dort hätte wohnen können.
Regale, Bücher, warmes Holz, eine gemütliche Liege, gedämpftes Licht. Es war ein Raum, der nicht laut sagte: Ruh dich aus. Er legte einem diese Worte einfach sanft um die Schultern.
Mario brachte uns hinein, half uns, es uns bequem zu machen, und für eine Weile waren wir alle still.
Die Reise hatte uns eingeholt.
Jeder Kilometer lag nun in meinen Gliedern. Jede neue Farbe, jeder Blick aus dem Fenster, jede Veränderung des Himmels, jedes Aufblitzen der Ostsee. Ich fühlte mich, als hätte mein Herz heute mehr gesehen, als es an einem einzigen Tag eigentlich verarbeiten konnte.
Lisa-Marie lag neben mir, die Playboy-Cap noch immer auf dem Kopf, aber inzwischen leicht schief.
“Yasmin?”, murmelte sie.
“Ja?”
“Sind wir wirklich hier?”
Ich sah zur Decke des Bibliothekszimmers, dann zum Fenster, hinter dem irgendwo Möwen riefen.
“Ja”, sagte ich. “Wir sind wirklich hier.”
Sie schwieg einen Moment.
Dann sagte sie leise: “Arme Nathalie.”
Ich schloss die Augen.
“Ja.”
Mehr sagte ich nicht.
Mehr musste ich nicht sagen.
Am Abend wurde es früh dunkel.
Oder vielleicht fühlte es sich nur so an, weil wir so müde waren.
Mario kam noch einmal zu uns. Sein Gesicht war erschöpft, aber zufrieden. Er sah aus wie jemand, der eine lange Strecke hinter sich gebracht hatte und innerlich bereits beim nächsten Morgen war.
“Ruhen wir uns heute aus”, sagte er. “Morgen wird aufregend.”
Aufregend.
Ich wusste genau, was er meinte.
Das Fotoshooting.
Mein erstes Fotoshooting.
Schon lange hatte ich mir gewünscht, einmal vor seiner Kamera zu stehen. Nicht einfach nur angezogen und hübsch gemacht zu werden, sondern gesehen zu werden. Wirklich gesehen. In Licht, in Haltung, in Ausdruck. So, wie Mario es konnte. Als würde seine Kamera nicht nehmen, sondern entdecken.
Aber nun, da es tatsächlich bevorstand, kamen die Fragen.
Wie würde es sein?
Was würde passieren?
Würde ich wissen, wohin mit meinem Blick?
Mit meinen Händen?
Mit diesem viel zu vollen Herzen?
Und dann die Frage, die sich leise und gemein zwischen alle anderen schob:
Bin ich schön genug?
Ich dachte an Nathalie.
Er schaut nicht auf euch, um Fehler zu finden.
Ich drehte den Kopf ein wenig zu Lisa-Marie. Sie war schon halb eingeschlafen. Ihr Atem ging ruhig, ihre kupferfarbenen Haare fielen weich über die Liege, und selbst in ihrer Erschöpfung sah sie aus, als hätte jemand Lebensfreude in Menschengestalt gezeichnet.
Vielleicht fragte sie sich dasselbe.
Vielleicht nicht.
Vielleicht würde sie morgen einfach lachen, posieren, mit dem Wind flirten und so tun, als habe die Insel nur auf sie gewartet.
Vielleicht war genau das ihre Art, Angst zu haben.
Ich sah zum Fenster.
Draußen war nichts zu erkennen außer Dunkelheit. Aber ich wusste, dass das Meer dort war. Ich hatte es gesehen. Ich hatte es gerochen. Ich hatte es über die Brücke hinweg unter uns gespürt.
Und irgendwo weit im Süden, zu Hause, lag Nathalie mit ihrem gebrochenen Bein, Amber an ihrer Seite, und vielleicht dachte sie gerade an uns.
Ich nahm mir vor, ihr alles zu erzählen.
Nicht nur die großen Dinge.
Auch den Raureif.
Das Licht auf meiner Wange.
Lisa-Maries “innere Sonne”.
Den ersten Möwenschrei.
Den Geruch der salzigen Luft.
Das Gefühl, als die Brücke uns über das Wasser trug.
Mario löschte später das Licht.
“Schlaft gut, ihr zwei”, sagte er leise.
“Du auch”, murmelte Lisa-Marie.
Ich wollte noch etwas sagen. Etwas Dankbares. Etwas Kluges. Etwas, das erklärte, was dieser Tag für mich bedeutete.
Aber meine Gedanken lösten sich bereits auf.
Die Reise, die Dunkelheit, der Raureif, die Sonne, die Brücke, das Wasser, die salzige Luft — alles wurde weich und verschwommen.
Und kurz bevor ich einschlief, verstand ich etwas:
Vielleicht musste ich morgen gar nicht wissen, ob ich schön genug war.
Vielleicht reichte es, dass ich hier war.
Auf Fehmarn.
Unter einem weiten Himmel.
Mit Lisa-Marie.
Mit Mario.
Mit Amber und Nathalie im Herzen.
Und mit dem Gefühl, dass Zuhause nicht kleiner wurde, nur weil die Welt größer war.
