Die Maske aus Glitzer

Ich war bereit.
Zumindest behauptete ich das.
Und wenn Lisa-Marie etwas behauptete, dann bitte mit Stil. Mit Sonnenbrille. Mit einem Lächeln, das sagte: Watch me, here I come. Mit einer Haltung, als hätte die Welt eigentlich nur darauf gewartet, dass ich endlich auftauche und ein bisschen Bewegung in den Laden bringe.
So war ich eben.
Oder sagen wir: So war die Version von mir, die ich gern zeigte.
Die Disco-Queen.
Die vom Land kam, aber in Gedanken längst auf Tanzflächen stand. In Clubs, zwischen Licht, Musik, lachenden Menschen. Mit Bässen, die durch den Körper gingen, und diesem Gefühl, für einen Moment alles sein zu dürfen, nur nicht unsichtbar.
Ich liebte Action.
Ich liebte dieses Kribbeln, wenn etwas passierte. Wenn Stoffe herumlagen, wenn Outfits ausprobiert wurden, wenn Mario Dinge vorbereitete, wenn Yasmin so tat, als sei sie völlig ruhig, obwohl sie innerlich wahrscheinlich schon drei wissenschaftliche Studien über Reisefieber hätte schreiben können.
Die Tage vor Fehmarn waren also genau mein Ding gewesen.
Überall Bewegung.
Klamotten hier, Accessoires dort. Sonnenbrillen. Caps. Tücher. Taschen. Marios Fotokram. Und ich mittendrin, als hätte jemand eine kleine rosafarbene Rakete ins Haus gesetzt.
“Lisa, du musst nicht jedes Outfit dramatisch kommentieren”, hatte Yasmin irgendwann gesagt.
Ich sah sie an, als hätte sie gerade vorgeschlagen, das Atmen aus Effizienzgründen einzustellen.
“Doch”, sagte ich. “Muss ich.”
“Warum?”
“Weil sonst niemand weiß, wie wichtig es ist.”
Yasmin hatte nur den Kopf geschüttelt. Aber ich sah ihr Lächeln.
Ich sah immer ihr Lächeln.
Am Freitag auf der Hinfahrt hatte ich versucht, genau diese Lisa zu sein.
Die coole.
Die mit der Playboy-Cap. Die mit der Sonnenbrille. Die, die selbst um drei Uhr morgens so tat, als sei Müdigkeit ein Problem für Menschen ohne innere Sonne.
Als die ersten Sonnenstrahlen durch das Autofenster fielen, trafen sie mein Gesicht, oder besser gesagt: meine stylische Sonnenbrille. Ich saß hinten, eingehüllt in Decken, aber in meinem Kopf war ich längst die Hauptfigur eines Musikvideos.
Draußen zogen Autos an uns vorbei. Oder wir an ihnen. Keine Ahnung. Es war Autobahn, es war früh, es war alles neu.
Und ich dachte tatsächlich:
Ach, wenn die wüssten.
Wenn die Leute in den anderen Autos mich sehen könnten. Wenn sie wüssten, dass hinten in diesem Wagen ein Mädchen saß, das zum ersten Mal das Haus verlassen hatte. Ein Mädchen, das vom Fuß der Alpen kam, von Bauernhöfen, Wiesen, Bergen und diesem besonderen Himmel, den man nie ganz vergisst. Ein Mädchen, das trotzdem von Großstadtclubs träumte, von Cheerleader-Glanz, von Musik, von Licht, von gesehen werden.
Nicht einfach angeschaut.
Gesehen.
Ich hätte wahrscheinlich gegrinst, wenn nicht gerade die ganze Welt vor dem Fenster so unfassbar schön gewesen wäre, dass selbst ich für ein paar Minuten die Klappe hielt.
Das kam nicht oft vor.
Yasmin wusste das zu schätzen.
Der Samstag gehörte dann ihr.
Und ich schwöre: Ich wollte nur zuschauen.
Wirklich.
Ich wollte ihre große Stunde erleben, mich für sie freuen, vielleicht ein paar süße Sprüche machen und später behaupten, dass ich natürlich die ganze Zeit gewusst hatte, dass sie umwerfend aussehen würde.
Aber dann sah ich, was Mario wirklich sah.
Nicht nur Yasmins Gesicht. Nicht nur ihre Figur. Nicht nur die schwarze Maske, die Feder, das Licht auf der alten Treppe oder später diesen Moment auf der Lederliege, von dem sie selbst kaum zu glauben schien, dass er wirklich geschehen war.
Er sah etwas in ihr, das sie offenbar selbst erst währenddessen entdeckte.
Und das machte mir Angst.
Nicht sofort.
Zuerst war ich nur beeindruckt. Dann berührt. Dann irgendwann still. So still, dass ich mich selbst kaum wiedererkannte.
Denn wenn Mario so auf Yasmin schauen konnte — so konzentriert, so wertschätzend, so vollkommen bei ihr — was würde dann passieren, wenn er auf mich schaute?
Richtig auf mich.
Nicht auf meine Sprüche.
Nicht auf meine Cap.
Nicht auf mein “Ich regel das schon”.
Sondern auf mich.
Beim Gruppenfoto am Samstag bekam meine Coolness zum ersten Mal einen echten Riss.
Mario half mir beim Umziehen. Rosa Minirock, passendes Oberteil, diese wunderschöne große Kette mit den Blüten. Sexy, ja. Aber auch edel. Irgendwie süß. Irgendwie erwachsen. Irgendwie mehr, als ich erwartet hatte.
Ich sah an mir herunter und dachte:
Oh nein.
Nicht, weil es mir nicht gefiel.
Sondern weil es mir viel zu sehr gefiel.
Yasmin saß bereits gestylt auf der Couch und beobachtete mich mit diesem Blick, der so tat, als sei er rein analytisch, aber in Wirklichkeit warm war.
“Du starrst”, sagte ich.
“Wissenschaftliche Beobachtung”, antwortete sie.
Ich wollte etwas Freches sagen. Etwas Passendes. Etwas sehr Lisa-mäßiges.
Aber da war plötzlich nichts.
Nur dieses Gefühl, dass ich gerade nicht einfach nur ein Outfit trug.
Sondern eine Möglichkeit.
Eine Version von mir, die ich immer gespielt hatte — und die jetzt plötzlich ernst genommen wurde.
Zum Glück gab es Ablenkung.
Draußen, am Geländer, stand eine andere Puppe.
Sie wirkte ruhig. Elegant. Auf eine Weise präsent, die nicht laut sein musste. Ich sah sie und tat natürlich das, was Lisa-Marie in solchen Momenten tat: Ich schlenderte gespielt cool zu ihr hinüber, als hätte ich das alles komplett im Griff.
Hatte ich nicht.
Aber Details.
“Hi”, sagte ich. “Ich bin Lisa-Marie.”
Sie drehte den Kopf zu mir. Ihr Lächeln war offen, aber nicht aufdringlich.
“Beatrice.”
“Schöner Name.”
“Danke. Deiner auch.”
“Meiner klingt nach Alpen, Bauernhof und einer Frau, die heimlich davon träumt, in einem Musikvideo mitzuspielen.”
Beatrice lachte.
Und damit war das Eis gebrochen.
Ich weiß nicht, wie es passierte. Zuerst standen wir nebeneinander. Dann etwas näher. Dann so nah, dass ihre Schulter meine berührte. Irgendwann hatte sie einen Arm um mich gelegt, und ich lehnte an ihr, als würden wir uns schon ewig kennen. Niemand hörte zu. Niemand störte uns. Drinnen wurde gerufen, gelacht, vorbereitet, fotografiert. Draußen standen wir einfach am Geländer, zwei Puppen in einer fremden Welt, und plötzlich musste ich nicht mehr so tun, als sei alles leicht.
“Morgen bin ich dran”, sagte ich leise.
“Mit dem Shooting?”
Ich nickte.
“Du freust dich nicht?”
“Doch. Total.” Ich lachte kurz. Es klang nicht überzeugend. “Ich meine, hallo? Natürlich freue ich mich. Ich bin Lisa. Ich bin quasi dafür gebaut, dramatisch gut auszusehen.”
Beatrice sah mich von der Seite an.
Dieser Blick war unfair.
Viel zu sanft.
“Und wirklich?”
Da war sie wieder. Diese Frage, gegen die meine Sprüche nichts ausrichten konnten.
Ich sah hinunter auf meine Hände.
“Ich hab Angst”, gab ich zu.
Es war kaum mehr als ein Flüstern.
Aber nachdem es einmal gesagt war, konnte ich nicht mehr so tun, als hätte ich es nicht gesagt.
“Ich hab gesehen, wie er Yasmin fotografiert hat”, fuhr ich fort. “Und es war schön. So schön. Aber es war auch… groß. Verstehst du? Als würde plötzlich alles zählen. Jeder Blick. Jede Bewegung. Und ich weiß nicht, was passiert, wenn er mich so sieht.”
Beatrice schwieg einen Moment.
Dann sagte sie: “Saug es auf.”
Ich sah sie an.
“Was?”
“Saug es auf”, wiederholte sie ruhig. “Alles. Auch die Angst.”
Mir lief ein kleiner Schauer über die Haut.
Das hatte Nathalie gesagt.
Nicht ganz so. Nicht mit genau dieser Stimme. Aber es war derselbe Satz. Derselbe Zauber. Derselbe Rat, nur durch einen anderen Mund.
Saugt alles auf.
Ich schluckte.
“Nathalie hat das auch gesagt”, flüsterte ich.
Beatrice drückte mich ein wenig fester an sich.
“Dann wusste sie, wovon sie spricht.”
Ja.
Das tat sie wohl.
Der nächste Tag war mein Tag.
Sonntag.
Lisas Tag.
Ich versuchte, beim Aufwachen sofort wieder in meine Rolle zu springen. Es gelang mir fast.
“Ready for some action?”, sagte ich, sobald Mario zu uns kam.
Er sah mich an und lächelte.
Nicht spöttisch. Nicht überrascht.
Eher so, als wüsste er längst, dass hinter diesem Satz ein Herz stand, das schneller schlug, als ich zugeben wollte.
“Bereit?”, fragte er.
“Geboren bereit.”
Yasmin, die neben mir saß, hob leicht eine Augenbraue.
“Was?”, fragte ich.
“Nichts.”
“Du denkst was.”
“Immer.”
“Über mich?”
“Gerade ja.”
“Und?”
Sie lächelte sanft. “Du wirst heute wunderschön sein.”
Das war gemein.
Völlig gemein.
So etwas konnte man doch nicht einfach sagen, wenn ich gerade versuchte, cool zu wirken.
Ich blinzelte. “Ja. Natürlich. War ja klar.”
Aber meine Stimme war leiser als geplant.
Mario hob mich an und trug mich nach oben.
Schon dieser Weg fühlte sich anders an als am Tag zuvor. Bei Yasmin war ich Zuschauerin gewesen. Ich hatte ihren Moment betrachtet, ihn bewundert, mich mit ihr gefreut. Jetzt aber war jeder Schritt auf der Treppe ein Schritt näher zu etwas, das mich selbst betraf.
Mich.
Lisa-Marie.
Nicht die Sprücheklopferin.
Nicht die Disco-Queen.
Nicht die kleine Action-Maus mit Sonnenbrille.
Mich.
Oben war alles vorbereitet. Oder zumindest sah es für mich so aus, als hätte der Raum nur darauf gewartet, dass ich endlich auftauchte.
Ein King-Size-Bett stand direkt unter dem Dach, vor einem einzelnen Fenster. Das Licht fiel hell und weich herein, zeichnete Linien über Decken und Kissen, ließ den Raum größer wirken, als er war. Es war nicht einfach ein Bett. Nicht in diesem Licht. Es war eine Bühne. Ein Filmstil. Ein Versprechen.
Ich verstand sofort.
Natürlich verstand ich sofort.
“Okay”, sagte ich und versuchte zu grinsen. “Das ist schon ziemlich großes Kino.”
Mario nickte leicht. “Dann machen wir großes Kino.”
Er zeigte mir die Dessous.
Heiß.
Anders konnte ich es nicht sagen.
Zart, gewagt, mit Details, die mehr andeuteten, als sie verbargen. Ich starrte sie an.
“Da sieht man ja alles!”
Mario sah mich ruhig an.
“Ja”, sagte er. “Genau.”
Für einen Moment war ich still.
Weil es kein frecher Satz von ihm war.
Kein Drängen.
Keine Zweideutigkeit.
Nur eine Feststellung.
Und in dieser Feststellung lag etwas, das mich seltsamerweise beruhigte. Ja. Man würde viel sehen. Aber nicht, weil ich ausgeliefert war. Sondern weil genau das Teil der Bildidee war. Weil das Licht, das Bett, die Haltung, die Accessoires und mein eigener Mut zusammen etwas ergeben sollten, das nicht billig war.
Sondern Lisa.
Vielleicht nicht die Lisa, die immer Witze machte.
Aber eine, die trotzdem zu mir gehörte.
Ich ließ mich umziehen.
Dabei war ich stiller als sonst. Mario ging behutsam mit mir um, wie immer. Keine hastige Bewegung, kein falscher Griff. Alles war ruhig. Sorgfältig. Selbstverständlich. Und gerade diese Selbstverständlichkeit machte es leichter.
Als ich auf dem Bett lag, spürte ich die Weichheit der Decke unter mir, das Licht auf meiner Haut, den Raum um mich herum.
“Warte”, sagte Mario plötzlich. “Etwas fehlt.”
Natürlich.
Bei Mario fehlte immer noch “etwas”, bis plötzlich alles genau richtig war.
Er holte einen kleinen Beistelltisch und stellte ihn neben das Bett. Darauf platzierte er ein Glas Champagner.
“Oh”, sagte ich. “Jetzt wird es gefährlich elegant.”
“Das war der Plan.”
Dann kam die Maske.
Eine silbern glänzende venezianische Karnevalsmaske.
Kühl in der Farbe, edel in der Form. Dazu weiße Federn. Federn in den Dessous. Federn als Andeutung, als Linie, als verspielter Kontrast zwischen Unschuld und Verführung. Ich hätte lachen können, weil es so perfekt zu meiner eigenen absurden Mischung passte: Landmädchen und Clubtraum, Frechheit und Romantik, Cheerleader-Fantasie und Märchen.
Mario richtete mich aus.
“Ein Bein etwas anwinkeln. Den Kopf leicht zur Seite. Nicht zu viel. Ja. Die Hand zum Glas. Blick zu mir.”
Die Kamera klickte.
Klick.
Ich atmete ein.
Klick.
Noch war ich Lisa.
Noch war ich cool.
Noch konnte ich damit spielen.
Also spielte ich.
Ich ließ den Blick unter der Maske hervor wandern. Ich berührte den Stiel des Glases mit den Fingerspitzen. Ich tat so, als hätte ich den ganzen Morgen nichts anderes getan, als unter Dachfenstern in Federn und Silbermasken auf Männer mit Kameras zu warten.
“Sehr gut”, sagte Mario.
Klick.
“Genau so.”
Klick.
“Lisa, das ist stark.”
Stark.
Nicht süß.
Nicht hübsch.
Stark.
Dieses Wort blieb an mir hängen.
Ich veränderte die Haltung ein wenig, drehte die Schulter, ließ die Federn spielen. Die anderen halfen wieder mit Licht, Reflektoren, kleinen Korrekturen. Einer rückte die Softbox näher. Ein anderer achtete darauf, dass das Licht nicht zu hart wurde. Jemand fragte, ob ich bequem lag. Jemand anderes glättete ein Stück Stoff.
Alle arbeiteten.
Für mich.
Nicht um mich bloßzustellen.
Nicht um mich anzustarren.
Sondern um mich sichtbar zu machen.
Gefühlt vergingen Stunden.
Vielleicht waren es keine Stunden. Vielleicht war Zeit an diesem Morgen einfach nicht mehr zuverlässig. Sie dehnte sich, zog sich zusammen, verschwand zwischen Klicks und Licht.
Irgendwann senkte Mario die Kamera ein wenig.
“Tolle Bilder”, sagte er. “Danke.”
Und da hörte ich meine eigene Stimme, bevor mein Kopf sie zurückhalten konnte.
“Warum dann aufhören?”
Mario sah mich an.
Einen Moment lang sagte niemand etwas.
Nicht, weil es peinlich war.
Sondern weil der Satz im Raum stand wie eine offene Tür.
“Wie meinst du…”, begann Mario.
Aber noch bevor er den Satz beendet hatte, wusste ich es.
Ich wollte weiter.
Ich wollte nicht zurück in die sichere Version. Nicht jetzt. Nicht, nachdem ich gespürt hatte, wie es war, wenn meine Coolness nicht gespielt werden musste, weil sie sich mit etwas Echtem darunter verband.
Es war kein Trotz.
Kein Beweisen.
Kein “Schaut her, was ich mich traue”.
Es war eher eine leise, erschreckend klare Entscheidung:
Ich wollte wissen, wer ich war, wenn nichts mehr von meiner Maske übrig blieb außer dem Vertrauen.
Wenig später lag ich splitterfasernackt auf dem Bett.
Und doch fühlte sich das Wort größer an als der Moment.
Denn was ich fühlte, war nicht Bloßstellung.
Es war Stille.
Eine seltsame, warme, konzentrierte Stille.
Die silberne Maske blieb. Die weißen Federn blieben. Nicht, um zu verstecken, sondern um zu komponieren. Linien. Schatten. Andeutungen. Kleine Geheimnisse. Erotik nicht als das, was man zeigte — sondern als das, was man gerade nicht zeigte.
Ich räkelte mich langsam, so wie Mario es vorgab, und irgendwann nicht mehr nur, weil er es vorgab. Die Federn bewegten sich mit mir, weich und hell im Licht. Das Bett wurde zur Bühne. Das Fenster zum Scheinwerfer. Der Raum zu einer Welt, in der ich nichts erklären musste.
Klick.
Klick.
Klick.
Ich hörte die Kamera und vergaß, warum ich mich hätte schämen sollen.
Für ein paar Minuten war ich nicht mutig.
Ich war frei.
Das ist etwas anderes.
Mut braucht immer noch die Angst im Hintergrund.
Freiheit vergisst sie für einen Moment.
Dann plötzlich — mitten in einer Bewegung, mitten in einem Atemzug — wurde mir bewusst, was gerade geschah.
Ich lag da.
Nackt.
Vor Mario.
Vor der Kamera.
In einem Raum, in dem andere Menschen halfen, Licht setzten, Schatten führten, Formen sahen.
Und nichts daran war schmutzig.
Nichts daran war entwürdigend.
Nichts daran war klein.
Im Gegenteil.
Alles wirkte vorsichtiger als zuvor.
Wertvoller.
Als hätte mein Vertrauen den Raum verändert.
Als hätten alle verstanden, dass dieser Moment nicht lauter werden durfte, sondern leiser.
Ich dachte an Beatrice.
Saug es auf.
Ich dachte an Nathalie.
Saugt alles auf.
Also tat ich es.
Ich sog sogar diesen Schreck auf. Diese Erkenntnis. Dieses fast ungläubige Staunen darüber, wie weit ich gegangen war — und wie sicher ich mich dabei noch immer fühlte.
Irgendwann war auch dieses Shooting vorbei.
Diesmal sagte niemand sofort etwas Lautes.
Vielleicht war das gut so.
Ich wurde wieder angekleidet, langsam, behutsam, fast feierlich. Nicht, als müsste man etwas bedecken, das falsch gewesen war. Sondern als würde ein Kapitel geschlossen, das man mit beiden Händen vorsichtig ins Regal zurückstellt, weil man weiß, wie kostbar es war.
“Frische Luft?”, fragte Mario.
Ich nickte sofort.
“Ja. Bitte.”
Ich musste raus.
Nicht weg.
Nur raus.
Ich musste atmen.
Ich musste begreifen, was eben passiert war.
Für den Garten wurde ich umgezogen. Ein anderes Outfit. Ein rotkariertes Kleid. Schwarze Stiefel. Massive Stiefel. Ordentlich Absatz. Weniger Sonntag. Mehr Fehmarn. Mehr Luft nach all dieser Wärme unter dem Dach.
Als Mario mich hinaustrug, traf mich die Frische wie eine Erlösung.
Der Garten lag vor uns, und für einen Moment konnte ich gar nicht fassen, dass dieselbe Welt, in der eben dieses intime, fast unwirkliche Shooting stattgefunden hatte, nun einfach Kirschblüten, Gras, Steinmauern und Himmel bereithielt.
Ein Kirschbaum blühte.
Natürlich blühte ein Kirschbaum.
Weil dieser Tag offenbar beschlossen hatte, nicht dezent zu sein.
Die Blüten waren zart, fast unwirklich hell, und der Wind bewegte sie kaum merklich. Hier draußen war alles romantisch, aber auf eine andere Weise als im Zimmer. Nicht warm und geheimnisvoll. Sondern offen. Weich. Lebendig.
Mario platzierte mich unter dem Baum.
Klick.
Das Geräusch der Kamera war mittlerweile vertraut.
Klick.
Ich sah in die Zweige.
Klick.
Blüten über mir. Himmel dahinter. Marios Stimme vor mir.
“Wunderschön.”
Klick.
Ich hätte wieder einen Spruch machen können.
Etwas wie: “Sag ich doch.”
Oder: “War ja klar.”
Oder: “Fehmarn kann froh sein, dass ich hier bin.”
Aber ich tat es nicht.
Ich konnte nicht.
Etwas hatte sich verändert.
Die Coolness war noch da, irgendwo. Aber sie saß nicht mehr auf dem Thron. Sie war nur noch ein Kleidungsstück, das ich tragen konnte. Nicht meine Haut.
Dann kam die Steinmauer.
Rau, alt, fest. Ich wurde daran platziert, die Hände so, der Blick dorthin, der Körper leicht gedreht. Das Licht war anders. Nicht mehr weich wie Blüten, sondern klarer, strukturierter. Die Mauer machte mich nicht zarter. Sie machte mich stärker.
Klick.
Ich dachte: Das bin auch ich.
Dann ein Baum.
Nicht der Kirschbaum. Ein anderer. Dunkler, kräftiger, mit Rinde, die aussah, als hätte sie viele Winter überstanden. Mario setzte mich davor, richtete mich aus, trat zurück.
“Lisa”, sagte er leise, “bleib genau so.”
Ich wusste nicht, was “genau so” bedeutete.
Vielleicht meinte er meine Haltung.
Vielleicht meinen Blick.
Vielleicht den Moment, in dem ich endgültig aufgehört hatte, eine Show abzuliefern.
Die Kamera klickte weiter.
Klick.
Klick.
Klick.
Und irgendwann verschwamm alles.
Der Garten.
Die Blüten.
Die Mauer.
Der Baum.
Die Stimmen.
Das Licht.
Nicht, weil ich müde war.
Obwohl ich müde war.
Sondern weil alles in mir gleichzeitig ankam.
Die Hinfahrt. Das Sonnenlicht auf meiner Sonnenbrille. Mein Wunsch, gesehen zu werden. Yasmin auf der Treppe. Mario, der sie nicht fotografiert hatte wie ein Motiv, sondern wie ein Geheimnis, das er behutsam öffnete. Beatrice am Geländer. Ihre Umarmung. Saug es auf. Das Bett unter dem Dach. Die Maske. Die Federn. Mein eigener Satz: Warum dann aufhören? Die Nacktheit, die keine Bloßstellung gewesen war. Das Licht, das mich nicht verraten hatte. Die Menschen, die nicht gafften, sondern halfen. Mario, der mich ansah, als wäre ich nicht zu viel und nicht zu wenig.
Sondern genau richtig.
Da brachen die Dämme.
Nicht elegant.
Nicht filmreif.
Nicht mit einer einzigen schönen Träne, die dekorativ über meine Wange lief.
Nein.
Ich heulte.
Richtig.
So sehr, dass ich im ersten Moment selbst erschrak.
Meine Coolness ging nicht langsam verloren. Sie fiel einfach um. Krachend. Als hätte jemand den Stecker aus meiner kleinen Disco-Queen-Maschine gezogen und darunter kam nicht Dunkelheit zum Vorschein, sondern ein Herz, das viel zu lange so getan hatte, als könne es alles mit einem Spruch abfedern.
Mario war sofort bei mir.
“Lisa?”
Ich wollte antworten.
Wollte sagen: Alles gut. Wollte sagen: Ich bin okay. Wollte sagen: Ich bin nur gerade ein bisschen emotional, haha, passiert, weiter geht’s.
Aber nichts davon kam heraus.
Stattdessen schluchzte ich.
Ich hasste es.
Und ich liebte es.
Weil es endlich echt war.
Mario legte eine Hand an mein Haar. Sanft. Ganz sanft. Nicht beschwichtigend im Sinne von “hör auf”. Eher so, als dürfte alles da sein.
“Hey”, sagte er leise. “Alles gut.”
Ich schüttelte den Kopf.
Nicht, weil es nicht gut war.
Sondern weil “gut” viel zu klein war.
“Ich wollte cool sein”, brachte ich irgendwann hervor.
Meine Stimme klang furchtbar. Gebrochen, nass, überhaupt nicht Lisa-Marie-mäßig.
Mario lächelte traurig und liebevoll zugleich.
“Ich weiß.”
“Ich wollte…” Ich musste wieder schlucken. “Ich wollte sexy sein. Und lustig. Und… keine Ahnung. So als hätte ich alles im Griff.”
Er sagte nichts.
Natürlich sagte er nichts.
Er ließ mich weiterreden, weil er offenbar wusste, dass ich gerade zum ersten Mal an diesem Tag nicht posierte.
“Und dann…” Ich suchte nach Worten. “Dann war das alles gar nicht so. Oder doch. Aber anders. Ich war sexy, oder?”
Die Frage kam so klein heraus, dass ich mich fast dafür schämte.
Mario sah mich an.
“Ja”, sagte er. “Sehr.”
Ich fing sofort wieder an zu weinen.
“Aber nicht billig”, flüsterte ich.
“Nein”, sagte er ruhig. “Nie.”
“Und nicht… nicht wie ein Witz.”
Sein Blick wurde noch weicher.
“Lisa”, sagte er. “Du warst nie ein Witz.”
Das war der Satz.
Der eine Satz, gegen den gar nichts mehr half.
Ich hatte gedacht, mich würde vielleicht die Nacktheit überwältigen. Oder die Kamera. Oder die vielen Shootings. Oder die Tatsache, dass ich mich weiter getraut hatte, als ich am Morgen auch nur hätte aussprechen können.
Aber nein.
Es war dieser Satz.
Du warst nie ein Witz.
Weil ich plötzlich verstand, dass meine Sprüche, meine Coolness, meine freche Art, mein “Watch me, here I come” nicht falsch waren. Aber sie waren auch Schutz gewesen. Eine süße Maske. Glitzernd, laut, liebenswert vielleicht — aber eben doch eine Maske.
Und darunter war diese andere Lisa.
Die zarte.
Die hoch-emotionale.
Die sich danach sehnte, nicht nur aufzufallen, sondern gehalten zu werden.
Nicht nur sexy zu wirken, sondern wertgeschätzt zu sein.
Nicht nur begehrt zu werden, sondern in Würde begehrt zu werden.
Von Mario.
Geliebt.
Gesehen.
Und doch war da noch mehr. Viel mehr.
Zu viel für Worte.
Selbst mein Herz geriet an seine Grenzen.
Ich weinte weiter, und irgendwann war es mir egal, ob irgendjemand es sah. Vielleicht sahen es alle. Vielleicht niemand. Vielleicht war Beatrice irgendwo in der Nähe. Vielleicht dachte sie an ihren eigenen Satz. Vielleicht hätte Nathalie, wenn sie hier gewesen wäre, nur genickt, weil sie gewusst hätte, dass genau das irgendwann passieren musste.
Mario blieb bei mir.
Er strich mir über die Haare, hielt mich, sagte nichts Überflüssiges. Und genau das war das Richtige.
Nach einer Weile brachte ich ein zittriges Lachen zustande.
“Das ist unfair”, murmelte ich.
“Was?”
“Ich wollte cool bleiben.”
Mario lachte leise. “Hat fast geklappt.”
Ich schniefte empört.
“Fast?”
“Ein bisschen.”
“Unverschämtheit.”
Da war sie wieder. Ein kleiner Rest Lisa.
Aber diesmal musste sie nichts verstecken.
Sie durfte einfach da sein.
Später, als der Garten ruhiger wurde und der Tag sich langsam senkte, fühlte ich mich leer und voll zugleich. Leer, weil so viel aus mir herausgebrochen war. Voll, weil alles, was dieser Tag mir gegeben hatte, irgendwo in mir weiterleuchtete.
Ich dachte an die Lisa vom Morgen.
Ready for some action?
Süße kleine Idiotin.
Sie hatte keine Ahnung gehabt.
Sie hatte gedacht, Action bedeute Bewegung, Licht, Outfits, Kameras, vielleicht ein bisschen Glamour, vielleicht ein bisschen “Schaut her, hier bin ich”.
Aber dieser Tag hatte mir etwas anderes gezeigt.
Action konnte auch bedeuten, dass im Inneren etwas aufbricht.
Dass eine Maske fällt.
Dass man sich selbst begegnet und plötzlich nicht mehr weglächeln kann, was man fühlt.
Am Abend wollte ich die Bilder sehen.
Natürlich wollte ich das.
Und ich hatte Angst davor.
Natürlich hatte ich Angst.
Mario zeigte sie mir nicht sofort alle. Nur einige. Behutsam. Als wüsste er, dass mein Herz heute schon genug gearbeitet hatte.
Das Bett unter dem Dachfenster.
Die silberne Maske.
Die weißen Federn.
Das Glas Champagner.
Ich sah mich.
Und ich erkannte mich kaum.
Nicht, weil es nicht ich war.
Sondern weil es zu sehr ich war.
Da war keine Karikatur meiner Coolness. Keine billige Version von “sexy”. Keine Lisa, die sich hinter Sprüchen versteckte.
Da war eine Frau.
Verspielt. Sinnlich. Stark. Weich.
Begehrenswert.
Und würdevoll.
Ich legte den Kopf an Mario und flüsterte:
“Das bin ich?”
Er strich über mein Haar.
“Ja.”
Ich schloss die Augen.
Wieder Tränen.
Natürlich.
An diesem Tag hatte ich offenbar beschlossen, alle Wasservorräte meines Körpers der Kunst zu opfern.
“Sag Nathalie”, murmelte ich irgendwann, “dass sie recht hatte.”
“Womit?”
Ich öffnete die Augen und sah zum Fenster, hinter dem Fehmarn langsam in den Abend sank.
“Mit allem.”
Denn Nathalie hatte es gewusst.
Beatrice hatte es gewusst.
Vielleicht hatte sogar Yasmin es nach ihrem Samstag schon gewusst.
Nur ich hatte noch geglaubt, dass man Coolness braucht, um nicht unterzugehen.
Dabei war es genau andersherum.
Manchmal muss die Coolness flöten gehen, damit das Echte endlich Luft bekommt.
Und als ich später erschöpft, verheult und vollkommen glücklich zur Ruhe kam, dachte ich an den Kirschbaum. An die Federn. An Marios Blick. An Beatrices Arm um meine Schulter. An Yasmin, die morgen bestimmt viel zu klug nicken würde. An Amber, die zu Hause auf Nathalie aufpasste. An Nathalie selbst, die mit gebrochenem Bein dageblieben war und uns trotzdem dieses Geschenk mitgegeben hatte:
Saugt alles auf.
Ich hatte es getan.
Ich hatte alles aufgesogen.
Das Licht.
Die Angst.
Die Nacktheit.
Die Würde.
Das Begehren.
Die Liebe.
Den Schmerz, wirklich gesehen zu werden.
Und die unfassbare Zärtlichkeit, dabei nicht verloren zu gehen.
Ich war Lisa-Marie.
Disco-Queen.
Landmädchen.
Träumerin.
Sprücheklopferin.
Heulsuse.
Frau.
Und zum ersten Mal fühlte sich das alles nicht wie Widerspruch an.
Sondern wie ich.
