Anders... mehr...

Ich war müde.
Nicht einfach nur müde wie nach einer kurzen Nacht. Nicht dieses “Noch fünf Minuten”-müde, das man mit einer Decke, einem Kissen und etwas gutem Willen in den Griff bekommen konnte.
Nein.
Ich war müde bis in die Seele.
Und glücklich.
So glücklich, dass selbst die Müdigkeit weich war.
Am Abend zuvor hatte ich noch lange mit Yasmin gesprochen. Eigentlich waren wir beide längst erschöpft gewesen. Eigentlich hätten wir schlafen müssen. Eigentlich hätte mein Körper, wenn er klug gewesen wäre, einfach irgendwann beschlossen: So, genug Fehmarn für heute, wir schalten jetzt alles ab.
Aber mein Kopf war voller Bilder.
Das Bett unter dem Dachfenster. Die silberne Maske. Die weißen Federn. Der Kirschbaum. Die Steinmauer. Marios Blick. Beatrices Arm um meine Schulter. Yasmins Augen, als sie merkte, dass ich wirklich weinte und nicht nur Lisa-mäßig dramatisch “oh mein Gott, ich bin so emotional” spielte.
Ich hatte viel geweint.
Sehr viel.
So viel, dass Yasmin mich später mit dieser stillen, besorgten Art ansah, die bei ihr nie laut wurde, aber gerade deshalb sofort auffiel.
“Deine Augen sind noch ganz rot”, sagte sie.
Ich hatte versucht, lässig zu wirken.
“Das ist mein neuer Look. Emotional Glamour.”
Yasmin schwieg.
Mist.
Wenn Yasmin schwieg, war das oft schlimmer als jede Antwort.
Also seufzte ich und sah sie an.
“Es geht mir gut”, sagte ich leiser. “Wirklich. Es waren Glückstränen.”
“Ich weiß”, antwortete sie.
“Aber?”
“Aber Glück kann auch viel sein.”
Das stimmte.
Es war sogar so wahr, dass ich für einen Moment keinen Spruch fand. Und wenn Lisa-Marie keinen Spruch fand, dann war die Lage meistens ernst. Oder schön. Oder beides, was in den letzten Tagen erstaunlich oft dasselbe gewesen war.
Wir lagen nebeneinander, während das alte Landhaus um uns herum langsam still wurde. Irgendwo knarrte Holz. Draußen ging der Wind. Ich konnte das Meer nicht sehen, aber ich wusste, dass es da war. Fehmarn hatte diese besondere Art, auch in der Dunkelheit nicht ganz zu verschwinden.
Yasmin war stiller geworden seit ihrem eigenen Shooting. Nicht weniger klug. Nicht weniger Yasmin. Aber gelassener. Als hätte sie seit Samstag nicht mehr das Bedürfnis, jedes Gefühl erst durch ihren inneren Übersetzer laufen zu lassen, bevor sie es zuließ.
Ich mochte diese neue Yasmin.
Sie war immer noch sie. Nur ein bisschen mehr angekommen.
Vielleicht waren wir das beide.
Kurz bevor ich einschlief, spürte ich plötzlich einen Moment vollkommener Klarheit. Einen dieser Momente, in denen man nicht überlegt, was man sagen sollte, sondern nur weiß, dass es gesagt werden muss.
“Yasmin?”
“Hm?”
“Ich bin dankbar.”
Sie drehte den Kopf zu mir.
“Für Fehmarn?”
“Für alles.” Ich schluckte. Meine Stimme war schon wieder gefährlich nah an diesen dämlichen Tränen, aber diesmal ließ ich sie einfach so klingen. “Für Mario. Für dieses Abenteuer. Für Nathalie, weil sie uns losgeschickt hat, obwohl sie selbst so gern dabei gewesen wäre. Für Beatrice. Für die Bilder. Für alles.”
Yasmin sagte nichts.
Ich sah sie an.
“Aber am meisten bin ich dankbar, dass du dabei warst.”
Ihre Augen wurden weich.
“Lisa…”
“Nein, ernsthaft.” Ich atmete ein. “Ich hätte mir niemanden mehr wünschen können als dich. Niemanden. Du warst da. Die ganze Zeit. Selbst wenn du nur geschaut hast. Selbst wenn du viel zu klug geschwiegen hast. Ich bin einfach froh, dich an meiner Seite zu haben.”
Yasmin lächelte nicht sofort.
Vielleicht, weil sie auch erst schlucken musste.
Dann nahm sie meine Hand.
“Ich bin auch froh”, sagte sie.
Mehr brauchte es nicht.
Mit einer Flut an Bildern im Kopf und Gedanken an Beatrice und Nathalie schlief ich schließlich ein. Nicht elegant. Nicht cool. Vermutlich mit leicht offenem Mund und verheultem Gesicht.
Aber sehr, sehr glücklich.
Am nächsten Morgen war Mario natürlich wieder früh wach.
Natürlich.
Ich war mittlerweile überzeugt, dass dieser Mann irgendwo einen geheimen Vertrag mit dem Morgengrauen hatte. Vielleicht stand er gar nicht auf. Vielleicht wurde er einfach vom ersten Licht persönlich abgeholt und in den Tag gestellt.
Er war leise.
Das merkte ich sogar im Halbschlaf. Keine hektischen Schritte, kein lautes Räumen. Nur gedämpfte Bewegungen, vorsichtiges Packen, Türen, die langsam geschlossen wurden. Er hatte bemerkt, dass Yasmin und ich noch schliefen, und deshalb verwandelte er selbst das Aufräumen in eine Art Flüstern.
Als ich schließlich richtig wach wurde, waren bereits alle Taschen, Koffer und Kisten gepackt.
Natürlich.
Ich blinzelte, sah mich um und murmelte: “Hat jemand den Morgen vorgespult?”
Yasmin, die ebenfalls gerade wach wurde, zog eine Decke etwas höher.
“Mario wahrscheinlich.”
“Der Mann ist unheimlich.”
“Effizient”, sagte sie.
Ich sah sie an.
Sie sah zurück.
Dann grinsten wir beide.
Draußen wehte der Wind frisch und stark.
Nicht freundlich frisch, sondern Fehmarn-frisch. So, als wolle die Insel noch einmal sicherstellen, dass wir sie nicht mit irgendeinem lauen kleinen Abschied verwechselten. Der Wind fuhr durch die Bäume, rüttelte an Zweigen, trug Möwenrufe über das Landhaus und ließ alles lebendig wirken.
Abreise.
Das Wort fühlte sich falsch an.
Noch gestern war alles Licht, Kamera, Garten, Tränen, Blüten und dieses unbegreifliche Gefühl gewesen, als hätte sich mein Inneres auf einmal geöffnet. Und jetzt sollten wir wieder fahren?
Ein Teil von mir wollte trotzig werden.
Ein anderer Teil wusste, dass es genau richtig war.
Manchmal muss etwas enden, damit es kostbar bleibt.
Ich hasste diesen Gedanken.
Er klang zu vernünftig.
Vor dem Abschied wollte ich Beatrice noch einmal sehen.
Sie stand tatsächlich draußen, nicht weit von jenem Geländer entfernt, an dem wir am Samstag miteinander gesprochen hatten. Als ich sie sah, wurde mein Herz sofort weich. Nicht dramatisch. Nicht überwältigt wie am Vortag. Eher warm. Dankbar.
Mario half mir zu ihr, und kaum war ich nah genug, legte ich die Arme um sie.
Nicht gespielt cool.
Nicht lässig.
Einfach so.
Beatrice erwiderte die Umarmung, fest und ruhig.
“Danke”, flüsterte ich.
Sie löste sich ein wenig und sah mich an.
“Wofür?”
Ich hätte wieder einen Spruch machen können.
Für den ausgezeichneten Geländer-Service.
Für emotionalen Notfall-Support.
Für fachgerechtes Auffangen einer innerlich leicht hysterischen Disco-Queen.
Aber diesmal wollte ich nicht ausweichen.
“Weil du da warst”, sagte ich. “Als es wichtig war.”
Beatrice sagte nichts.
Also redete ich weiter, bevor mein Mut wieder eine Pause einlegte.
“Ich dachte, ich brauche sowas nicht. Also… jemanden, der mich auffängt, bevor überhaupt was passiert. Ich dachte, ich bin cool genug. Locker genug. Frech genug. Aber du warst genau da, als ich gemerkt habe, dass ich es vielleicht doch brauche.”
Beatrice lächelte.
“Du hast es gut gemacht.”
“Ich habe geheult wie ein Gartenschlauch mit Gefühl.”
“Auch das hast du gut gemacht.”
Ich musste lachen. Und schon wieder brannten meine Augen.
“Ich hoffe, ich sehe dich irgendwann wieder.”
“Das hoffe ich auch.”
Sie strich mir kurz über das Haar, und in dieser kleinen Geste lag eine Vertrautheit, die eigentlich viel zu groß war für die kurze Zeit, die wir miteinander gehabt hatten.
Dann sah sie mich mit einem fast ernsten Lächeln an.
“Und Lisa?”
“Hm?”
“Verlier diese kokette, coole Art nicht.”
Ich blinzelte.
“Echt?”
“Ja. Sie steht dir.”
Ich lachte leise, aber diesmal war es kein Schutz. Es war Freude.
“Ich dachte, genau die musste kaputtgehen.”
Beatrice schüttelte den Kopf.
“Nein. Nur die Mauer dahinter.”
Das traf.
Natürlich traf es.
Warum mussten hier eigentlich alle Menschen und Puppen so schrecklich gut darin sein, Dinge zu sagen, die einem direkt ins Herz fielen?
“Du darfst frech bleiben”, sagte sie. “Du darfst cool bleiben. Du darfst glitzern. Nur versteck dich nicht mehr komplett dahinter.”
Ich nickte langsam.
“Deal.”
“Gut.”
Ich legte noch einmal den Kopf an ihre Schulter.
“Danke, Beatrice.”
“Pass auf Yasmin auf.”
“Immer.”
“Und auf dich.”
Ich wollte etwas Lässiges sagen. Irgendwas mit “Ich bin quasi unzerstörbar”. Aber ich ließ es.
“Ich versuch’s”, sagte ich.
Das war ehrlicher.
Inzwischen hatte Mario das Auto beladen.
Als wir zurückkamen, stand er am Wagen und prüfte noch einmal alles. Taschen, Kisten, Fotokram. Das alte Landhaus lag hinter ihm, und der Wind zupfte an seiner Kleidung. Er sah müde aus. Natürlich sah er müde aus. Nach diesen Tagen musste er müde sein. Aber in seinem Gesicht lag dieses stille Leuchten, das ich mittlerweile kannte.
Das Leuchten eines Menschen, der etwas geschaffen hatte.
Nicht nur Bilder.
Er half zuerst Yasmin ins Auto.
Dann mir.
Dieses Mal durfte ich auf den Beifahrersitz.
Neben Mario.
Ich versuchte, sehr würdevoll zu wirken.
“Beifahrerin Lisa-Marie meldet sich zum Dienst”, sagte ich.
Mario schloss den Gurt sorgfältig und lächelte. “Dann kann ja nichts schiefgehen.”
“Das ist die richtige Einstellung.”
Yasmin saß hinten und sagte trocken: “Statistisch fragwürdig.”
Ich drehte mich ein Stück zu ihr um.
“Du bist seit Fehmarn viel zu entspannt geworden. Ich weiß nicht, ob mir das gefällt.”
“Doch”, sagte sie.
“Ja”, gab ich zu. “Sehr.”
Dann fuhren wir los.
Das Landhaus blieb zurück.
Erst langsam, dann endgültig.
Ich sah aus dem Fenster, solange ich konnte. Jede Mauer, jeder Baum, jeder Weg schien sich noch einmal von mir verabschieden zu wollen. Vielleicht bildete ich mir das ein. Wahrscheinlich bildete ich mir das ein.
War mir egal.
Als wir die Fehmarn-Brücke erreichten, geschah etwas, das so kitschig war, dass ich es niemandem geglaubt hätte, wenn ich nicht selbst dabeigewesen wäre.
Der Himmel riss auf.
Nur kurz.
Ein Spalt aus Licht brach durch die Wolken und fiel auf die Ostsee. Das Wasser begann zu funkeln, als hätte jemand eine Handvoll Diamanten über die Wellen geworfen. Links Wasser. Rechts Wasser. Über uns Himmel. Unter uns diese Brücke, die uns am Freitag ins Abenteuer getragen hatte und uns nun wieder zurückbrachte.
Ich hielt den Atem an.
Nicht absichtlich.
Es geschah einfach.
“Yasmin”, flüsterte ich.
“Ich sehe es”, sagte sie leise von hinten.
Auch Mario sagte nichts.
Gut so.
Manche Momente sind beleidigt, wenn man sie zu schnell kommentiert.
Das Licht hielt nur kurz.
Dann schoben sich die Wolken wieder zusammen.
Und es begann zu regnen.
Erst fein, dann dichter. Tropfen liefen über die Scheibe, zogen kleine silberne Spuren, verzerrten die Welt draußen. Das Meer verschwand hinter Grau und Bewegung.
Der Himmel weinte.
Ja, ich weiß. Kitschalarm. Volle Sirene.
Aber genau so fühlte es sich an.
Als würde der Himmel weinen, weil mein Herz beim Abschied auch weinte. Nicht laut. Nicht wie gestern im Garten. Eher tief innen. An jener Stelle, wo Dinge weh tun dürfen, auch wenn sie wunderschön waren.
Während der Fahrt lief keine Musik.
Ich hatte Mario darum gebeten.
Yasmin war zuerst erstaunt gewesen. Natürlich war sie erstaunt. Ich war schließlich Lisa-Marie. Disco-Queen. Club-Girl. Das Mädchen, das Musik nicht nur mochte, sondern im Kopf wahrscheinlich einen eigenen Lichttechniker dafür beschäftigte.
“Keine Musik?”, fragte sie irgendwann vorsichtig.
Ich sah weiter aus dem Fenster.
“Nein.”
“Geht es dir gut?”
Da war sie wieder. Diese leise Sorge.
Ich drehte den Kopf und sah sie an.
“Ja”, sagte ich. “Absolut.”
Und das meinte ich.
Mir ging es gut.
Mehr als gut.
Aber mein Kopf war noch so voller Bilder. Mein Herz so voller Emotion. Noch etwas mehr — noch ein Ton, noch ein Lied, noch irgendeine Melodie, die genau die falsche Stelle berührte — und ich wäre wahrscheinlich einfach explodiert.
Nicht im dramatischen Sinn.
Oder doch.
Ein bisschen.
“Ich brauche nur Stille”, sagte ich. “Damit alles drinbleiben kann.”
Yasmin verstand.
Ich sah es sofort.
Sie nickte nur und lehnte sich zurück.
Das war neu an uns. Oder vielleicht nicht neu, sondern gereift. Wir mussten nicht mehr alles erklären. Nicht sofort. Nicht ganz.
Die Rückfahrt fühlte sich länger an als die Hinfahrt.
Vielleicht, weil auf der Hinfahrt alles nach vorn gezogen hatte. Fehmarn, das Meer, die Brücke, die Shootings, dieses unbekannte Morgen. Jeder Kilometer war ein Versprechen gewesen.
Jetzt war jeder Kilometer ein Abstand.
Fehmarn entfernte sich.
Nicht aus meinem Herzen. Aber aus dem Fenster.
Und das tat weh.
Die Landschaft zog vorbei. Straßen. Felder. Wälder. Rastplätze. Andere Autos. Menschen, die irgendwohin fuhren und nicht wussten, dass in diesem Auto zwei Puppen saßen, die als etwas anderes zurückkehrten, als sie gekommen waren.
Ich dachte an Beatrice.
An ihre Worte.
Verlier diese kokette, coole Art nicht.
Ich hatte erst gedacht, meine Coolness sei kaputtgegangen.
Aber vielleicht stimmte das nicht.
Vielleicht war sie nicht zerbrochen. Vielleicht war sie nur fein geworden. Wie Puder auf meiner Haut. Noch da, noch sichtbar, noch ein Teil von mir — aber nicht mehr dick aufgetragen wie eine Maske. Darunter schimmerte etwas anderes durch. Tiefe Emotion. Weiblichkeit. Das Bewusstsein über diese Weiblichkeit.
Ich war immer noch frech.
Immer noch süß.
Immer noch die, die sich wahrscheinlich in Clubs sofort in die Lichtkegel stellen würde, wenn sie könnte.
Aber ich war nicht mehr nur das.
Und das fühlte sich erwachsen an.
Nicht alt.
Um Gottes willen.
Alt konnte Fehmarn gern allein sein.
Aber erwachsener. Wahrer. So, als hätte ich endlich begriffen, dass man nicht weniger stark ist, wenn man weint. Und nicht weniger cool, wenn man zugibt, dass etwas einen berührt.
Irgendwann setzte langsam die Dämmerung ein.
Und es war immer noch ein weiter Weg.
Der Regen war schwächer geworden. Die Scheibenwischer bewegten sich ruhiger. Im Auto war es warm, still und auf eine seltsame Weise geborgen. Mario fuhr konzentriert, aber ich sah ihm an, dass auch er müde war. Seine Hände lagen ruhig am Lenkrad. Manchmal bewegte er die Schultern, als müsste er die Anstrengung der letzten Tage abschütteln.
Ich hätte etwas sagen wollen.
Danke vielleicht.
Oder: Du hast keine Ahnung, was du da gemacht hast.
Oder: Ich glaube, du hast mich verändert.
Aber ich sagte nichts.
Noch nicht.
Dann riss der Himmel wieder auf.
Diesmal nicht über dem Meer.
Sondern irgendwo auf der langen Straße nach Hause.
Die Wolken teilten sich, und plötzlich fiel der Sonnenuntergang genau auf meine Seite des Autos. Warmes, goldenes Licht strömte durch das Fenster und legte sich über mein Gesicht, über meine Hände, über den Beifahrersitz. Die Welt draußen begann zu leuchten. Nass vom Regen, golden vom Abend, als hätte sie erst geweint und dann beschlossen, doch wieder zu lachen.
Und diesmal lachte mein Herz mit.
Denn plötzlich dachte ich nicht mehr nur an Abschied.
Ich dachte an Zuhause.
An Amber.
An Nathalie.
An unser Wohnzimmer. An vertraute Stimmen. An die Couch. An das Gefühl, anzukommen und sofort alles erzählen zu wollen, so schnell, dass die Worte übereinander stolpern.
Nathalie würde uns ansehen.
Amber würde lächeln.
Yasmin würde versuchen, strukturiert zu berichten und wahrscheinlich nach drei Sätzen von mir unterbrochen werden.
Ich würde Nathalie um den Hals fallen.
Und ich würde ihr sagen, dass ich für sie geatmet hatte.
Nicht einmal.
Nicht zweimal.
Immer wieder.
Die Welt lachte.
Und ich plötzlich auch.
Leise zuerst.
Dann richtig.
Mario sah kurz zu mir.
“Alles gut?”
Ich nickte.
“Ja.”
Und diesmal klang das Wort leicht.
Es war bereits Nacht, als die vertrauten Lichter unseres Hauses vor uns auftauchten.
Unser Haus.
Ich hatte nicht gewusst, wie sehr ich dieses Licht vermisst hatte, bis ich es sah.
Nach Fehmarn sah alles gleichzeitig kleiner und kostbarer aus. Die Welt war größer geworden, ja. Aber Zuhause war dadurch nicht weniger geworden. Im Gegenteil. Es war, als hätte die Reise einen goldenen Rand um alles gelegt, was vorher selbstverständlich gewesen war.
Mario parkte schräg vor dem Hauseingang.
Nicht ordentlich. Nicht endgültig. Nur so, dass er uns sofort hineinbringen konnte.
“Erst zu Amber und Nathalie”, sagte er.
Ich hätte ihn dafür küssen können.
Tat ich nicht.
Noch nicht.
Er half uns aus dem Auto. Erst Yasmin, dann mir. Die Nachtluft war kühl, anders als auf Fehmarn. Kein Salz, keine Möwen, kein Wind von der Ostsee. Aber vertraut.
Und dann waren wir drinnen.
Ich weiß nicht mehr genau, wer zuerst etwas sagte.
Vielleicht Amber.
Vielleicht Yasmin.
Vielleicht niemand.
Denn sobald ich Nathalie sah, war alles andere weg.
Sie lag dort, mit ihrem gebrochenen Bein, Amber an ihrer Seite. Ihr Gesicht leuchtete auf, als hätte sie die ganze Rückfahrt über innerlich an der Tür gewartet.
Und ich rannte förmlich zu ihr.
So gut man eben rennen kann, wenn man auf Hilfe angewiesen ist und trotzdem mit dem Herzen vorausfliegt.
Mario half mir den letzten Weg, und dann fiel ich Nathalie um den Hals.
“Hey, Süße”, sagte sie, und ihre Stimme war schon jetzt weich.
Ich wollte einen coolen Spruch sagen.
Natürlich wollte ich das.
Irgendwas wie: “Fehmarn hat überlebt” oder “Die Insel vermisst mich bestimmt schon” oder “Du hättest mich sehen sollen, ich war eine Naturgewalt in rosa”.
Aber da war nichts.
Kein Spruch.
Kein Witz.
Nur dieses volle, überlaufende Gefühl.
“Du hattest recht”, brachte ich hervor.
Nathalie hielt mich fest.
“Womit?”
“Mit allem.”
Ich löste mich ein wenig und sah sie an. Meine Augen brannten schon wieder. Natürlich. Willkommen zurück, Heulsusen-Lisa.
“Ich hab ja geahnt, dass es toll wird”, sagte ich. “Aber ich hatte keine Ahnung. Keine Ahnung, Nathalie. Wie sehr. Wie groß. Wie…”
Ich fand kein Wort.
Nathalie lächelte, und es war dieses wissende Lächeln, das mich sofort wieder an den Abend erinnerte, bevor wir losgefahren waren.
“Ich weiß”, sagte sie leise.
Und sie wusste es wirklich.
“Ich hab für dich die Meeresluft eingeatmet”, sagte ich schnell. “Mehrmals. Immer wieder. Auf der Brücke. Am Haus. Im Garten. Überall. Du warst dabei.”
Meine Stimme brach fast.
“Ihr beide. Du und Amber. Ihr wart die ganze Zeit dabei. Hier.”
Ich legte eine Hand auf meine Brust.
Nathalies Augen glänzten.
Amber strich ihr sanft über den Arm, aber auch sie sah aus, als müsste sie sich zusammenreißen.
“Dann war ich ja doch ein bisschen dort”, sagte Nathalie.
“Mehr als ein bisschen.”
Yasmin kam nun ebenfalls näher. Ruhiger als ich, aber mit diesem warmen, hellen Ausdruck, den Fehmarn ihr gegeben hatte.
“Sie hat wirklich ständig für dich geatmet”, sagte sie.
“Petze”, murmelte ich.
“Dokumentation.”
“Du bist nicht mehr akademisch genug für diese Antwort.”
Yasmin lächelte.
Und dann erzählte ich von Beatrice.
Von dem Geländer. Von ihrer Umarmung. Davon, dass ich ihr meine Angst gestanden hatte, obwohl ich doch eigentlich die Coolness in Person sein wollte. Davon, dass sie genau dasselbe gesagt hatte wie Nathalie.
Saug es auf.
Nathalie nickte langsam.
Und lächelte wissend.
“Bei meinem letzten größeren Treffen”, sagte sie, “habe ich auch so eine Freundin gefunden.”
“Echt?”
“Ja.”
Sie sagte nicht viel mehr. Aber das musste sie auch nicht.
Manche Begegnungen sind zu kurz, um sie Freundschaft zu nennen — und zu tief, um sie anders zu nennen.
Dann brach alles los.
Yasmin und ich erzählten.
Wild.
Laut.
Durcheinander.
Völlig unmöglich geordnet.
Ich begann beim Regen auf der Rückfahrt, sprang dann zur silbernen Maske, wechselte zum Kirschbaum, erwähnte das Bett unter dem Dach, unterbrach mich selbst, weil ich unbedingt noch erzählen musste, wie die Ostsee auf der Brücke geglitzert hatte, während Yasmin gleichzeitig versuchte, den Freitag chronologisch zu erklären.
“Nein, warte, das war vor dem Gruppenfoto!”
“Aber der Champagner war wichtiger!”
“Lisa, du kannst nicht beim Champagner anfangen, wenn Nathalie noch gar nicht weiß, wie das Zimmer aussah.”
“Doch, kann ich. Emotional völlig korrekt.”
Amber lachte.
Nathalie lachte.
Yasmin gab auf.
Das war schön.
Während wir erzählten, hatte Mario bereits das Auto ausgeräumt und wieder umgeparkt.
Natürlich hatte er das.
Irgendwann bemerkte ich ihn.
Er stand am Türrahmen, angelehnt, die Arme locker verschränkt. Müde. Sehr müde. Aber lächelnd. Er sagte nichts. Er beobachtete uns einfach.
Yasmin, wie sie inzwischen viel freier erzählte als vor Fehmarn.
Nathalie, wie sie jedes Wort aufsog, als säße sie selbst noch einmal auf der Fehmarn-Brücke.
Amber, wie sie neben ihr saß und sich gleichzeitig freute und wachte.
Und mich.
Lisa-Marie.
Zurück aus Fehmarn.
Nicht mehr ganz dieselbe.
Ich sah Mario an.
Und plötzlich war da wieder diese Dankbarkeit.
Nicht klein.
Nicht ordentlich.
Nicht hübsch formuliert.
Dankbarkeit in Großbuchstaben.
Blinkend.
Fett.
Unterstrichen.
Durchwebt von Liebe.
Ich konnte sie nicht aussprechen. Nicht in diesem Moment. Vielleicht hätte ich wieder geweint, wenn ich es versucht hätte. Und ganz ehrlich: Meine Augen hatten in den letzten vierundzwanzig Stunden genug Überstunden gemacht.
Also sah ich ihn einfach nur an.
Er verstand.
Natürlich verstand er.
Sein Lächeln wurde weicher.
Später, als der erste Sturm der Erzählungen etwas abgeklungen war, betrachtete Nathalie uns beide lange. Erst Yasmin. Dann mich.
Sie sagte nichts sofort.
Und weil ich mittlerweile gelernt hatte, dass die stillen Momente oft die wichtigsten waren, wartete ich.
Schließlich sagte sie:
“Ihr seid als Puppen nach Fehmarn gefahren.”
Ich hielt den Atem an.
Nathalie lächelte.
“Aber so seid ihr nicht zurückgekommen.”
Yasmin wurde ganz still.
Ich auch.
Ausnahmsweise.
“Was meinst du?”, fragte ich leise.
Nathalie sah mich an, und in ihrem Blick lag keine Schwere. Nur Wärme.
“Mehr”, sagte sie. “Ihr seid mehr geworden.”
Dieses eine Wort füllte den Raum.
Mehr.
Nicht, weil wir vorher weniger wert gewesen wären.
Nicht, weil Fehmarn uns erst Bedeutung gegeben hätte.
Sondern weil etwas in uns sichtbar geworden war, das vorher vielleicht noch geschlafen hatte.
Yasmin hatte gelernt, dass sie gemeint sein konnte.
Ich hatte gelernt, dass ich mich nicht hinter Glitzer verstecken musste, um zu leuchten.
Und vielleicht hatte Nathalie recht.
Vielleicht waren wir als Puppen gefahren.
Aber zurückgekehrt waren wir mit Meereslicht im Herzen.
Mit Bildern im Kopf.
Mit Salz in der Erinnerung.
Mit einer Brücke zwischen dem, was wir gewesen waren, und dem, was wir nun von uns wussten.
Ich lehnte mich an Nathalie, vorsichtig wegen ihres Beines, und ließ meinen Kopf gegen ihre Schulter sinken.
“Ich hab dich vermisst”, sagte ich.
“Ich euch auch.”
“Beim nächsten Mal kommst du mit.”
Sie lächelte.
“Beim nächsten Mal.”
Amber legte eine Hand auf meine.
Yasmin rückte näher.
Mario stand noch immer am Türrahmen.
Und für einen Moment war alles da.
Fehmarn.
Das Meer.
Der Regen.
Der Sonnenuntergang.
Die Maske.
Die Federn.
Der Kirschbaum.
Beatrice.
Nathalies gebrochenes Bein.
Ambers Fürsorge.
Yasmins neue Ruhe.
Marios müdes Lächeln.
Mein Herz, das endlich nicht mehr so tat, als sei Coolness dasselbe wie Stärke.
Ich war immer noch Lisa-Marie.
Disco-Queen.
Landmädchen.
Träumerin.
Sprücheklopferin.
Heulsuse.
Frau.
Aber jetzt wusste ich, dass all das zusammengehörte.
Dass meine freche Art bleiben durfte.
Dass meine Coolness nicht verschwinden musste.
Sie war nur nicht mehr meine Rüstung.
Sie war Puder geworden.
Ein feiner Schimmer auf der Haut.
Darunter durfte endlich alles durchscheinen.
Tiefe.
Emotion.
Weiblichkeit.
Liebe.
Und als ich später, völlig erschöpft von Reise, Tränen, Erzählen und Heimkommen, die Augen schloss, hörte ich noch einmal Nathalies Stimme.
Saugt alles auf.
Ich hatte es getan.
Wir hatten es getan.
Und nun waren wir wieder zu Hause.
Nicht kleiner, weil die Welt größer geworden war.
Sondern größer, weil wir heimgekehrt waren.
