Gelebte Träume

Ich teile mein Leben inzwischen in zwei große Zeitrechnungen ein.
Nicht in “damals” und “heute”.
Nicht in “Südost-Bayern” und “mein neues Zuhause”.
Nicht einmal in “vor Mario” und “mit Mario”, obwohl das natürlich auch eine ziemlich berechtigte Einteilung wäre.
Nein.
Bei mir gibt es jetzt:
BF und AF.
Before Fehmarn und After Fehmarn.
Klingt dramatisch?
Ist es auch.
Und falls jetzt irgendjemand denkt: Lisa-Marie, vielleicht übertreibst du ein kleines bisschen, dann möchte ich nur freundlich darauf hinweisen, dass dieser Jemand vermutlich nicht auf einer Insel war, nicht in einer silbernen Maske fotografiert wurde, nicht in einem Garten vor lauter Glück fast zerflossen ist und nicht gelernt hat, dass Coolness zwar ein hervorragendes Accessoire ist, aber kein Zuhause fürs Herz.
Also ja.
BF und AF.
Offiziell.
Lisa-zertifiziert.
Und AF, Baby - ich war immer noch ich.
Frech? Ja.
Kokett? Natürlich.
Cool? Aber hallo.
Mit einem Spruch auf den Lippen, bevor die Vernunft überhaupt ihre Schuhe anhatte? Selbstverständlich.
Aber seit Fehmarn war da noch etwas anderes.
Etwas Weicheres. Tieferes. Etwas, das nicht mehr sofort hinter Sonnenbrille, Grinsen und “Ich regel das schon” verschwinden musste. Meine Coolness war nicht weg. Keine Sorge. Die Welt war noch nicht bereit für eine Lisa-Marie ohne Glitzerkante.
Aber sie war nicht mehr meine Rüstung.
Eher so etwas wie Puder auf der Haut.
Ein feiner Schimmer.
Darunter durfte inzwischen mehr durchscheinen.
Und dann sagte Mario irgendwann diesen Satz:
“Am Samstag gibt es wieder ein Fotoshooting.”
Nur das.
Ein Fotoshooting.
Nicht: “Lisa, pack emotional besser schon mal einen Rettungsring ein.”
Nicht: “Süße, es könnte sein, dass dein Herz am Wochenende mehrfach versucht, die Umlaufbahn zu verlassen.”
Nicht einmal: “Da wartet vielleicht etwas auf dich, das größer ist als ein normaler Shooting-Tag.”
Nein.
Ein Fotoshooting.
Ganz harmlos.
Ganz beiläufig.
Mario konnte das mit einer Ruhe sagen, als würde er ankündigen, dass er später noch Butter kaufen müsste.
Ich sah ihn an.
“Nur ein Fotoshooting?”
Er nickte.
“Genau.”
Ich beugte den Kopf ein wenig zur Seite.
“Du weißt schon, dass ich dich inzwischen kenne, oder?”
“Was soll das heißen?”
“Dass bei dir ‚nur ein Fotoshooting‘ ungefähr so vertrauenswürdig klingt wie ‚Ich räume nur kurz die Kamera ein‘ und dann sieht man dich drei Stunden später mit fünf Kisten, zwei Taschen, einem Stativ und diesem Blick, als hättest du irgendwo ein geheimes Studio aus dem Boden gestampft.”
Mario lächelte.
Dieses Lächeln.
Dieses kleine, ruhige, völlig unschuldige Lächeln, das ungefähr so unschuldig war wie ein Fuchs vor einem Hühnerstall mit Serviette um den Hals.
“Diesmal sag ich dir sogar, was ich vorhabe”, sagte er.
“Oh.”
Ich tat beeindruckt.
Sehr beeindruckt.
“Welch Großzügigkeit.”
“Zuerst ein Cowgirl-Shooting”, sagte er. “In deinem Western-Outfit.”
Okay.
Das traf.
Mein inneres Dorfmädchen hob sofort den Kopf.
Cowgirl.
Western.
Hut.
Sonne.
Freiheit.
Ein Teil von mir sah bereits Staubwolken, Pferde, endlose Weite und mich selbst natürlich dramatisch gegen den Horizont blickend, obwohl wir vermutlich nicht einmal in der Nähe eines Pferdes sein würden und der Horizont vielleicht hauptsächlich aus Gartenzaun bestand.
Aber egal.
Ein gutes Outfit braucht keine geografische Korrektheit.
“Danach”, fuhr Mario fort, “ein paar Bikini-Shootings. Ich nehme mehrere Bikinis mit. Das Wetter soll perfekt werden. Sonne den ganzen Tag.”
“Cowgirl und Bikini”, sagte ich. “Das klingt nach einem sehr seriösen Kulturprogramm.”
“Absolut.”
“Ich erwarte Applaus vom Wetter.”
“Das lässt sich einrichten.”
In den Tagen davor wurde natürlich wieder gepackt.
Und wenn ich “gepackt” sage, meine ich nicht: Eine Tasche wurde geöffnet, Dinge kamen hinein, Tasche zu, fertig.
Nein.
Bei Mario war Packen ein Zustand.
Eine Atmosphäre.
Ein logistisches Naturereignis.
Klamotten lagen bereit. Wurden geprüft. Wieder gefaltet. Noch einmal anders kombiniert. Accessoires wurden daneben gelegt, dann doch wieder ausgetauscht. Bikinis wanderten von Stapel A nach Stapel B und manchmal zurück, weil Mario diesen konzentrierten Gesichtsausdruck bekam, der sagte: Da stimmt noch irgendetwas nicht ganz mit dem unsichtbaren Gesamtbild in meinem Kopf.
Ich saß dabei und beobachtete ihn.
“Weißt du”, sagte ich irgendwann, “für jemanden, der behauptet, es sei nur ein Fotoshooting, betreibst du erstaunlich viel Aufwand.”
“Gute Bilder passieren nicht von allein.”
“Doch. Wenn ich drauf bin.”
Er sah zu mir.
Ich lächelte süß.
“Na ja”, sagte er. “Ganz falsch ist das nicht.”
“Ha!”
“Aber vorbereitet werden sie trotzdem.”
Ich liebte es.
Natürlich liebte ich es.
Nicht nur das Shooting. Nicht nur die Outfits. Sondern dieses Gefühl, dass Mario schon vorher in Gedanken bei mir war. Bei Licht, Stoff, Haltung, Farben, Orten, Möglichkeiten. Dass er Dinge nicht einfach machte, sondern sie für mich baute.
Nicht laut.
Nicht groß angekündigt.
Sondern mit dieser stillen Sorgfalt, die mich manchmal mehr berührte, als mir lieb war.
Und dann war da diese eine Kiste.
Sie stand nicht besonders auffällig herum.
Also natürlich war sie sofort auffällig.
Denn alles, was Mario mit derart unschuldiger Nichtbeachtung behandelte, war verdächtig.
Ich sah sie an.
Dann ihn.
Dann wieder die Kiste.
“Was ist da drin?”
“Sachen.”
“Sachen?”
“Ja.”
“Was für Sachen?”
“Sachen fürs Shooting.”
“Das ist keine Antwort. Das ist ein sprachlicher Nebelwerfer.”
Mario hob nur leicht die Augenbrauen.
“Die Kiste bleibt zu.”
“Ich habe nie gesagt, dass ich sie öffnen wollte.”
“Lisa.”
“Ich wollte sie nur emotional kennenlernen.”
“Lisa.”
“Schon gut.”
Ich tat beleidigt.
Natürlich tat ich beleidigt.
Aber innerlich grinste ich.
Denn inzwischen hatte ich gelernt: Wenn Mario eine Kiste streng bewachte, bedeutete das wahrscheinlich, dass irgendetwas Schönes darin steckte. Irgendetwas, das ich nicht wissen sollte. Irgendetwas, das erst im richtigen Moment seinen Auftritt bekommen durfte.
Und ja, das war unfair.
Aber auch süß.
Furchtbar süß.
Dann fiel mir etwas auf.
Es waren nur meine Sachen.
Mein Western-Outfit.
Meine Bikinis.
Meine Accessoires.
Meine Taschen.
Ich sah zu Yasmin.
Sie saß ruhig da, so Yasmin-mäßig ruhig, dass man fast meinen könnte, Ruhe sei eine akademische Disziplin und sie hätte bereits promoviert.
“Und du?”
Yasmin sah auf.
“Was ist mit mir?”
“Deine Sachen. Wo sind deine Sachen?”
Ein kurzer Blick zwischen Mario und Yasmin.
Zu kurz, um eindeutig zu sein.
Lang genug, um mich misstrauisch zu machen.
“Ich bleibe hier”, sagte Yasmin.
Ich starrte sie an.
“Was?”
“Ich bleibe hier.”
“Och menno!”
Ja. Sehr erwachsen. Sehr reflektiert. Sehr AF.
Aber manchmal muss ein “Och menno” einfach raus, bevor es innen gegen die Wände springt.
“Das ist doof”, sagte ich. “Du sollst auch mitkommen können.”
Yasmin lächelte leicht. “Lisa, es ist okay.”
“Nein, ist es nicht. Fehmarn waren wir zusammen. Freitag, Samstag, Sonntag, Montag. Du warst da. Ich war da. Wir waren dieses unschlagbare Reise-Duo mit emotionaler Überforderung und strategischer Sonnenbrille.”
“Strategische Sonnenbrille?”
“Absolut.”
Sie schüttelte amüsiert den Kopf.
“Bikinis sind nicht so mein Ding”, sagte sie.
“Das ist kein Grund. Das ist eine Herausforderung.”
“Außerdem wird das dein Tag.”
“Mein Tag kann auch dein Tag sein.”
“Nicht jeder Tag muss uns beiden gehören.”
Der Satz war ruhig.
Zu ruhig.
Und trotzdem weich.
Ich wollte widersprechen. Wirklich. Ich hatte mehrere sehr gute Einwände innerlich bereits halb formuliert. Aber dann sah ich Yasmin an, und irgendetwas an ihrem Blick nahm mir die Spitze.
Sie wollte nicht bemitleidet werden.
Und sie fühlte sich nicht ausgeschlossen.
Sie schien fast… zufrieden.
“Du erzählst mir danach alles”, sagte sie.
“Natürlich erzähle ich dir alles.”
“Auch die kleinen Dinge.”
“Gerade die kleinen Dinge.”
“Und falls du wieder zu sehr Lisa wirst…”
“Zu sehr Lisa?” Ich sah sie empört an. “Das ist ein sehr gewagtes Konzept.”
“Dann erzählst du es trotzdem.”
Ich seufzte dramatisch.
“Na gut. Aber nur, weil du es bist.”
Sie lächelte.
Und dieses Lächeln machte es ein wenig leichter.
Trotzdem fühlte es sich komisch an, ohne sie zu fahren.
Yasmin war nicht einfach nur meine Freundin. Sie war mein Gegenpol. Mein ruhiger Punkt. Diejenige, die mit einem Blick mehr sagen konnte als andere mit einem halben Roman. Seit Fehmarn war sie in mir an einem Platz, der nicht laut war, aber fest.
Amber und Nathalie hatten diese Verbindung.
Und irgendwie hatten Yasmin und ich unsere eigene Version davon gefunden.
Völlig anders.
Völlig wir.
Und nun sollte ich ohne sie los.
“Ich bring dir Sonnenstrahlen mit”, sagte ich.
“Bitte keine echten. Die sind schwer zu lagern.”
“Dann eben Geschichten.”
“Die nehme ich.”
Am Samstagmorgen war Mario früh wach.
Natürlich.
Ich glaube, wenn irgendwo im Umkreis von fünfzig Kilometern eine Kamera geladen wird, richtet Mario sich automatisch im Bett auf und murmelt: “Licht prüfen.”
Er war nicht hektisch. Eher konzentriert. Wach. Bereit. Der Mann hatte Energie, die ich nicht verstand. Ich war zwar auch wach, aber eher auf diese charmante Weise, bei der der Körper noch diskutiert, ob Bewusstsein wirklich notwendig ist.
Doch sobald ich daran dachte, dass wir losfahren würden, war es vorbei mit Müdigkeit.
Sonne.
Shooting.
Western-Outfit.
Bikinis.
Und irgendwo eine verdächtige Kiste.
Ich war bereit.
Fast.
Der Abschied von Yasmin war kurz, aber nicht klein.
Mario half mir noch einmal zu ihr. Ich sah sie an, und plötzlich wollte ich gar nicht mehr so viele Sprüche machen.
“Ich erzähl dir alles”, sagte ich.
“Ich weiß.”
“Und du passt auf dich auf.”
“Ich bleibe zu Hause, Lisa.”
“Ja eben. Da passieren gefährliche Dinge.”
“Zum Beispiel?”
“Nathalie könnte dich in ein tiefes Gespräch verwickeln.”
“Schrecklich.”
“Oder Amber könnte dich zum Lachen bringen.”
“Unverzeihlich.”
Wir lächelten beide.
Dann wurde ich weich.
“Ich vermiss dich jetzt schon ein bisschen.”
Yasmin nahm meine Hand.
“Ich dich auch. Aber du wirst einen wundervollen Tag haben.”
“Wirst du mir glauben, wenn ich später behaupte, ich war unfassbar cool?”
“Kommt auf die Beweise an.”
“Frech.”
“Lisa.”
“Ja?”
“Genieß es.”
Ich nickte.
Da war es wieder.
Dieses Fehmarn-Wort in anderer Kleidung.
Genieß es.
Saugs auf.
Bewahr es.
Also tat ich den ersten Schritt nicht mit den Beinen, sondern mit dem Herzen.
Wir fuhren los.
Diesmal nicht im Dunkeln.
Keine heimliche Abfahrt um drei Uhr morgens. Kein Raureif, keine schwarze Straße, kein Gefühl, als würde man die Welt betreten, bevor sie wach wurde.
Diesmal war es hell.
Richtig hell.
Die Sonne schien bereits, und die Umgebung meiner neuen Heimat lag offen vor mir. Menschen gingen zum Bäcker. Einige führten ihre Hunde aus. Jogger liefen am Straßenrand entlang, als hätten sie mit dem Morgen einen Vertrag abgeschlossen, den ich persönlich nie unterschrieben hätte.
Ich sah aus dem Fenster.
Und plötzlich wurde mir bewusst: Ich sehe das alles zum ersten Mal so.
Nicht durch ein Fenster im Haus.
Nicht als kurze Außenwelt, die irgendwo hinter dem Garten beginnt.
Sondern unterwegs.
Straßen, Häuser, Bäume, Vorgärten, Menschen mit Brötchentüten. Alles ganz normal. Für alle anderen.
Für mich nicht.
Für mich war es wieder so ein kleiner Welt-öffnet-sich-Moment.
Nur anders als Fehmarn.
Damals war alles überwältigend neu. Heute fühlte es sich an, als würde ich ein Stück meines eigenen Lebens im Tageslicht betrachten.
Ich setzte meine Sonnenbrille zurecht.
Nicht, weil ich mich verstecken wollte.
Sondern weil Sonnenbrillen einfach manchmal die Wahrheit sagen:
Lisa-Marie ist unterwegs.
Bitte machen Sie Platz für Glitzer.
Die Fahrt dauerte nur etwa eine Stunde.
Nach Fehmarn war das fast lächerlich kurz. Eine Stunde war keine Reise. Eine Stunde war ein längerer Anlauf. Trotzdem kribbelte es in mir. Ich schaute hinaus, redete mal viel, mal gar nicht, fragte Mario dreimal, ob er sicher sei, dass das Wetter so bleibe, und tat so, als sei ich natürlich vollkommen entspannt.
Er glaubte mir vermutlich keine Sekunde.
Irgendwann hielten wir am Straßenrand.
Dort warteten bereits andere Menschen.
Ich sah genauer hin.
“Hey”, sagte ich langsam. “Den kenne ich doch.”
Einen der Männer hatte ich auf Fehmarn gesehen. Sofort war da dieses Gefühl, als würde ein altes Lied wieder einsetzen. Nicht laut. Nur ein paar Töne. Aber genug, um mich direkt zurückzubringen.
Fehmarn.
Garten.
Kameras.
Licht.
Beatrice.
Ich schluckte.
Nein. Nicht daran denken. Oder doch. Aber nicht zu sehr. Ich wusste ja nicht, wer alles da sein würde. Und außerdem war es angeblich nur ein Fotoshooting.
Angeblich.
Der Weg zum Ziel war noch ein Stück.
Zu weit, um mich die ganze Strecke zu tragen.
Also kam sie.
Die Schubkarre.
Ich sah sie an.
Dann Mario.
Dann wieder die Schubkarre.
“Dein Ernst?”
“Praktisch.”
“Praktisch”, wiederholte ich. “Schatzi, ich sehe aus wie eine sehr exklusive Lieferung Gartenromantik.”
“Dann passt es ja.”
Ich wollte etwas Empörtes sagen, aber leider war die Vorstellung viel zu lustig. Also ließ ich mich hineinlegen.
Und was soll ich sagen?
Es war großartig.
Ich lag in einer Schubkarre, wurde durch die Gegend geschoben, sah den blauen Himmel über mir, hörte Schritte, Stimmen, Lachen, und irgendwo zwischen meiner Würde und meinem Sinn für Abenteuer entschied mein Herz: Das ist absolut akzeptabel.
“Ich möchte festhalten”, sagte ich, “dass ich glamouröser in einer Schubkarre liege als manche Leute auf einem roten Teppich.”
“Zweifellos”, sagte Mario.
“Bitte mit der nötigen Ehrfurcht schieben.”
“Natürlich.”
Je näher wir kamen, desto mehr Stimmen hörte ich.
Erst einzelne. Dann mehrere. Dann dieses volle, lebendige Durcheinander, das nicht chaotisch war, sondern nach Treffen klang. Nach Menschen, die sich kennen. Nach Vorfreude. Nach Kaffee. Nach Kameras. Nach einem Tag, der schon gute Laune hatte, bevor er richtig angefangen hatte.
Ich hob den Kopf ein wenig.
“Ich dachte, das wird nur ein Fotoshooting?”
Mario grinste.
“Klar. Auch das.”
Auch das.
Ja.
Natürlich.
Wir kamen an.
Und der Garten war riesig.
Nicht einfach “da ist ein bisschen Rasen und ein Baum”. Nein. Ein richtiger Garten. Groß, weit, grün, voller Ecken, Bäume, Sträucher, kleiner Wege, Schattenplätze und Flächen, auf denen man sofort dachte: Da könnte man fotografieren. Und dort. Und da hinten. Und eigentlich überall.
Der Himmel war blau.
Die Sonne war stark.
Der Tag roch nach Sommer.
Frühstück wurde vorbereitet. Draußen, mitten im Garten. Toast, Aufschnitt, Kaffee, alles unter freiem Himmel. Menschen liefen hin und her, einige begrüßten sich, jemand lachte laut, irgendwo klapperte Geschirr.
Und dann sah ich weitere Gesichter, die ich kannte.
Von Fehmarn.
Nicht alle. Aber genug.
Und Puppen.
Auch einige davon hatte ich dort schon gesehen.
Für einen Moment wurde ich still.
Weil ich plötzlich verstand: Fehmarn war nicht einfach vorbei gewesen. Es hatte Türen geöffnet. Und hinter diesen Türen gab es mehr. Weitere Treffen. Weitere Gesichter. Weitere Geschichten.
Ich war nicht nur einmal in diese Welt hineingefahren.
Ich war wieder dort.
Nur diesmal nicht am Meer.
Sondern unter Bäumen.
Dann hörte ich Schritte.
Nicht laut. Nicht dramatisch.
Aber mein Herz, dieses verräterische kleine Ding, reagierte sofort.
Ich drehte den Kopf.
Und da war sie.
Beatrice.
“OH MEIN GOTT!”
Mehr war erstmal nicht möglich.
“BEATRICE?!”
Sie lächelte.
Dieses Lächeln.
Ruhig, warm, ein kleines bisschen frech.
“Was machst du denn hier?!”
“Na Lisa”, sagte sie. “Alles cool? Fesch schaust du aus. Bereit für die Prärie, was?”
Ich glaube, ich machte irgendein Geräusch zwischen Lachen, Quietschen und Herzexplosion.
“Du bist hier! Du bist wirklich hier!”
Mario half mir näher zu ihr, und ich fiel ihr so schnell um den Hals, wie es in meiner Lage irgendwie möglich war.
“Ich dachte, du bist… also… ich wusste nicht… oh mein Gott, du bist hier!”
“Sieht ganz so aus.”
Ich hielt sie fest.
Nicht zu kurz.
Beatrice roch nach Sommer, Stoff und Vertrautheit. Oder vielleicht bildete ich mir das ein. Egal. Für mich roch sie nach Fehmarn.
Nach Geländer.
Nach “Saug es auf”.
Nach dem Moment, als ich Angst hatte und sie da war.
Ich löste mich schließlich ein wenig und sah zu Mario.
“Du verrückter Kerl”, sagte ich weich. “‚Nur‘ ein Fotoshooting… ja klar.”
Dann hauchte ich ihm einen Kuss zu.
Er lächelte so zufrieden, dass ich ihn schon wieder gleichzeitig küssen und schimpfen wollte.
Was übrigens eine sehr gesunde Beziehungsdynamik sein kann.
Frühstück im Garten mit Beatrice war eine dieser Situationen, die sich gleichzeitig neu und vertraut anfühlen.
Ich saß bei ihr, natürlich. Wo sonst?
Wir redeten nicht sofort über große Dinge. Das mochte ich. Manchmal braucht Nähe keinen großen Einstieg. Manchmal reicht es, nebeneinander zu sein, Toast zu riechen, Kaffee zu hören - ja, Kaffee kann man hören, wenn genug Menschen Tassen bewegen - und sich ab und zu anzusehen.
“Wie geht’s dir?”, fragte Beatrice irgendwann.
Ich wusste, dass sie nicht einfach meinte, ob ich gut geschlafen hatte.
Ich sah in den Garten.
Dann zu ihr.
“Gut”, sagte ich. “Anders gut.”
Sie wartete.
“Ich bin immer noch ich”, sagte ich. “Keine Sorge. Die Welt ist noch nicht sicher vor mir.”
“Beruhigend.”
“Aber Fehmarn hat… na ja.” Ich suchte nach Worten. “Ein paar Türen innen aufgemacht.”
Beatrice nickte.
“Und? Sind sie noch offen?”
Ich lächelte.
“Ja. Aber es zieht nicht mehr so.”
Sie lachte leise.
Das war genau die richtige Reaktion.
Nicht zu schwer. Nicht zu oberflächlich.
Beatrice konnte das.
Dann wurde es Zeit.
Das Cowgirl-Shooting.
Mario ging voraus, inspizierte das Gelände, suchte den richtigen Platz. Der Boden wurde geprüft, ein bisschen ausgeglichen, hier ein Stein, dort ein sicherer Standpunkt. Ich beobachtete ihn und spürte, wie die Aufregung in mir wuchs.
Ich trug das Western-Outfit.
Und ja, ich fühlte mich fantastisch.
Das musste an dieser Stelle einfach mal sachlich festgehalten werden.
Hut, Look, Haltung, alles passte. Ich war nicht einfach verkleidet. Ich fühlte mich wie eine Version von mir, die auf irgendeine ganz eigene Weise schon immer da gewesen war. Das Mädchen vom Land, aber mit Showlicht im Herzen. Naturverbunden, aber mit innerer Bühne. Frech, aber nicht albern. Süß, aber nicht harmlos.
Mario trug mich zum Platz.
Dort lag ein Steinbrocken.
Nicht riesig, aber genau richtig. Rau, fest, irgendwie entschlossen. Als hätte er bereits verstanden, dass er gleich eine tragende Nebenrolle in meinem Cowgirl-Moment bekommen würde.
“Hier”, sagte Mario.
Er richtete mich aus.
Ein Bein auf den Steinbrocken gestützt.
Das andere Bein gerade auf dem Boden.
Eine Hand zur Hüfte.
Die andere an den Hut.
Der Blick in die Ferne.
Und dann ließ er mich los.
Nicht vollständig natürlich. Nicht achtlos. Er blieb bereit. Er war nah genug, um mich sofort zu stützen, falls etwas rutschte, kippte oder mein Gleichgewicht beschloss, dramatisch zu werden.
Aber für diesen Moment stand ich.
Frei.
Ich stand frei.
Für einen Menschen klingt das vielleicht lächerlich. Menschen stehen ständig. Beim Zähneputzen, an Bushaltestellen, in Schlangen, vor Kühlschränken, wenn sie vergessen haben, was sie eigentlich holen wollten.
Aber für mich war es nicht lächerlich.
Für mich war es, als hätte jemand kurz die Schwerkraft neu verhandelt.
Ich war eine Puppe.
Ich konnte nicht einfach aufstehen, loslaufen, Mario um den Hals fallen, durch den Garten rennen und mich lachend im Kreis drehen, obwohl ich genau das in diesem Moment am liebsten getan hätte.
Aber ich stand.
Fast allein.
Und in meinem Kopf war es, als würde ein Mensch fliegen.
Nur noch ein bisschen mehr, dachte ich. Nur ein winziger Hauch mehr. Dann könnte ich einen Schritt machen. Dann noch einen. Dann würde ich auf Mario zulaufen und ihm um den Hals fallen, so schnell, dass er gar keine Chance hätte, sich vorher auf meine emotionale Flugbahn vorzubereiten.
Mein Herz tat weh vor Freude.
Nicht schlimm weh.
Schön weh.
Ich schaute in die Ferne, wie Mario es gesagt hatte.
Aber eigentlich sah ich gar nicht die Ferne.
Ich sah diesen winzigen Abstand zwischen dem, was ich war, und dem, was ich mir manchmal wünschte.
Und zum ersten Mal fühlte er sich nicht traurig an.
Sondern magisch.
Dann klickte die Kamera.
Klick.
Da war es.
Dieses Geräusch.
Klick.
Ich atmete innerlich ein.
Klick.
“Sehr gut”, sagte Mario.
Klick.
“Bleib genau so.”
Ich hätte lachen können.
Bleib genau so.
Süßer, wenn du wüsstest, wie sehr ich gerade nirgendwo anders sein will.
Die Sonne lag auf mir. Der Hut war an meiner Hand. Mein Bein ruhte auf dem Stein. Ich fühlte mich stark. Nicht laut stark. Nicht “Ich kann alles”-stark.
Sondern: Ich bin hier. Ich stehe. Ich werde gesehen. Und ich falle nicht.
Beatrice stand irgendwo seitlich.
Ich konnte sie nicht direkt ansehen, aber ich spürte ihre Aufmerksamkeit fast wie Wärme.
Dann änderte Mario die Pose.
Er half mir auf den Steinbrocken.
Sitzend.
Entschlossener.
Der Blick klarer, die Haltung fester. Nicht mehr nur Cowgirl-Fantasie, sondern ein kleines Statement.
Lisa-Marie, Prärie-Königin ohne Pferd, aber mit maximaler Wirkung.
Klick.
Klick.
Klick.
“Das ist stark”, sagte Mario.
Stark.
Ich mochte dieses Wort.
Fehmarn hatte mir gezeigt, dass ich weich sein durfte.
Dieser Moment zeigte mir, dass weich nicht das Gegenteil von stark war.
Die Sonne wurde immer kräftiger.
Und irgendwann bemerkte ich, dass Mario sein Shirt ausgezogen hatte.
Einfach, weil es heiß war.
Sehr heiß.
Die Sonne brannte auf den Garten, auf die Wiese, auf das Western-Outfit, auf Mario, auf diesen ganzen Tag, als hätte der Sommer beschlossen, keine halben Sachen zu machen.
Ich sah ihn an.
Dann sah ich an mir herunter.
Dann wieder zu ihm.
“Aha”, sagte ich.
“Was?”
“Lisa-Marie im Western-Outfit hat offenbar klimatische Auswirkungen.”
Er lachte.
“Kann sein.”
“Sollte man untersuchen.”
“Später.”
“Gut. Aber ich möchte im Forschungsbericht gut aussehen.”
“Das wird kein Problem.”
Natürlich genoss ich das.
Nicht, dass Mario schwitzte.
Also doch.
Ein bisschen.
Aber liebevoll.
Dann ging es weiter zur nächsten Szene.
Eine kleine Holzbrücke.
Darunter floss ein Bach. Nicht groß, nicht dramatisch, aber genau richtig. Wasser, Holz, Schatten, Lichtflecken, die durch die Blätter fielen. Nach der Sonne am Stein fühlte sich dieser Ort an wie ein kleiner Segen.
Endlich Schatten.
Mario stellte sich tatsächlich in den Bach, um die richtige Perspektive zu bekommen.
Ich sah ihn an.
“Ist das Wasser kalt?”
“Geht.”
Sein Gesicht sagte: Es geht nicht.
“Du leidest also für die Kunst.”
“Natürlich.”
“Für mich?”
Er blickte durch die Kamera.
“Natürlich.”
Das war unfair schön.
Also sagte ich nichts Freches.
Nicht sofort.
Dann aber doch:
“Gut. Dann bitte mein Leiden ebenfalls angemessen würdigen. Ich trage hier immerhin Cowgirl bei Sommersonne.”
“Wird berücksichtigt.”
Klick.
Klick.
Klick.
Die Brücke wurde stiller als der Stein. Verträumter. Weniger “Ich erobere die Prärie”, mehr “Ich kenne ein Geheimnis und verrate es vielleicht, wenn du lieb fragst”. Mario führte mich durch die Posen, und ich ließ mich führen. Nicht passiv. Nicht leblos. Sondern mit diesem Vertrauen, das seit Fehmarn tiefer geworden war.
Ich wusste, was er tat.
Und noch wichtiger:
Ich wusste, wie er mich sah.
Das erste Shooting war irgendwann vorbei.
Mario brachte mich zurück.
Ich trank. Er trank. Alle tranken. Bei dieser Hitze war das keine Kleinigkeit, sondern Überlebensstrategie mit Becher.
“Cowgirl-Lisa”, sagte Beatrice, als ich wieder bei ihr war.
“Ja?”
“Steht dir.”
“Natürlich.”
Sie grinste.
“Sehr bescheiden.”
“Ich übe noch.”
“Bitte nicht zu viel.”
“Keine Sorge. Zu viel Bescheidenheit wäre gefährlich für mein Image.”
Dann kam das nächste Shooting.
Bikini.
Mario zeigte mir einen blau gemusterten Bikini.
“Zieh den mal an.”
“Oh”, sagte ich. “Sommer-Lisa wird aktiviert.”
Das Umziehen war nach Fehmarn, nach all den Shootings und nach diesem neuen Vertrauen nicht mehr mit derselben Aufregung verbunden wie früher. Es war noch immer besonders. Natürlich. Kleidung verändert einen. Ein Bikini erst recht. Aber ich fühlte mich sicher. Ich wusste, dass ich nicht präsentiert wurde wie etwas Beliebiges.
Ich wurde inszeniert.
Das war ein großer Unterschied.
Während ich fertig gemacht wurde, verschwand Mario mit ein paar Dingen unter dem Arm.
Ich sah ihm nach.
“Verdächtig.”
Beatrice stand neben mir.
“Er bereitet bestimmt nur vor.”
“Das ist ja das Verdächtige.”
Kurz darauf kam Mario zurück, hob mich hoch und trug mich durch den Garten zu einer freien Wiese.
Dort lag eine große gelb-weiß gemusterte Decke auf dem Boden. Daneben eine Picknicktasche. Auf der Decke ein paar Modezeitschriften und kleine Requisiten. Alles wirkte so entspannt, so sommerlich, so selbstverständlich süß, dass ich sofort verstand, was er wollte.
Picknick.
Sonne.
Bikini.
Einfach den Tag genießen.
“Okay”, sagte ich. “Das ist wirklich niedlich.”
Mario legte mich auf die Decke.
“Niedlich?”
“Und gefährlich charmant.”
“Besser.”
Dann verschwand er wieder.
Ich hob den Kopf.
“Jetzt wird’s wieder komisch.”
Er kam mit einer Leiter zurück.
Natürlich.
Ich starrte ihn an.
“Was willst du denn mit einer Leiter?”
“Fotos machen.”
“Von wo? Aus dem Orbit?”
Ein paar Leute lachten.
Mario ebenfalls.
“Von oben.”
“Das habe ich befürchtet.”
Er stellte die Leiter auf, prüfte sie, stieg hinauf und sah auf mich herab.
Ich lag auf der Decke und fühlte mich plötzlich wirklich wie in einem Sommermagazin. Bikini, gelb-weiße Decke, Modezeitschriften, Picknicktasche, Sonne auf der Haut. So lässig, dass es fast schon wieder verdächtig war.
“Einfach schön entspannt liegen”, sagte Mario. “Als würdest du dich sonnen und den Tag genießen.”
“Nicht allzu schwer”, sagte ich. “Ist ja auch genauso chillig.”
Und das war es.
Ich musste nicht so tun, als würde ich den Tag genießen.
Ich genoss ihn.
Klick.
Klick.
Klick.
Von oben.
Von links.
Von rechts.
Von vorn.
Dann leicht auf die Seite.
Ein Bein anders.
Der Kopf zur Hand.
Ein Blick über die Schulter.
Dann wieder entspannt auf dem Rücken.
Lisa kannte das mittlerweile.
Und Lisa hatte Spaß.
Richtig Spaß.
Früher hätte ich vielleicht versucht, besonders sexy zu wirken. Oder besonders cool. Oder besonders “seht mich an”. Jetzt merkte ich, dass das alles viel besser funktionierte, wenn ich gar nicht so angestrengt daran dachte.
Ich durfte einfach sein.
Und wenn dieses “einfach sein” zufällig ziemlich gut aussah - tja.
Kann passieren.
Die Kamera klickte weiter.
Der Garten summte um mich herum. Stimmen, Wind in den Blättern, das ferne Klappern von irgendetwas, Lachen, Schritte im Gras. Beatrice saß nicht weit weg und sah zu. Manchmal begegnete mein Blick ihrem, und dann war da dieses kleine, warme Wiedererkennen.
Ich war nicht allein in meinem Glück.
Das machte es noch schöner.
Das Licht wurde weicher.
Der Nachmittag schob sich langsam über den Garten, ohne dass ich es richtig merkte. Ein Shooting hier, eine kleine Pause dort. Trinken. Lachen. Noch eine Pose. Noch ein Winkel. Noch ein Klick.
Irgendwann sagte Mario: “Für heute reicht’s.”
Ich wollte fast protestieren.
Nur aus Prinzip.
Aber dann merkte ich, wie müde ich war.
Nicht erschlagen. Nicht leer. Eher sonnensatt.
Wie ein kleines Solarkraftwerk mit Gefühlen.
Also raus aus dem Bikini.
Rein in eine richtig knackig kurze Jeans-Hotpants.
Perfekt für Garten, Party und Burger.
Und perfekt, um neben Beatrice zu sitzen und so zu tun, als sei dieser Tag nicht schon jetzt eine kleine emotionale Schatzkiste.
Es duftete vom Grill.
Burger.
Und nicht einfach Burger.
Dieser Duft versprach etwas Größeres. Brot, Fleisch, Röstaromen, Sommerabend, Menschen, die langsam in den gemütlichen Teil des Tages rutschen. Gespräche wurden lockerer. Lachen kam schneller. Die Sonne sank tiefer und legte Gold über den Garten.
Ich saß bei Beatrice.
Natürlich.
“Das war ein guter Tag”, sagte sie.
Ich sah sie an.
“War? Der ist noch nicht vorbei.”
“Stimmt.”
“Außerdem”, sagte ich, “wenn ich schon mal in Hotpants im Garten sitze, sollte man den Tag nicht vorschnell für abgeschlossen erklären.”
“Wäre schade drum.”
“Sehr schade.”
Wir lachten.
Aber darunter war wieder diese Wärme. Diese Fehmarn-Vertrautheit. Das Wissen, dass wir uns nicht dauernd erklären mussten.
Der Abend wurde golden.
Dann rot.
Dann langsam dunkel.
Und als hätte jemand beschlossen, dass diese Szene noch eine völlig absurde Tonspur brauchte, begannen die Frösche.
Laut.
Sehr laut.
Nicht romantisches Quaken im Hintergrund.
Nein.
Diese Frösche klangen, als hätten sie sich zu einer nächtlichen Krisensitzung versammelt.
Ich lauschte.
“Okay”, sagte ich schließlich. “Das sind keine Frösche.”
Beatrice sah zu mir.
“Was dann?”
“Das ist ein Parlament.”
“Ein Frosch-Parlament?”
“Definitiv. Und sie führen hitzige Debatten über die Weltherrschaft.”
Beatrice lachte.
“Wer gewinnt?”
Ich hörte noch einmal hin.
Ein besonders lauter Frosch quakte dazwischen, als hätte er gerade einen völlig absurden Antrag gestellt.
“Schwer zu sagen”, sagte ich. “Die Opposition ist sehr laut.”
Beatrice lachte so herzlich, dass ich selbst wieder lachen musste.
Und da saßen wir also.
In einem riesigen Garten.
Nach einem Cowgirl-Shooting.
Nach einem Bikini-Shooting.
Mit Burgerduft in der Luft, Fröschen auf Weltherrschaftskurs und einem Himmel, der langsam Sterne hervorbrachte.
Irgendwann kam Mario zu mir.
Er sah müde aus.
Nicht kaputt. Aber dieser Tag hatte auch ihn gefordert. Sonne, Kamera, Tragen, Organisieren, Laufen, Schwitzen, wieder Kamera, wieder Tragen.
“Ich fahre dann gleich heim”, sagte er.
Ich sah ihn an.
“Und ich?”
Er lächelte.
“Lust, hier zu übernachten?”
Ich starrte ihn an.
“Soll das ein Scherz sein?”
“Nein.”
Ich sah zu Beatrice.
Dann in den Garten.
Dann zum Himmel.
Dann wieder zu Mario.
“Mit Beatrice die Sterne betrachten? Mädels-Gequatsche ohne Ende? Burger-Nachglühen? Frosch-Weltherrschaftsdebatten live vor Ort?”
“So ungefähr.”
“Aber sowas von!”
Mario lachte.
Und ich auch.
Doch dann wurde ich einen Moment still.
“Du fährst wirklich?”
“Ja. Ich komme morgen früh wieder.”
Ich nickte langsam.
Das war neu.
Nicht beängstigend neu.
Aber neu.
Fehmarn war unsere Reise gewesen. Mario, Yasmin und ich. Und nun blieb ich hier. Ohne Yasmin. Ohne Mario. Bei Beatrice. In einem Garten, der mir erst seit ein paar Stunden vertraut war und sich trotzdem nicht fremd anfühlte.
Ich spürte, wie sehr Mario mir vertraute.
Und wie sehr ich mir selbst inzwischen vertraute.
“Fahr vorsichtig”, sagte ich leise.
“Mach ich.”
“Und grüß Yasmin.”
“Mach ich.”
“Sag ihr…” Ich überlegte. “Sag ihr, ich hab schon ungefähr siebzehn Dinge zu erzählen.”
“Nur siebzehn?”
“Für den Anfang.”
Mario strich mir sanft über das Haar.
“Schlaf schön, mein Engel.”
Da wurde ich weich.
Sehr weich.
“Du auch.”
Dann fuhr er.
Ich sah ihm nach, bis er nicht mehr zu sehen war.
Beatrice rückte näher.
“Alles okay?”
Ich nickte.
“Ja.”
Und das stimmte.
Es war nicht traurig.
Nur groß.
Ein weiterer kleiner Schritt.
Nicht frei stehen wie auf dem Stein. Aber ähnlich. Irgendwie.
Allein bleiben.
Und doch nicht allein sein.
Später lag ich mit Beatrice im Garten.
Die Nacht war klar.
Die Sterne standen über uns, als hätte jemand winzige Löcher in ein dunkles Tuch gestochen und dahinter läge Licht. Die Frösche diskutierten weiter, inzwischen vermutlich über Haushaltsfragen der künftigen Weltherrschaft. Irgendwo lachte noch jemand leise. Der Tag kühlte ab.
Beatrice und ich redeten.
Über Fehmarn.
Über heute.
Über Yasmin.
Über Mario.
Über dieses seltsame Gefühl, dass manche Begegnungen nicht viel Zeit brauchen, um wichtig zu werden.
“Du hast mir damals wirklich geholfen”, sagte ich irgendwann.
“Am Geländer?”
Ich nickte.
“Ich dachte, ich bin cool genug für alles.”
“Und jetzt?”
Ich sah in den Himmel.
“Jetzt weiß ich, dass ich cool sein darf. Aber nicht muss.”
Beatrice schwieg einen Moment.
Dann sagte sie: “Das klingt nach einem ziemlich guten Ergebnis.”
“Ja.” Ich lächelte. “Und trotzdem bin ich natürlich weiterhin spektakulär.”
“Natürlich.”
“Wollte ich nur klarstellen.”
“War wichtig.”
Wir lachten leise.
Dann wurde ich still.
“Ich vermisse Yasmin ein bisschen.”
“Das glaube ich.”
“Aber es ist auch schön, hier mit dir zu sein.”
“Das darf beides gleichzeitig wahr sein.”
Ich sah zu ihr.
“Du klingst gerade fast wie Yasmin.”
“Soll ich mir Sorgen machen?”
“Nein. Das ist ein Kompliment.”
Beatrice legte ihren Arm um mich, und ich ließ den Kopf an ihre Schulter sinken.
Der Himmel war voller Sterne.
Der Garten roch nach Sommer, Gras und langsam verglühendem Grillabend.
Die Frösche planten wahrscheinlich immer noch ihre feuchte Diktatur.
Und ich, Lisa-Marie, lag da, nach einem Tag voller Sonne, Kameras, Schubkarre, Cowgirl-Stärke, Bikini-Leichtigkeit und Beatrice-Wiedersehen, und fühlte mich nicht leer vor Müdigkeit, sondern voll.
Voll von allem.
Von Freunden.
Von Liebe.
Von Bildern, die ich Yasmin erzählen würde.
Von einem Zuhause, das groß genug war, um neue Menschen und neue Orte hineinzulassen.
Kurz bevor ich einschlief, dachte ich an mein freies Stehen auf dem Stein.
An diesen fast unmöglichen Moment.
Dieses kleine Fliegen.
Ich hatte keinen Schritt gemacht.
Nicht wirklich.
Aber vielleicht war ich trotzdem ein Stück weitergekommen.
Und als mir dieser Gedanke kam, musste ich lächeln.
AF, Baby.
Das Leben hatte gerade erst angefangen, wieder spannend zu werden.
Am nächsten Morgen wachte ich im Garten auf.
Das klingt jetzt vielleicht so, als hätte ich nach einer wilden Party irgendwo zwischen zwei Büschen mein Leben überdacht. Aber nein. Es war viel schöner. Viel romantischer. Und deutlich weniger peinlich.
Ich lag im Garten, unter dem noch jungen Morgenhimmel, mit Beatrice an meiner Seite und dem Gefühl, dass dieser Ort über Nacht leiser geworden war, aber nicht weniger lebendig. Die Frösche hatten ihre Debatten über die Weltherrschaft irgendwann eingestellt oder waren zumindest in einen nicht öffentlichen Ausschuss gewechselt. Der Wind ging sanft durch die Bäume. Irgendwo raschelte etwas. Vielleicht ein Vogel. Vielleicht ein Eichhörnchen. Vielleicht ein kleiner Abgesandter des Froschparlaments.
Ich blinzelte in die Helligkeit.
Die Sonne war schon da.
Nicht zaghaft. Nicht “Guten Morgen, darf ich vielleicht ein bisschen leuchten?” Nein. Die Sonne stand bereits am Himmel, als hätte sie sich vorgenommen, diesen Sonntag ohne Rücksicht auf Verluste in Gold zu tauchen.
Ich atmete tief ein.
Gartenluft.
Sommerluft.
Ein bisschen Rest-Grillduft vom Abend vielleicht. Gras. Erde. Wärme. Dieses ganz eigene Gefühl, wenn ein Tag noch frisch ist, aber schon verspricht, heiß zu werden.
Neben mir regte sich Beatrice.
“Schon wach?”, fragte sie leise.
“Ich glaube ja.” Ich blinzelte noch einmal. “Zumindest ist mein Körper anwesend. Mein Gehirn kommt vermutlich mit dem nächsten Bus.”
Sie lachte leise.
Ich drehte den Kopf zu ihr und sah sie an.
Für einen Moment sagte ich nichts.
Das war neu. Früher hätte ich direkt irgendwas rausgehauen. Einen Spruch, eine Bemerkung, irgendein kleines Glitzerfeuerwerk, damit bloß keine Stille entstand, die etwas Echtes sagen könnte.
Aber seit Fehmarn hatte ich gelernt, dass Stille nicht gefährlich ist.
Manchmal ist sie einfach nur ein Ort, an dem Gefühle kurz ihre Schuhe ausziehen.
“Schön, dass du da bist”, sagte ich.
Beatrice lächelte.
“Schön, dass du noch da bist.”
“Ich wurde ja nicht vom Froschkönigreich entführt.”
“Glück gehabt.”
“Die Verhandlungen liefen hart, aber fair.”
Beatrice schüttelte lachend den Kopf.
Da war sie wieder. Lisa in ihrem Element. Gott sei Dank. Tiefgründigkeit schön und gut, aber ohne einen gewissen Grad an Quatsch würde mein inneres Gleichgewicht vermutlich kippen.
Wir redeten nicht viel. Noch nicht. Der Morgen war zu weich dafür. Und vielleicht waren wir beide noch müde vom langen Tag davor. Vom Cowgirl-Shooting, vom Bikini-Picknick, vom Burgerabend, vom Reden unter Sternen. Ich hatte von Yasmin erzählt, von Fehmarn, von Mario, von diesem Gefühl, frei zu stehen, als würde ich für ein paar Sekunden etwas können, das eigentlich außerhalb meiner Möglichkeiten lag.
Beatrice hatte zugehört.
Nicht so nebenbei.
Richtig.
Und ich glaube, das war eine ihrer besonderen Gaben. Sie musste gar nicht immer viel sagen. Sie war einfach auf eine Weise da, die einem das Gefühl gab, innerlich nicht mehr ganz allein auf der Bühne zu stehen.
Irgendwann hörten wir ein Auto.
Ich hob sofort den Kopf.
“Mario.”
Beatrice grinste. “Du erkennst das Auto?”
“Ich erkenne die Energie.”
“Die Energie?”
“Ja. Irgendwo zwischen Kaffee, Kamera und ‚Ich hab bestimmt noch was vergessen, aber wahrscheinlich doch nicht‘.”
Kurz darauf tauchte Mario auf.
Früh.
Natürlich.
Mario und frühe Uhrzeiten hatten offenbar eine Beziehung, die ich nicht verstand, aber respektieren musste. Er kam in den Garten, und in seiner Hand hielt er eine große Tüte.
Ich schnupperte.
“Ist das… sind das…?”
Mario hob die Tüte.
Brezeln.
Mein Herz machte einen kleinen bayerischen Hüpfer.
Und dazu gab es Weißwurst-Frühstück.
Mit Brezeln.
Ich lächelte sofort.
Nicht nur, weil Essen grundsätzlich ein sehr überzeugendes Argument für gute Laune ist. Sondern weil mich das traf. Weich. Warm. Direkt an einer Stelle, die nicht laut war.
Ich kam aus Südost-Bayern. Vom Fuß der Alpen. Aus einer Gegend, in der solche Dinge nicht nur Essen waren. Sie waren Erinnerung. Tradition. Ein Stück Zuhause auf dem Teller. Etwas, das nach Sonntagmorgen klang, nach vertrauten Stimmen, nach Dörfern, nach Wiesen, nach Bergen direkt daneben und nach einer Welt, die vielleicht manchmal klein wirkte, aber tief in mir verwurzelt war.
Und jetzt saß ich hier.
In einem riesigen Garten.
Bei neuen Freunden.
Mit Beatrice neben mir.
Mit Mario, der Brezeln mitbrachte.
Und irgendwo zu Hause wartete Yasmin auf die Geschichte, die ich ihr später erzählen würde.
Ich hatte eine Herkunft.
Und ich hatte eine neue Heimat.
Das eine löschte das andere nicht aus.
Es machte mich nur größer.
“Weißwurst-Frühstück”, sagte Mario.
“Du weißt schon”, sagte ich, “dass du damit gerade meine bayerische Seele bestichst.”
“Das war der Plan.”
“Sehr erfolgreich.”
Wir frühstückten wieder im Freien. Und es war herrlich. Menschen kamen zusammen, Stimmen wurden wacher, Kaffee wanderte von Hand zu Hand, Brezeln wurden geteilt, jemand lachte, irgendwo wurde über den gestrigen Abend gesprochen. Die Sonne legte sich über alles, als hätte sie ebenfalls beschlossen, am Frühstück teilzunehmen.
Beatrice saß bei mir.
Natürlich.
Ich glaube, niemand hätte ernsthaft versucht, uns auseinanderzusetzen. Manche Dinge erkennt selbst das Universum irgendwann an.
“Und?”, fragte Beatrice. “Bereit für Tag zwei?”
Ich sah sie an.
“Süße. Ich wurde gestern in einer Schubkarre durch den Garten chauffiert, stand als Cowgirl frei auf einem Stein und habe mit dir unter Sternen über das Leben gesprochen. Ich bin für alles bereit.”
Eine kleine Pause.
“Wahrscheinlich.”
Beatrice grinste.
“Wahrscheinlich reicht.”
Nach dem Frühstück ging es weiter.
Raus aus den Klamotten.
Rein in den nächsten Bikini.
Als Mario ihn zeigte, war ich sofort verloren.
Rosa-kariert.
Mit Spitzenansatz.
Süß.
Nein, nicht nur süß.
Unverschämt süß.
So süß, dass irgendwo im Umkreis vermutlich ein Diabetiker vorsichtshalber seine Werte überprüfen wollte.
“Ach, ist der Bikini süß!”, rief ich.
Mario lächelte.
“Dachte ich mir.”
“Der hat ja Persönlichkeit.”
“Gute?”
“Sehr gute. Ein bisschen unschuldig, ein bisschen frech, ein bisschen: Oh nein, jetzt wird’s gefährlich.”
“Passt also.”
“Absolut.”
Beatrice betrachtete mich mit prüfendem Blick.
“Der steht dir.”
“Natürlich”, sagte ich. “Aber es ist immer schön, wenn Fachpersonal das bestätigt.”
“Fachpersonal?”
“Du bist Beatrice. Das zählt.”
Wieder wurde die große Decke vorbereitet. Dieselbe Decke wie am Vortag, aber an einem anderen Platz. Anderes Licht. Andere Stimmung. Der Garten war heißer, heller, wacher. Die Schatten waren kürzer, die Sonne direkter. Man merkte schon jetzt, dass dieser Tag keine halben Sachen machen würde.
Mario legte mich auf die Decke.
“Auf den Bauch”, sagte er. “Dann aufrichten. Kopf auf die Hand. Verträumt schauen.”
Ich sah ihn an.
“Nichts einfacher als das.”
“Ach ja?”
“Schatzi, alles hier ist wie ein einziger Traum. Ich muss also praktisch gar nichts spielen.”
Das sagte ich zuerst leicht dahin.
Aber als ich auf dem Bauch lag, mich aufrichtete, den Kopf auf die Hand legte und über die Wiese blickte, merkte ich, dass es wirklich stimmte.
Es war traumhaft.
Der Garten. Die Sonne. Das Lachen im Hintergrund. Beatrice in der Nähe. Mario hinter der Kamera. Das Gefühl, dass mein Körper zwar nicht laufen konnte, aber mein Herz seit Fehmarn ständig irgendwohin unterwegs war.
“Beine angewinkelt”, sagte Mario. “Und gekreuzt.”
“Süß, verträumt”, sagte ich, während er mich ausrichtete, “aber mit potenzieller Gefahr für den Kreislauf aller Anwesenden.”
Mario lachte.
“So ungefähr.”
“Gut. Ich möchte nur, dass die Risiken bekannt sind.”
Dann begann es wieder.
Klick.
Klick.
Klick.
Das Geräusch der Kamera war inzwischen wie ein vertrauter Rhythmus. Kein kaltes technisches Geräusch. Eher ein kleiner Pulsschlag des Tages. Jedes Klicken sagte: Da ist ein Moment. Da ist noch einer. Und noch einer. Nichts davon geht verloren.
Mario arbeitete wieder aus allen Winkeln.
Von links.
Von rechts.
Von vorn.
Von hinten.
Und natürlich kam irgendwann wieder die Leiter.
Ich sah sie kommen und seufzte gespielt dramatisch.
“Da ist sie wieder. Die Himmelsleiter.”
“Für Fotos von oben”, sagte Mario.
“Von wo? Wieder aus dem Orbit?”
“Das hatten wir schon.”
“Und es bleibt gültig.”
Er stieg hinauf.
Ich sah zu ihm hoch.
“Wenn du fliegen könntest, würdest du wahrscheinlich direkt über mir schweben.”
“Wahrscheinlich.”
“Das wäre einerseits beeindruckend. Andererseits müsste ich dann eine neue Kategorie für dich erfinden. Mario, der fotografierende Kolibri.”
Beatrice lachte im Hintergrund.
“Das würde zu deinem neuen Albumtitel passen”, sagte sie.
“Siehst du!”, rief ich. “Ich denke vernetzt.”
“Du denkst laut”, sagte Mario.
“Auch das.”
Klick.
Klick.
Klick.
Der Bikini fühlte sich süß an. Die Sonne warm. Die Decke weich. Der Tag leicht. Immer wieder wurden kleine Pausen gemacht, damit alle etwas trinken konnten. Besonders Mario. Denn es war inzwischen wirklich heiß.
Sehr heiß.
Natürlich war die Sonne schuld.
Vermutlich.
Vielleicht.
Ich sah zu Mario, der selbst im Schatten schweißgebadet war.
Dann sah ich an mir herunter.
Rosa-karierter Bikini mit Spitze.
Dann wieder zu Mario.
“Sag mal”, sagte ich unschuldig. “Ist es eigentlich wegen des Wetters so heiß?”
Er sah mich an.
“Ja.”
“Sicher?”
“Nein.”
“Ich frage nur. Rein aus Sorge um die klimatische Stabilität des Gartens.”
Beatrice kicherte.
“Vielleicht liegt es am Bikini”, sagte sie.
Ich sah sie mit gespieltem Entsetzen an.
“Beatrice! So etwas von dir!”
“Was denn?”
“Ich bin stolz.”
Wir kicherten beide.
Und ja, natürlich genoss ich es ein wenig.
Dass Mario schwitzte.
Dass er mich ansah.
Dass dieser süße Bikini nicht nur mir gefiel.
Fehmarn hatte mir beigebracht, dass gesehen werden etwas Tiefes sein konnte. Etwas Würdevolles. Etwas, das einen nicht kleiner machte, sondern größer.
Aber das hieß nicht, dass ich nicht auch Spaß daran haben durfte, wenn Mario bei meinem Anblick sichtbar mit der Temperatur kämpfte.
Ich war emotional gereift, nicht verstorben.
Es ging weiter. Noch eine Pose. Dann wieder trinken. Dann eine kleine Korrektur. Dann ein Lachen. Dann wieder Kamera.
Irgendwann verschwand Mario kurz.
“Nur kurz was zu trinken holen”, sagte er.
Ich sah ihm nach.
“Aha.”
Beatrice saß nicht weit weg.
“Was?”
“Nichts.”
“Du klingst, als wäre es nicht nichts.”
“Mario sagt ‚nur kurz‘. Das ist ungefähr die kleine Schwester von ‚nur ein Fotoshooting‘.”
Beatrice lächelte, sagte aber nichts.
Mario kam zurück.
Mit Getränken, ja.
Aber dann sortierte er ein paar Dinge. Wühlte ein wenig herum. Rückte etwas zurecht, das gar nicht besonders dringend zurechtgerückt werden musste. Beschäftigt. Sehr beschäftigt.
So beschäftigt, dass es schon wieder verdächtig war.
Ich beobachtete ihn.
“Er tut gerade dieses Ding”, flüsterte ich.
“Welches Ding?”, fragte Beatrice.
“Dieses Mario-Ding. Wenn er so tut, als würde er nur Zeug ordnen, aber eigentlich irgendwas im Busch ist.”
Beatrice lehnte sich leicht in meine Richtung.
“Vielleicht ist ja wirklich nur Zeug im Busch.”
Ich sah sie an.
Sie sah viel zu unschuldig aus.
Viel.
Zu.
Unschuldig.
“Na Süße?”, fragte sie plötzlich. “Darf ich mich zu dir setzen?”
“Klar doch.”
Sie kam näher und setzte sich zu mir auf die Decke. Ganz selbstverständlich. So, als wäre das genau der Moment, der jetzt passieren sollte.
“Wirklich ein süßer Bikini”, sagte sie.
“Ja”, sagte ich und grinste. “Und ich glaub, Mario steht deswegen noch umso mehr im Schweiß.”
“Das kann ich verstehen.”
“Beatrice!”
“Was? Ich sag ja nur.”
Wir kicherten wieder.
Dann wurde sie ein klein wenig leiser.
Nicht dramatisch.
Nur anders.
“Duuuuu, Lisa?”
Ich sah sie an.
“Ja?”
“Ich hab da übrigens noch was für dich.”
Ich blinzelte.
“Hm? Wie? Was? Für mich?”
Sie griff hinter ihren Rücken.
Und holte ein Geschenk hervor.
Ein richtiges Geschenk.
Schön eingewickelt in weiß-marmoriertes Geschenkpapier.
Mit rotem Band.
Für einen Moment war ich völlig still.
Und das will was heißen.
Ich sah das Geschenk an. Dann Beatrice. Dann wieder das Geschenk.
“Och Süße”, sagte ich leise. “Du bist doch verrückt. Das musst du doch nicht machen.”
In mir wurde es warm.
Nicht die Sonnenwärme. Anders. Weicher. Persönlicher.
Beatrice war wieder hier. Das allein hätte gereicht. Mehr als gereicht. Und jetzt saß sie neben mir auf der Decke, in diesem riesigen Garten, an diesem heißen Sonntag, und hielt ein Geschenk für mich in den Händen.
Für mich.
Ich spürte, wie meine Augen schon wieder gefährlich glänzten.
“Nicht gucken, als würdest du gleich davonlaufen”, sagte Beatrice.
“Ich laufe grundsätzlich nicht viel”, sagte ich automatisch.
Sie lachte.
“Mach es auf.”
“Warte.” Ich sah sie misstrauisch an. “Du wusstest bereits, dass ich hier sein werde?”
“Vielleicht.”
“Beatrice.”
“Mach auf.”
Ich drehte den Kopf zu Mario.
Der wirkte immer noch beschäftigt.
Viel zu beschäftigt.
Ich sah wieder zu Beatrice.
“Was wird hier gespielt?”
Sie grinste nur.
Na gut.
Das Geschenk fühlte sich leicht an.
Weich.
Ich hielt es in den Händen, und plötzlich war die ganze Luft um mich herum anders. Nicht schwer. Aber geladen. Als würde irgendwo hinter der nächsten Sekunde ein kleines Feuerwerk warten.
“Na los”, sagte Beatrice. “Mach schon.”
Ich atmete ein.
“Lass mich raten”, sagte ich. “Ich werde gleich wieder total anfangen zu heulen, ja?”
“Könnte passieren.”
“Unfair.”
“Lisa.”
“Ja ja.”
Ich riss das Papier vorsichtig auf.
Nicht wild. Nicht hektisch.
Erst eine Ecke.
Dann ein Stück weiter.
Weiß-marmoriertes Papier öffnete sich, das rote Band glitt zur Seite, und darunter sah ich Stoff.
Blau.
Ich hielt inne.
“Oh.”
Noch mehr Papier.
Ein Träger.
Dann Weiß.
Dann eine Form.
Mein Gehirn war einen halben Schritt zu langsam.
Mein Herz war schon drei Kilometer voraus.
Ich zog den Stoff heraus.
Und dann sah ich es.
Das ganze Outfit.
Blau.
Weiß.
Gelb.
Sportlich.
Süß.
Unfassbar süß.
Nicht irgendein Outfit.
Nicht ein Kleid.
Nicht ein Bikini.
Nicht Cowgirl.
Mein Atem blieb hängen.
Dann schoss alles gleichzeitig durch mich hindurch.
Traum.
Bühne.
Musik.
Pompons, obwohl ich die noch gar nicht gesehen hatte.
Licht.
Applaus.
Lisa-Marie als Cheerleaderin.
Und dann explodierte ich.
“OH MEIN GOTT!”
Ich glaube, irgendwo im Garten fiel mindestens eine Tasse herunter durch diesen Schrei.
“Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott!”
Ich hielt das Outfit hoch, als hätte ich gerade einen Schatz aus einer versunkenen Stadt geborgen.
“Oh mein Gott! Schaaaaatzi! Schau mal! Schau mal! Ein… ein… ein… EIN CHEERLEADER-OUTFIT!”
Meine Stimme überschlug sich.
Mir egal.
Alles egal.
“Woah Beatrice… das ist… das ist… so… so wunderschön!”
Ich sah sie an, und plötzlich war ich wieder dieses Mädchen, das immer davon geträumt hatte. Von Cheerleadern. Von Energie. Von Strahlen. Von diesem Bild aus amerikanischen Filmen, Musikvideos, Schulhöfen, Stadien, Licht und Bewegung. Nicht, weil ich irgendjemand anderes sein wollte. Sondern weil dieses Bild in mir etwas traf.
Etwas, das sagte:
Ich will leuchten.
Ich will anfeuern.
Ich will Teil von etwas sein.
Ich will süß sein dürfen, stark sein dürfen, laut sein dürfen, gesehen werden dürfen.
“Schatzi”, rief ich zu Mario, inzwischen völlig außer Kontrolle, “Schatzi, ich… ich… ich will das sofort anziehen! Bitte bitte bitte bitte bitteeeeeee!”
Dann sah ich die Kameraausrüstung.
Die Decke.
Den aufgebauten Kram.
Das Shooting.
Ach ja.
Eigentlich waren wir ja mitten in Fotos.
Ich sah Mario an.
“Hmm… oder wolltest du noch Fotos machen?”
Mario sah ernst aus.
So ernst, dass mein Herz kurz stolperte.
“Na ja”, sagte er langsam. “Eigentlich ja schon.”
Oh.
“Ja”, fuhr er fort. “Eigentlich wollte ich schon noch ein paar Fotos machen.”
Für einen winzigen Moment war ich traurig.
Nur winzig.
Dann sah ich seinen Blick.
Dieses kleine Funkeln.
Fast unsichtbar.
Aber ich kannte es.
Dieses Funkeln verriet ihn immer.
Wenn Mario etwas plante. Wenn er innerlich schon drei Schritte weiter war. Wenn er sich so sehr auf meine Reaktion freute, dass er versuchte, es nicht zu zeigen - und genau dadurch natürlich alles zeigte.
“Ja”, sagte er. “Eigentlich wollte ich schon Fotos machen.”
Pause.
“Von dir.”
Mein Herz hob den Kopf.
“In dem Cheerleader-Outfit.”
Ich starrte ihn an.
“Hiermit.”
Und dann zog er hinter seinem Rücken etwas hervor.
Farblich passend.
Glänzend.
Weich.
Unverkennbar.
Pompons.
POMPONS.
“POMPONS?!”
Ich glaube, ich quietschte.
Nicht ein bisschen.
Richtig.
“POM… PONS?! WAS GEHT HIER AB?”
Ich sah zu Beatrice.
Dann zu Mario.
Dann wieder zu Beatrice.
Wieder zu Mario.
Und langsam setzte sich das Puzzle zusammen.
Das Geschenk.
Die Kiste.
Das verdächtige Sortieren.
Dieses viel zu harmlose “nur ein Fotoshooting”.
Ich sah beide an, mit gespielter Empörung und einem Grinsen im Gesicht, das vermutlich heller war als die Sonne.
“IHR ZWEI? Hinter meinem Rücken?”
Beatrice und Mario tauschten einen Blick.
Ein Grinsen.
Ein Zwinkern.
Ich schnappte nach Luft.
“Lass mich raten: Auch Yasmin wusste Bescheid?”
Mario nickte.
“Ja. Von Anfang an. Mit allen Details.”
Oh.
Yasmin.
Meine Yasmin.
Dieser Engel.
Deswegen war sie daheim geblieben. Deswegen hatte sie so ruhig gelächelt. Deswegen hatte sie mich fahren lassen, obwohl ich am liebsten gewollt hätte, dass sie mitkommt. Deswegen hatte sie in letzter Zeit immer wieder mal das Zimmer verlassen als sie so aussah, als ob sie gleich explodieren würde vor Anspannung.
Sie hatte es gewusst.
Und nichts verraten.
Auch wenn ich nun weiß, wie schwer ihr das wohl immer wieder mal gefallen sein muss.
Sie hatte mir diesen Moment geschenkt.
Ohne Applaus.
Ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.
Einfach so.
Weil sie Yasmin war.
Ich schluckte.
“Süße”, flüsterte ich, als könnte sie mich irgendwie hören, “du bist so ein Engel.”
Beatrice beugte sich ein wenig zu mir.
“Ja nun”, sagte sie dann mit einem Grinsen. “Aber hopp. Dann zeig mal, was du drauf hast.”
Das war der richtige Satz.
Genau der richtige.
Denn wenn ich noch länger über Yasmin nachgedacht hätte, hätte ich wahrscheinlich schon vor dem Umziehen angefangen zu flennen, und das wäre zwar emotional völlig verständlich, aber logistisch ungünstig gewesen.
Also hob ich sofort die Arme.
“Hoch mit mir! Umziehen! Jetzt! Sofort! Keine Diskussion!”
Mario lachte.
Und ich war noch nie so kooperativ.
Kein Rumalbern mit den Armen.
Kein Verzögern.
Kein “aber erst noch ein Spruch”.
Ich wollte dieses Outfit anziehen.
Sofort.
Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, wenn ein Traum plötzlich Stoff hat.
Als ich es trug, wurde ich still.
Nur kurz.
Aber wirklich still.
Das Cheerleader-Outfit saß an mir, blau und weiß, süß und sportlich, verspielt und voller Energie. Es war nicht einfach Kleidung. Es war eine Tür. Eine, vor der ich lange gestanden hatte, ohne zu glauben, dass sie sich jemals öffnen würde.
Beatrice sah mich an.
Mario hielt die Pompons bereit.
Ich sah an mir herunter.
Dann hob ich den Blick.
“Ich sehe…”
Meine Stimme brach fast.
Nein. Nicht jetzt.
Ich holte Luft.
“Ich sehe fantastisch aus.”
Beatrice lächelte.
“Das tust du.”
Mario reichte mir die Pompons.
Und da war es.
Komplett.
Nicht nur Cheerleader-Outfit.
Pompons.
In meinen Händen.
Mein Herz war offiziell nicht mehr innerhalb der zulässigen Betriebsgrenzen.
Wir gingen zu einer freien Fläche.
Oder besser: Mario brachte mich hin, denn auch wenn ich innerlich schon durch den Garten rannte, war mein Körper weiterhin eine Puppe und kein plötzlich erwachtes Sportwunder. Was ich etwas unfair fand, aber an diesem Tag großzügig hinnahm.
Beatrice stand bereits dort.
Und nicht nur sie.
Menschen hatten sich versammelt.
Puppen waren da.
Gesichter, die lächelten.
Kameras.
Sonne.
Garten.
Eine kleine Bühne aus Rasen, Licht und Liebe.
Jemand rief mit gespielter Feierlichkeit:
“Meine Damen und Herren: Lisa - die Cheerleaderin! Applaus, Applaus!”
Und dann klatschten sie.
Sie klatschten wirklich.
Für mich.
Ich hatte sofort Tränen in den Augen.
Natürlich.
Weil mein Körper offenbar inzwischen entschieden hatte, dass Tränen zum Standardzubehör gehören.
Aber diesmal war es anders als auf Fehmarn.
Dort hatten die Dämme gebrochen, weil meine Coolness plötzlich keinen Halt mehr fand. Weil unter der Maske alles sichtbar wurde, was ich so lange mit Sprüchen zugedeckt hatte.
Heute brach nichts.
Heute leuchtete etwas.
Die Tränen waren nicht Zusammenbruch.
Sie waren Freudentränen. Glitzer in flüssiger Form.
Ich wischte sie weg.
“Egal”, sagte ich. “Jetzt geht die Show los.”
Und wie sie losging.
Ich war nicht zu halten.
Nein, ich konnte nicht wirklich springen. Nicht über die Wiese rennen. Keine echten Tanzschritte machen. Keine Hebefigur, keine Pirouette, kein wilder Cheerleader-Move, bei dem irgendwo Pompons durch die Luft fliegen und alle denken: Wow, was war das denn?
Aber in meinem Herzen tat ich all das.
Und irgendwie muss man es gesehen haben.
Mario stellte mich, richtete mich aus, half mir, die Arme zu heben, die Pompons zu platzieren, den Kopf zu drehen. Aber ich war nicht einfach nur positioniert. Ich war da drin. In jeder Pose. In jedem Blick. In jedem Lächeln.
Klick.
Klick.
Klick.
Die Pompons raschelten leicht.
Die Sonne funkelte darin.
“Arme hoch”, sagte Mario.
“Mit Vergnügen!”
Klick.
“Blick zu Beatrice.”
Oh nein.
Gefährlich.
Ich sah zu Beatrice.
Sie stand da und lächelte.
So stolz.
So liebevoll.
So als hätte sie nicht nur ein Geschenk gemacht, sondern einen Traum erkannt, bevor ich selbst wusste, wie sehr ich ihn brauchte.
Klick.
Meine Augen wurden wieder nass.
“Nicht weinen”, murmelte ich.
“Doch”, sagte Beatrice. “Passt.”
Ich lachte.
“Frech.”
Mario ging etwas zur Seite.
“Jetzt mehr Lisa.”
Ich sah ihn an.
“Mehr Lisa? Willst du es wirklich riskieren?”
“Unbedingt.”
Na gut.
Wer so fragt, bekommt keine Schonung.
Ich gab ihm mehr Lisa.
Viel mehr Lisa.
Frech.
Kokett.
Süß.
Strahlend.
Überdreht.
Glücklich.
Mit Pompons in den Händen und einem Grinsen, das vermutlich aus dem All sichtbar war.
Klick.
Klick.
Klick.
Ich war ein Wirbelwind, ohne zu laufen.
Eine kleine Rakete, ohne abzuheben.
Lebendig gewordene Energie, gebündelt in einer überglücklichen Puppe im Cheerleader-Outfit.
Die Menschen klatschten wieder.
Jemand lachte vergnügt auf.
Jemand rief etwas Aufmunterndes.
Und ich fühlte mich nicht vorgeführt.
Nicht einmal für eine Sekunde.
Ich fühlte mich gefeiert.
Das ist ein Unterschied, der größer ist als der ganze Garten.
Ich war nicht der Gag.
Ich war nicht “Lisa spielt Cheerleader”.
Ich war Lisa.
Und alle spielten mit, weil sie verstanden hatten, dass dieser Moment für mich echt war.
Dass dieser Traum kein kleiner Scherz war.
Sondern ein Stück von mir.
Beatrice kam einen Schritt auf mich zu.
Aber ich war schneller.
Sobald Mario mir half, fiel ich ihr um den Hals.
“Danke”, schluchzte ich. “Danke, danke, danke, danke. Du bist die Beste. Ich hab dich so sehr lieb.”
Ich küsste sie dick auf die Wange.
Nicht elegant.
Sehr herzlich.
Perfekt Lisa.
Dann hielt ich sie fest und legte den Kopf an ihre Schulter. Die Pompons drückten irgendwo zwischen uns, aber mir völlig egal. Ein bisschen Glitzer-Knautschzone schadet einer Freundschaft nicht.
Beatrice hielt mich.
“Du bist echt der Endgegner von süß”, sagte sie.
Ich schluchzte und lachte gleichzeitig.
“Das ist das schönste Kompliment meines Lebens.”
“Verdient.”
Ich drückte sie fester.
“Du hast mir meinen Traum geschenkt.”
“Nein”, sagte sie leise. “Ich hab dir nur etwas gegeben, das schon zu dir gehört hat.”
Na super.
Noch so ein Satz.
Wer hatte ihr erlaubt, mitten in meine Cheerleader-Ekstase hinein direkt in mein Herz zu sprechen?
Ich sagte nichts.
Ich hielt sie nur.
Manche Antworten sind Umarmungen.
Irgendwann sah ich zu Mario.
“Das will ich nie, nie wieder ausziehen.”
Mario hob die Augenbrauen.
“Na… okay.”
Dann dieses kleine Zwinkern.
“Ab und an dann doch mal.”
Ich brauchte eine halbe Sekunde.
Dann grinste ich.
“Zwinker zwinker?”
“Zwinker zwinker.”
“Einverstanden”, sagte ich. “Aber nur aus praktischen Gründen.”
Der Nachmittag war plötzlich da, als hätte jemand die Zeit mit einem gemeinen Trick beschleunigt.
Schon seit einer Weile zog ein unglaublicher Duft durch den Garten.
Pulled Pork.
Es schmorte offenbar schon lange vor sich hin und hatte währenddessen beschlossen, alle Anwesenden langsam aber sicher in kulinarische Verzweiflung zu treiben. Es roch fantastisch. Warm, würzig, rauchig, nach Sommer und Hunger.
Aber vorher gab es noch ein Gruppenfoto.
Und da war eines völlig klar:
Ich saß neben Beatrice.
Keine Diskussion.
Keine Abstimmung.
Keine kosmische Macht.
Keine fotografische Kompositionsregel.
Nichts, aber auch gar nichts im bekannten Universum wäre imstande gewesen, uns in diesem Moment voneinander zu trennen.
Mario wusste das natürlich.
Alle wussten das.
Also saß ich neben Beatrice, im Cheerleader-Outfit, Pompons in den Händen, Augen noch ein bisschen glänzend, Herz so voll, dass es eigentlich hätte mit aufs Foto gemusst.
Das Gruppenbild wurde gemacht.
Klick.
Klick.
Klick.
Viele Puppen.
Viele Menschen.
Viel Licht.
Viel Liebe.
Und ich dachte: Genau so fühlt sich Zugehörigkeit an.
Nicht, weil alle gleich sind.
Sondern weil alle mitspielen.
Weil alle sehen, was ein Moment bedeutet.
Weil ein Garten voller Menschen und Puppen plötzlich nicht einfach Kulisse ist, sondern Gemeinschaft.
Dann Abendessen.
Endlich - das schon die ganze Zeit so verführerisch duftende “Pulled Pork”.
Und ich kann bestätigen: Es schmeckte so gut, wie es gerochen hatte.
Allerdings aß ich mit der Konzentration einer Chirurgin bei einer Herzoperation.
Bloß nicht auf das Cheerleader-Kleid kleckern.
Dieses Kleid war inzwischen kein Kleidungsstück mehr.
Es war ein Heiligtum.
“Wenn Sauce da draufkommt”, sagte ich, “muss jemand eine Schweigeminute einlegen.”
Beatrice lachte.
“Dann halt die Pompons lieber etwas weg.”
“Die Pompons sind unschuldig.”
“Noch.”
“Beatrice!”
Der Abend wurde dunkler.
Die Sonne war längst untergegangen. Der Garten wurde kühler. Stimmen klangen weicher. Irgendwo wurden Dinge zusammengeräumt. Das Licht veränderte sich, und mit ihm kam dieses Gefühl, das ich nicht mochte, obwohl es zu schönen Tagen dazugehört.
Abschied.
Beatrice kam zu mir.
Ich sah es ihr an, bevor sie etwas sagte.
“So”, sagte sie leise. “Wir fahren jetzt wieder heim.”
Da waren die Tränen.
Sofort.
Ich hob eine Hand.
“Siehste”, sagte ich. “Jetzt heul ich doch noch.”
Beatrice lächelte traurig.
“War ja fast zu erwarten.”
“Ich bin dir so unendlich dankbar.”
“Ich weiß.”
“Nein, ich meine…” Ich musste schlucken. “Nicht nur für das Outfit. Nicht nur für heute. Für Fehmarn. Für das Geländer. Für ‚Saug es auf‘. Für gestern. Für das Geschenk. Dafür, dass du verstanden hast, dass Cheerleader für mich nicht nur süß ist.”
Beatrice sah mich an.
“Ich hab dich verstanden.”
Mehr musste sie nicht sagen.
Ich nickte, aber die Tränen liefen trotzdem.
“Grüß Yasmin ganz lieb von mir”, sagte sie.
“Mach ich.”
“Und sag ihr…” Beatrice lächelte. “Sag ihr, sie hat eine ziemlich wundervolle beste Freundin.”
Ich lachte unter Tränen.
“Das sag ich ihr genauso. Und dann tut sie so, als wäre sie peinlich berührt, aber innerlich freut sie sich.”
“Bestimmt.”
Dann umarmte ich Beatrice.
Lange.
So lange, dass der Abschied nicht leichter wurde, aber richtiger.
Ich wollte sie nicht loslassen.
Tat es schließlich doch.
Mario hielt mich, während ich ihr nachwinkte.
Ich legte meinen Kopf auf seine Schulter.
Beatrice winkte zurück.
Und dann verschwand sie langsam aus diesem Wochenende.
Nicht aus meinem Herzen.
Nur aus dem Garten.
Eine Weile sagte ich nichts.
Dann flüsterte ich: “Ich hab sie so lieb.”
Mario strich mir sanft über den Rücken.
“Ich weiß.”
“Wir fahren dann nun aber auch heim?”
“Ja.”
Ich atmete tief durch.
“Okay.”
Wieder rein in die Schubkarre.
Im Cheerleader-Outfit.
Mit Pompons.
Ich sage es ganz ehrlich: Es war der glamouröseste Schubkarrenmoment meines Lebens. Und da ich inzwischen Erfahrung mit Schubkarren hatte, darf man diese Bewertung ernst nehmen.
Ich lag darin, hielt die Pompons fest und sagte:
“Ich hoffe, euch ist bewusst, dass dieser Transport historisch ist.”
Jemand lachte.
“Cheerleader-Lisa in der Schubkarre”, sagte jemand irgendwo.
“Majestätisch”, murmelte ich.
Und das war es.
Irgendwie.
Dann setzten wir uns ins Auto.
Heimfahrt.
Sternenklare Nacht.
Die Straße lag dunkel vor uns. Das Auto war warm, der Tag in meinem Kopf noch heller als jede Straßenlaterne. Ich saß neben Mario, immer noch im Cheerleader-Outfit. Die Pompons lagen bei mir, als wären sie kleine flauschige Beweise dafür, dass dieser Tag wirklich passiert war.
Eine Weile fuhren wir schweigend.
Nicht leer schweigend.
Voll schweigend.
Dann sagte ich leise: “Mario?”
“Hm?”
“Wirst du sowas auch mal mit Yasmin machen?”
Er sah kurz zu mir.
“Sowas?”
“Nicht genau sowas. Also bitte kein Cheerleader-Outfit für Yasmin. Das ist mein Hoheitsgebiet.”
Er lachte leise.
“Aber etwas… Besonderes. Etwas, das ihr gehört. So wie heute mir gehört hat.”
Mario schwieg einen Moment.
Dann sagte er: “Natürlich. Beim nächsten Mal kommt Yasmin mit. Und du bleibst daheim.”
Ich nickte.
Und es überraschte mich, wie sehr sich das richtig anfühlte.
Nicht einfach leicht.
Aber richtig.
“Das ist absolut in Ordnung”, sagte ich. “Und voll fair.”
Ich dachte an Yasmin, wie sie am Samstagmorgen gelächelt hatte. Wie sie mich hatte gehen lassen. Wie sie diesen Moment nicht kleiner gemacht hatte, nur weil sie selbst nicht dabei war.
“Sie verdient das so sehr”, flüsterte ich.
“Ja”, sagte Mario. “Das tut sie. Und glaub mir - ich hab natürlich auch schon längst was für Yasmin geplant. Ich denke, das wird sie genauso aus den Socken hauen!”
Natürlich.
Ein Treffen ist grad erst zu Ende, und Mario hat bereits schon voll ausgeschmückte Pläne inklusive Checkliste und minutiösem Ablauf im Kopf.
“War irgendwie klar. Magst Du mir Details verraten?”
“Noch nicht - aber natürlich wirst Du dann zu gegebener Zeit genauso von Beginn an eingeweiht sein!”
Und mehr musste ich nicht wissen.
Mein Wochenende war voll. Randvoll. Bis zum Glitzerdeckel. Alles Weitere gehörte irgendwann Yasmin. Und wenn es soweit war, würde ich zu Hause sitzen, vermutlich so tun, als sei ich völlig entspannt, und innerlich trotzdem alle fünf Minuten fragen wollen, ob sie schon glücklich genug war.
Ich wurde müde.
Richtig müde.
Nicht nur der Körper. Auch die Gefühle.
Mein Kopf wurde schwer. Die Pompons verschwammen ein bisschen vor meinen Augen. Die Straße summte. Marios Hände lagen am Lenkrad. Die Nacht zog vorbei.
“Ich liebe dich so unendlich sehr”, sagte ich.
Meine Stimme war klein.
Ehrlich.
Ohne Show.
Mario antwortete leise: “Ich dich auch, mein Engel.”
Ich schloss die Augen.
“Ich mach ein wenig die Augen zu, okay?”
“Mach das.”
Ich zögerte noch.
Dann sagte ich: “Ich weiß… beide Hände am Lenkrad und so… aber… hältst du bitte dann und wann meine Hand?”
“Ja.”
Dieses eine Wort reichte.
Ich nickte weg.
Nicht ganz.
Nicht sofort tief.
Eher schwebend.
Zwischen Straße und Traum, zwischen Cheerleader-Outfit und Sternenlicht, zwischen Beatrice’ Umarmung und Yasmins wartendem Lächeln.
Und immer wieder, während der Fahrt, spürte ich Marios Finger an meinem Handrücken.
Nur kurz.
Sanft.
Ein Streichen.
Dann wieder beide Hände sicher am Lenkrad.
Dann irgendwann wieder ein kurzer warmer Kontakt.
Als würde er mir sagen: Ich bin da. Schlaf ruhig. Alles ist gut.
Und alles war gut.
Irgendwann hörte ich seine Stimme.
“So, mein Engel… du solltest jetzt langsam wieder aufwachen. Wir sind gleich zu Hause.”
Ich blinzelte.
Erst war alles weich.
Dann klarer.
Draußen die Nacht.
Vertraute Wege.
Und dann sah ich aus der Ferne das Haus.
Unser Haus.
Lichter brannten.
Yasmin war noch wach.
Natürlich war sie noch wach.
Mein Herz wurde sofort wieder munter, auch wenn der Rest von mir eher aussah wie ein überglücklicher, leicht angeschmolzener Pompon-Unfall.
Mario bog in die Einfahrt.
Natürlich total schräg.
Ordentlich parken konnte warten.
Er sah mich an.
“Erst zu Yasmin?”
“Natürlich.”
Er half mir aus dem Auto und brachte mich hinein.
Und da war sie.
Yasmin.
Meine Yasmin.
Sie sah mich an.
Und dann sah sie das Cheerleader-Outfit.
Die Pompons.
Mein vermutlich völlig verschwitztes, übermüdetes, glücksverstrahltes Gesicht.
Und sie lächelte.
Oh, wie sie lächelte.
Ich liebe ihr Lächeln.
“Schau mal”, platzte es aus mir heraus. “Schau mal! Ich bin eine Cheerleaderin! Sieht das nicht toll aus?”
Yasmin kam näher.
“Es sieht wunderschön aus.”
Das traf mich.
Natürlich traf es mich.
“Du wusstest es”, sagte ich.
Sie antwortete nicht sofort.
Musste sie auch nicht.
Ihr Blick war Antwort genug.
“Du hast bei all dem mitgespielt.” Meine Stimme wurde weich. “Süße… du bist so ein Engel.”
“Du solltest diesen Moment haben”, sagte sie.
So einfach.
So Yasmin.
Und schon wieder war mein Herz kurz davor, die Notausgänge zu öffnen.
“Ich soll dich von Beatrice ganz lieb grüßen”, sagte ich.
Yasmins Lächeln wurde noch wärmer.
“Das freut mich.”
“Und sie hat gesagt, ich hab eine ziemlich wundervolle beste Freundin.”
Jetzt sah Yasmin doch einen Moment weg.
Ha.
Erwischt.
“Und da hat sie sowas von recht”, sagte ich.
“Lisa…”
“Nichts Lisa. Stimmt.”
Dann fing ich an zu erzählen.
Natürlich fing ich an zu erzählen.
Wie ein Wasserfall.
Nein, wie ein Wasserfall mit Pompons.
“Also erst war da Weißwurst-Frühstück, und dann dieser Bikini, Yasmin, der war so süß, rosa-kariert mit Spitze, und Mario war komplett im Schweiß, aber angeblich nur wegen der Sonne, und dann kam Beatrice zu mir und hatte ein Geschenk, und das Papier war weiß mit rotem Band, und ich dachte schon, ich heule gleich, und dann war da Stoff, und blau, und ein Träger, und Yasmin, es war ein Cheerleader-Outfit, ein echtes Cheerleader-Outfit, das hier, und dann dachte ich, okay, schade, Fotoshooting war ja noch nicht fertig, aber dann zieht Mario plötzlich Pompons hervor, POMPONS, verstehst du, richtige Pompons, und ich hab natürlich sofort gewusst, dass ihr alle hinter meinem Rücken-”
Ich hielt kurz inne.
Nur ganz kurz.
Um Luft zu holen.
Ein fataler Fehler.
Denn in genau diesem Moment holte mich die Erschöpfung ein.
Nicht höflich.
Nicht langsam.
Sondern wie eine warme Decke mit Überfallkommando.
Ich sank gegen Yasmins Schulter.
“Lisa?”
“Ich erzähl gleich weiter”, murmelte ich.
“Natürlich.”
“Nur kurz Augen zu.”
“Natürlich.”
“War so schön…”
“Ich weiß.”
“Pompons…”
Dann war ich weg.
Mitten an Yasmins Schulter.
Völlig verschwitzt.
Ungeduscht.
Immer noch im Cheerleader-Outfit.
Die Pompons in den Händen.
Und offenbar, wie mir später erzählt wurde, mit einem ganz leichten Schnarchen.
Aber lady-like.
Sehr dezent.
Fast musikalisch.
Ich bestehe darauf.
Am nächsten Morgen stand die Sonne bereits hoch am Himmel, als ich wieder wach wurde.
Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu verstehen, wo ich war.
Zuhause.
Yasmin war da.
Die Pompons lagen noch in meiner Nähe.
Ich trug immer noch das Cheerleader-Outfit.
Gut.
Die wichtigsten Dinge waren also geklärt.
“Wo ist Mario?”, murmelte ich.
“Er ist noch einmal zurückgefahren”, sagte Yasmin. “Er hilft beim Abbauen und Aufräumen.”
Ich blinzelte.
“Ernsthaft?”
“Ja.”
“Hat der Mann irgendwo einen Reserveakku eingebaut?”
Yasmin lächelte.
“Vielleicht.”
“Ich bin gestern beim Erzählen eingeschlafen, oder?”
“Mitten im Satz.”
“Oh nein.”
“Du hast sehr glücklich ausgesehen.”
“Und geschnarcht?”
Yasmin zögerte.
Ich riss die Augen auf.
“Ich habe geschnarcht?!”
“Nur ganz leicht.”
“Lady-like?”
“Selbstverständlich.”
“Gut. Dann ist mein Ruf gerettet.”
Und dann erzählte ich.
Diesmal richtig.
Ohne mittendrin einzuschlafen.
Vom Frühstück. Von Beatrice. Vom Geschenk. Von Marios Funkeln. Von den Pompons. Vom Applaus. Von Beatrices Satz, dass ich der Endgegner von süß sei. Von der Schubkarre. Vom Pulled Pork. Vom Abschied. Von der Heimfahrt. Von meiner Frage, ob Yasmin beim nächsten Mal mitkommen würde.
Da wurde Yasmin still.
“Du hast gefragt?”
“Natürlich hab ich gefragt.” Ich sah sie ernst an. “Du kommst beim nächsten Mal mit. Und ich bleibe daheim.”
“Lisa…”
“Nein, das ist absolut in Ordnung und voll fair. Du hast mir das hier gegönnt. Jetzt bist du dran.”
Yasmin sah mich an.
Und in ihrem Blick lag so viel, dass ich fast wieder weich wurde.
“Danke”, sagte sie leise.
“Keine Ursache”, sagte ich. “Aber du musst mir danach alles erzählen. Und wenn du mittendrin einschläfst, werde ich mich ankuscheln und natürlich Bilder davon machen.”
“Lady-like?”
“Natürlich.”
Mario kam gegen Mittag zurück.
Und man sah ihm die Erschöpfung an.
Endlich.
Ich hatte ja schon fast Sorge gehabt, er sei heimlich eine Maschine. Aber nein. Da war er, müde, sonnengetroffen, sichtbar durch. Der Mann hatte ein ganzes Wochenende getragen, fotografiert, organisiert, gefahren, wieder geholfen und wahrscheinlich nebenbei noch fünfzig Dinge gemacht, die niemand gesehen hatte.
Und was machte er als Erstes?
Meine Perücke waschen.
Ich sah ihn an.
“Unfassbar.”
“Was?”
“Du kommst gerade zurück, siehst aus wie vom Wochenende persönlich überrollt, und das Erste, was du machst, ist meine Perücke waschen?”
“Die braucht es.”
“Ich auch.”
“Du gleich.”
Dann räumte er Koffer und Taschen aus.
Natürlich.
Weil “ausruhen” offenbar in Marios Wörterbuch unter “später vielleicht” stand.
Schließlich kam er zu mir.
“Komm Lisa, duschen.”
“Ooooh ja”, seufzte ich. “Ich fühl mich schon geradezu wie Pepé das Stinktier.”
“Pepé?”
“Na, dieser Zeichentrick-Stinker. Nur vermutlich weniger charmant.”
“Das kriegen wir hin.”
Das Wasser traf meine Haut, warm und kräftig. Ein kräftiger Strahl aus dem Duschkopf spülte Schweiß und Staub weg. Den Garten. Die Hitze. Die Heimfahrt. Das Gefühl, seit gestern in einem kleinen Kokon aus Sommer und Aufregung gelegen zu haben.
Aber die Emotionen blieben.
Natürlich blieben sie.
Die saßen nicht auf der Haut.
Die konnte kein Wasser abspülen.
Nach dem Duschen wurde ich eingepudert. Vertraut, sanft, sorgfältig. Puder auf der Haut. Frische. Weichheit. Dieses Gefühl, wieder ganz bei mir anzukommen - nur dass “bei mir” jetzt etwas größer war als vorher.
Dann sah ich Mario an.
“Ich will wieder das Cheerleader-Kleid anziehen.”
Er hielt einen Moment inne.
Nicht überrascht.
Natürlich nicht.
Dann lächelte er.
“Ich hab nichts anderes erwartet.”
Also zog ich es wieder an.
Mein Cheerleader-Outfit.
Mein Geschenk von Beatrice.
Mein Traum mit Stoff und Farbe.
Mein Beweis, dass Freundschaft manchmal in weiß-marmoriertem Geschenkpapier kommt, mit rotem Band. Dass Yasmin manchmal schweigt, weil sie einem gerade etwas schenkt. Dass Mario mit einem kleinen Funkeln im Blick ganze Glücksexplosionen vorbereitet. Dass Menschen und Puppen in einem Garten zusammenkommen können und für einen Moment nicht nur zuschauen, sondern mitspielen.
Und wenn mich jemand fragt, was ich an Pfingsten gemacht habe, dann kann ich natürlich ganz locker sagen:
“Ach, nur ein Fotoshooting.”
Dann setze ich meine Sonnenbrille auf.
Greife nach meinen Pompons.
Und grinse.
Denn wir wissen ja inzwischen alle, was “nur ein Fotoshooting” bei Mario bedeutet.
