Lang lebe die Ananas

Mein Knie war längst wieder in Ordnung.
Nicht dieses “Ist schon viel besser”, bei dem man beim Aufstehen trotzdem noch automatisch nach irgendetwas greift. Und auch nicht dieses “Ich kann wieder alles”, während Yasmin einen von der Seite mit diesem Blick beobachtet, der ziemlich eindeutig sagt: Du kannst vor allem wieder hervorragend Blödsinn erzählen.
Nein.
Es war wirklich wieder in Ordnung.
Ich konnte stehen. Ich konnte laufen. Ich konnte mich drehen, mich strecken, mich bewegen, wie ich wollte.
Ich konnte wieder wirbeln.
Und vielleicht war genau das der Grund, warum ich in den Wochen danach manchmal ein bisschen anders auf die Menschen um mich herum geschaut hatte.
Nicht ständig.
Ich bin immer noch ich.
Ich sitze nicht plötzlich morgens mit einer Tasse Tee am Fenster und philosophiere darüber, wie vergänglich das Leben ist.
Erstens trinke ich lieber Kaffee.
Zweitens würde Yasmin vermutlich einen Arzt rufen.
Aber manchmal gab es diese kleinen Momente.
Wenn ich Yasmin ansah, zum Beispiel.
Ich hatte sie schon vorher geliebt. Natürlich hatte ich das. Yasmin war nicht einfach nur meine Freundin. Sie war Yasmin. Meine zweite Hälfte. Die Frau, bei der manchmal ein Blick genügte und ich genau wusste, was los war.
Na gut.
Meistens.
Manchmal dachte ich auch, sie würde gerade über etwas furchtbar Tiefgründiges nachdenken und dann sagte sie:
“Meinst du, da sind noch Kekse?”
Aber seit meinem Knie war da noch etwas dazugekommen.
Etwas Wärmeres.
Vielleicht Dankbarkeit.
Obwohl mir das Wort fast schon zu klein vorkam.
Yasmin hatte sich nicht irgendwie demonstrativ um mich gekümmert. Es hatte keinen großen Auftritt gegeben. Kein “Seht alle her, ich bin jetzt für Lisa da.”
Sie war einfach da gewesen.
Mit Schokokeksen.
Mit dem Videocall zu Beatrice.
Mit Ablenkung.
Mit Geduld.
Mit ihren trockenen Kommentaren genau dann, wenn ich drohte, mich in meinem eigenen Genervtsein festzufressen.
Und manchmal einfach nur neben mir.
Das war wahrscheinlich das Schönste daran.
Sie hatte nie verlangt, dass ich dankbar dafür war.
Das hätte auch überhaupt nicht zu ihr gepasst.
Sie hatte es einfach getan.
Weil ich ihr wichtig war.
Und Mario hatte mich getragen.
Manchmal ganz wörtlich.
Er hatte mich gestützt, angehoben, hingesetzt, wieder aufgerichtet, beim Umziehen geholfen, aufgepasst, dass ich keinen Unsinn machte – was vermutlich den größten Teil seiner Energie gekostet hatte – und mir irgendwann dieses wundervolle Gefühl zurückgegeben, mich wieder vollkommen frei bewegen zu können.
Ich weiß noch, dass ich ihn irgendwann einfach angesehen hatte und dachte:
Der hat mich wirklich aufgefangen.
Nicht dramatisch.
Nicht wie in irgendeinem Film, in dem vorher noch Geigen einsetzen.
Einfach so.
Und vielleicht hatte ich deshalb danach häufiger seine Nähe gesucht.
Nicht aus Angst.
Nicht weil ich plötzlich nicht mehr allein sein konnte.
Ich wollte einfach bei ihm sein.
Mario schlief sowieso selten allein. Meistens verbrachte eine von uns ein paar Nächte bei ihm. Er mochte das. Er mochte es, wenn jemand neben ihm lag, wenn er einschlief.
Und ich verstand das.
Allein einschlafen ist auch irgendwie doof.
Wo soll man denn bitte mit seinem Arm hin?
An jenem Samstagabend hatte ich ihn irgendwann angesehen.
“Du?”
“Hm?”
Ich hatte kurz gezögert.
Was bei mir vermutlich schon als historisches Ereignis zählt.
“Kann ich heute bei dir schlafen?”
Mario sah mich an.
Nur einen Moment.
Dann lächelte er.
“Natürlich.”
Mehr brauchte es nicht.
Später lagen wir nebeneinander im Bett.
Mario murmelte irgendetwas zu Alexa.
Kurz darauf wurde die Zimmerdecke zu einem Nachthimmel.
Sterne tauchten über uns auf, winzige Lichtpunkte, dazwischen ein langsam wandernder Nebel in Blau und Violett, der sich über die Decke zog, als hätte irgendjemand beschlossen, dass ein normales Schlafzimmer für heute Abend nicht gut genug war.
Dann setzte leise Musik ein.
Klassik.
Streicher.
Ganz ruhig.
Ich sah nach oben.
Dann zu Mario.
“Angeber.”
“Was?”
“Sternenhimmel. Klassische Musik.”
“Soll ich’s wieder ausmachen?”
Ich drehte mich zu ihm.
“Wenn du das wagst, gibt es Ärger.”
Mario lachte leise.
Ich kuschelte mich näher an ihn.
Mein Kopf fand seinen Platz auf seiner Schulter, als hätte er dort schon immer hingehört. Einen Arm legte ich um seine Hüfte und zog mich ein wenig näher.
Seine Haut war warm.
Sein Atem ruhig.
Ganz gleichmäßig hob und senkte sich seine Brust.
Und unter meiner Wange hörte ich sein Herz.
Dieses weiche, dumpfe Pochen.
Ich liebe dieses Geräusch.
Vielleicht gerade deshalb, weil es so unspektakulär ist.
Kein großes Gefühl.
Keine Worte.
Ein Herz schlägt einfach.
Und trotzdem sagt es irgendwie: Ich bin hier.
Ich schloss für einen Moment die Augen.
Meine Fingerspitzen strichen über seine Seite.
Ganz langsam.
Eigentlich ohne nachzudenken.
Ich fuhr über seine Hüfte, seinen Bauch, ließ meine Hand über seine Brust wandern und spürte seinen Atem unter meinen Fingern.
Mario reagierte kaum.
Sein Herz schlug weiter ruhig.
Ich musste lächeln.
Meine Hand wanderte wieder zurück.
Diesmal tiefer.
Über seinen Bauch.
Über seine Hüfte.
Seinen Oberschenkel.
Ich strich langsam an der Innenseite entlang.
Sein Atem blieb genauso ruhig wie vorher.
Also ließ ich meine Fingerspitzen weiterwandern.
Und spürte seine Erregung.
Ich lächelte in mich hinein.
Na bitte.
Ganz so unbeeindruckt war er offenbar doch nicht.
Nur sein Herz hatte davon anscheinend noch nichts mitbekommen.
Es schlug ruhig weiter.
Fast noch ruhiger als vorher.
Ich hob ein wenig den Kopf und betrachtete Mario.
Seine Augen waren geschlossen.
Sein Gesicht völlig entspannt.
Ich glaube, er war schon halb eingeschlafen.
Vielleicht sogar mehr als halb.
Und genau das machte den Moment irgendwie noch schöner.
Nicht die Erregung allein.
Die natürlich auch.
Hallo?
Ich bin nicht aus Stein.
Aber dieses vollkommene Fallenlassen.
Er lag neben mir und dachte offenbar über gar nichts mehr nach. Er musste nichts sein. Nichts kontrollieren. Nichts tun.
Er schlief einfach langsam ein.
Bei mir.
Meine Finger strichen weiter über ihn.
Sanft.
Ohne Hast.
Ich mochte es einfach, ihn zu fühlen.
Seine Wärme.
Seinen Körper.
Und auch dieses kleine Wissen, dass meine Berührung etwas in ihm auslöste, selbst wenn sein Kopf längst irgendwo zwischen Wachsein und Schlaf verschwunden war.
Über uns wanderten die Sterne.
Die Musik spielte weiter.
Irgendwann wurde mein eigener Atem genauso langsam wie seiner.
Meine Hand blieb an seiner Hüfte liegen.
Und irgendwann schlief auch ich ein.
Als ich am nächsten Morgen die Augen öffnete, war die Sonne längst wesentlich motivierter als wir beide.
Helle Streifen drängten sich durch die Schlitze der Jalousie und zogen quer durch das Schlafzimmer.
Ich blinzelte.
Mehrfach.
Neben mir lag Mario.
Eigentlich lag ich halb auf ihm.
Keine Ahnung, wann das passiert war.
Offenbar hatte mein Körper nachts beschlossen, dass fünf Zentimeter Abstand vollkommen überbewertet waren.
Mario wurde ebenfalls langsam wach.
Sehr langsam.
Ein Auge öffnete sich einen winzigen Spalt.
Dann wieder zu.
Noch einmal.
“Morgen”, flüsterte ich.
“Mrrgn.”
Ich grinste.
“Wow.”
Keine Reaktion.
“So viele Worte.”
“Mhm.”
“Ich bin beeindruckt.”
Er lächelte tatsächlich ein bisschen, ohne die Augen richtig zu öffnen.
Ich kuschelte mich wieder enger an ihn.
Mein Kopf lag auf seiner Brust.
Diesmal hörte ich seinen Herzschlag noch deutlicher.
Langsam.
Ruhig.
Fast so, als hätte er überhaupt nicht vor, diesen Morgen irgendwann ernsthaft zu beginnen.
Meine Hand lag auf seinem Bauch.
Ich ließ sie wieder wandern.
Nicht einmal bewusst.
Es war dieses Bedürfnis, ihn einfach zu fühlen.
Nach all den Wochen, in denen andere Hände mich gehalten, gestützt und bewegt hatten, genoss ich vielleicht auch gerade deshalb so sehr, dass meine eigenen wieder vollkommen frei waren.
Meine Finger glitten über seine Brust.
Über seinen Bauch.
Seine Hüfte.
Ich spürte seine Haut unter meinen Fingerspitzen.
Seine Wärme.
Und irgendwann war meine Hand wieder dort angekommen, wo sie in der Nacht schon gewesen war.
An seinem Oberschenkel.
Dann an der Innenseite.
Ich strich ganz langsam darüber.
Mario atmete tief ein.
Aha.
Diesmal also doch.
Ich ließ meine Fingerspitzen weitergleiten.
Seine Erregung ließ nicht lange auf sich warten.
Und diesmal verriet ihn sein Herz.
Der Rhythmus unter meiner Wange veränderte sich.
Nur ein wenig zuerst.
Dann deutlicher.
Ich hob den Kopf.
Mario hatte die Augen inzwischen geöffnet.
Nicht ganz.
Aber genug.
“Guten Morgen”, sagte ich.
“Du hast das vorhin schon gesagt.”
“Da warst du nicht richtig wach.”
“Bin ich jetzt auch nicht.”
Ich grinste.
“Dein Herz behauptet was anderes.”
Mario lachte leise.
Dann legte sich seine Hand um meine Hüfte.
Ganz sanft.
Seine Finger strichen über meine Seite.
Und plötzlich war da dieses Kribbeln.
Er zog mich näher an sich.
Seine Fingerspitzen wanderten über meinen Rücken, über meine Hüfte und wieder hinauf.
Als sie über meinen Busen strichen, schloss ich für einen Moment die Augen.
Nicht weil es überraschend kam.
Sondern weil ich dieses Gefühl einfach genießen wollte.
Dieses ganz feine Prickeln, das sich von seiner Hand über meinen ganzen Körper ausbreitete.
Seine Hand glitt weiter.
Langsam.
Ohne Eile.
Und irgendwann spürte ich seine Finger zwischen meinen Beinen.
Wärme stieg in mir auf.
Keine plötzliche Explosion.
Mehr wie etwas, das sich immer weiter ausbreitete.
Ich zog Mario enger an mich.
Seine Erregung lag nun deutlich zwischen unseren Körpern und bat sanft pochend um Einlass.
Ich schlang ein Bein um ihn.
Mario legte seinen Arm um meine Schulter.
Und dann küssten wir uns.
Erst sanft.
Fast schläfrig noch.
Dann länger.
Inniger.
Ich spürte seinen Atem an meinen Lippen, seine Hand an meinem Körper, seine Wärme überall dort, wo wir uns berührten.
Und irgendwann hörte dieses Gefühl auf, aus einzelnen Berührungen zu bestehen.
Es wurde einfach eins.
Unsere Körper fanden ihren Rhythmus.
Nicht perfekt, weil einer führte und der andere folgte.
Sondern weil wir beide aufeinander reagierten.
Eine Bewegung beantwortete die andere.
Ein Atemzug den nächsten.
Nähe gab Nähe zurück.
Es war wie ein Ballett.
Nicht dieses strenge Bild mit Bühne, Kostümen und Leuten, die wissen, wie die ganzen Schritte heißen.
Sondern das, was ein Ballett für mich eigentlich schön macht:
Zwei Körper, die gemeinsam etwas werden, das keiner von beiden allein sein könnte.
Keiner nahm.
Keiner gab allein.
Wir bewegten uns miteinander.
Für einander.
Völlig ineinander aufgelöst.
Unsere Küsse wurden inniger.
Der Atem schneller.
Meine Hände hielten ihn fest, seine mich.
Manchmal öffnete ich die Augen nur für einen Sekundenbruchteil und sah sein Gesicht direkt vor meinem.
Dann schloss ich sie wieder.
Ich wollte nichts beobachten.
Ich wollte fühlen.
Ihn.
Uns.
Dieses vollkommen verrückte, warme Gefühl, jemanden so nah bei sich zu haben, dass für ein paar Minuten gar nicht mehr wichtig war, wo der eine aufhörte und der andere begann.
Das Körperballett wurde intensiver.
Sein Herz pochte inzwischen wild.
Meines vermutlich genauso.
Und irgendwann spürte ich, wie seine Erregung sich zuckend wie ein warmes Feuerwerk in mir entlud.
Ich hielt ihn einfach fest.
Ganz eng.
Sein Atem ging schwer.
Meiner auch.
Noch ein Kuss.
Dann noch einer.
Und irgendwann fielen wir beide wieder in die Kissen zurück.
Verschwitzt.
Völlig zerzaust.
Eng umschlungen.
Ich lag wieder mit dem Kopf auf seiner Brust.
Diesmal trommelte sein Herz unter meinem Ohr.
Ich musste lächeln.
Mario strich mir durch die Haare.
Eine Weile sagte keiner etwas.
Mussten wir auch nicht.
Irgendwann hob ich den Kopf.
“Weißt du was?”
“Hm?”
“Der Sternenhimmel gestern war schon ziemlich gut.”
Mario sah mich an.
“Das ist jetzt deine Bewertung?”
“Unter anderem.”
Er lachte.
Ich küsste ihn noch einmal.
Und blieb danach einfach liegen.
Glücklich.
Nicht dieses große, jubelnde Glück.
Eher dieses ganz tiefe.
Warme.
Das einen von innen ausfüllt.
Irgendwann schafften wir es tatsächlich ins Bad.
Gemeinsam duschen.
Was natürlich hauptsächlich der effizienten Wassernutzung diente.
Ganz klar.
Selbst dann, wenn man unter der Dusche plötzlich feststellt, dass man noch ein zweites Mal duschen muss.
Danach gingen wir nach unten.
Ich deckte mit Mario den Tisch, schenkte Multivitaminsaft ein und stellte die Brezln dazu. Wenig später standen Weißwürste auf dem Tisch und süßer Senf daneben.
Romantische Nacht unter Sternen.
Erotisches Ballett am Morgen.
Weißwurstfrühstück.
Man muss Prioritäten haben.
Mario fuhr nach dem Frühstück los, um die Wocheneinkäufe zu erledigen.
Ich ging ins Wohnzimmer.
Yasmin, Amber und Laura saßen schon auf der Couch.
Ich ließ mich neben Yasmin fallen.
Sie sah mich an.
Dann noch einmal.
Länger.
Ich grinste.
“Was?”
“Nichts.”
“Yasmin.”
“Du siehst glücklich aus.”
“Ich bin immer glücklich.”
“Mehr.”
Amber grinste schon.
Laura schaute zwischen uns hin und her.
Dann erschien auch auf ihrem Gesicht dieses langsame Lächeln.
“Oh.”
Ich drehte mich zu ihr.
“Was heißt denn bitte ›oh‹?”
“Gar nichts.”
“Ihr seid alle furchtbar.”
“Wir haben noch gar nichts gesagt”, bemerkte Yasmin.
“Ja. Genau das macht mir Sorgen.”
Sie hob nur eine Augenbraue.
Natürlich erzählte ich es ihnen.
Nicht alles.
Also…
Okay.
Doch.
Schon ziemlich viel.
Ich erzählte vom Sternenhimmel.
Von der Musik.
Davon, wie Mario beinahe eingeschlafen war.
Von meinem morgendlichen Weckprogramm.
Amber lachte.
Laura grinste.
Und Yasmin saß da mit diesem Gesichtsausdruck, bei dem man genau weiß, dass gleich etwas kommt.
“Also”, sagte sie irgendwann.
“Was?”
“Du bist heute Morgen ausgesprochen gründlich aufgestanden.”
Ich starrte sie an.
Amber prustete los.
Laura hielt sich lachend die Hand vor den Mund.
“YASMIN!”
“Was denn?”
“Du wirst immer schlimmer.”
“Ich verbringe zu viel Zeit mit dir.”
“Das ist eine unbewiesene Behauptung.”
“Ich habe Zeugen.”
“Befangen.”
Ich stieß sie spielerisch mit der Schulter an.
Sie stieß zurück.
Und dann sah ich sie an.
Richtig.
Nicht nur dieses schnelle Hingucken mitten im Gespräch.
Ich sah Yasmin.
Und plötzlich war da wieder dieses warme Gefühl.
Schokokekse.
Beatrice auf dem Handy.
Ihre Hand an meiner.
Die vielen Stunden, in denen sie einfach da gewesen war.
Mein Lächeln wurde kleiner.
Yasmin bemerkte es sofort.
Natürlich.
“Hey.”
“Hm?”
“Alles okay?”
Ich nickte erst.
Dann wusste ich selbst nicht mehr, warum.
“Ja. Ich hab nur grad…”
Ich suchte nach den richtigen Worten.
“Keine Ahnung.”
Amber rückte etwas näher.
Laura schwieg.
Ich sah kurz zur Tür, durch die Mario vor einer Weile verschwunden war.
“Ich hab gerade darüber nachgedacht, wie die Nacht war.”
Yasmin grinste leicht.
“Der ausführliche Teil oder der philosophische?”
Ich musste trotz allem lachen.
“Der philosophische.”
“Oh. Gefährlich.”
Ich atmete aus.
“So entstehen bei Menschen eigentlich Familien.”
Das Grinsen verschwand aus Yasmins Gesicht.
Nicht abrupt.
Einfach weil sie merkte, dass ich es ernst meinte.
Ich sah auf meine Hände.
“Also Kinder. Ihr wisst schon.”
Amber nickte langsam.
“Und Mario liebt Kinder.”
Ich dachte an seine Schwester.
An ihre Kinder.
Daran, wie selbstverständlich Mario mit ihnen umging.
Wie anders sein Gesicht manchmal aussah, wenn eines von ihnen irgendetwas erzählte und er vollkommen konzentriert zuhörte, obwohl es vermutlich darum ging, welcher Dinosaurier der coolste war.
“Wenn seine Schwester hier ist… man sieht das doch.”
Ich hob die Schultern.
“Er wäre bestimmt ein toller Papa.”
Niemand widersprach.
“Und das können wir ihm nicht geben.”
Yasmins Blick wurde weich.
Ich bemerkte es.
“Ich nicht. Du nicht. Amber nicht.”
Laura sagte noch immer nichts.
“Und was ist, wenn irgendwann eine Frau kommt, die das kann?”
Jetzt sah ich sie alle an.
“Eine richtige Frau.”
Yasmins Stirn legte sich leicht in Falten.
Ich hörte selbst, wie falsch das klang.
“Also… Scheiße. Ihr wisst, wie ich das meine.”
“Ja”, sagte Amber leise.
“Eine Frau, die ihm Kinder geben kann.”
Ich schluckte.
“Was passiert dann mit uns?”
Eine Weile herrschte Stille.
Yasmin nahm meine Hand.
Ganz selbstverständlich.
Keine große Geste.
Ihre Finger schlossen sich einfach um meine.
“Lisa.”
Ich sah sie an.
“Ich glaube, du verwechselst gerade zwei Sachen.”
“Welche?”
“Kinder und Familie.”
Ich sagte nichts.
Yasmin lächelte ein wenig.
“Ich hab dir die Schokokekse damals nicht gebracht, weil ich dafür irgendwelche Bonuspunkte gesammelt habe.”
Mein Mundwinkel zuckte.
“Gut. Die wären inzwischen sowieso verfallen.”
“Vermutlich.”
Sie drückte meine Hand.
“Ich hab sie gebracht, weil du mir wichtig bist. Genauso den Videocall mit Beatrice. Und den ganzen anderen Kram.”
Sie sah mich an.
“Nicht weil ich dachte, dass du mir dafür irgendwann dankbar sein musst. Ich wollte einfach, dass es dir besser geht.”
Ich nickte.
“Ich weiß.”
“Natürlich weißt du das.”
Ein kleines Grinsen erschien in ihrem Gesicht.
“Außerdem: Wenn Lisa-Marie tatsächlich mehrere Tage freiwillig stillhält, ist das ein historisches Ereignis. Da braucht man Verpflegung.”
Ich musste lachen.
“Arsch.”
“Gern.”
Ihre Hand blieb in meiner.
Und genau das war der Unterschied.
Sie zählte nichts auf, um mir zu zeigen, was sie alles für mich getan hatte.
Sie erklärte mir nicht, was ich ihr schuldete.
Im Gegenteil.
Eigentlich sagte sie nur:
Natürlich habe ich das gemacht.
Du bist du.
Warum hätte ich es nicht tun sollen?
Laura räusperte sich leise.
“Darf ich?”
Ich blickte zu ihr.
“Natürlich.”
Sie saß erst wenige Tage bei uns.
Vielleicht war genau das der Grund, warum ihr Blick auf uns noch ein bisschen anders war.
Noch nicht selbstverständlich.
Sie sah Dinge, über die wir gar nicht mehr nachdachten.
“Ich kenne euch wirklich noch nicht lange”, begann sie.
Yasmin lehnte sich zurück.
“Noch kannst du fliehen.”
Laura grinste.
“Die Koffer stehen griffbereit.”
Ich lachte.
Dann wurde Laura wieder etwas ernster.
Nicht steif.
Einfach aufmerksam.
“Aber eines habe ich ziemlich schnell verstanden.”
Sie sah erst Yasmin an.
Dann Amber.
Dann mich.
“Ihr seid längst eine Familie.”
Ich wollte etwas sagen.
Laura hob leicht die Hand.
“Nein, warte.”
Ich wartete tatsächlich.
Auch historisch.
“Was ist Familie denn?”
Ich zog die Schultern hoch.
“Na ja…”
“Kinder?”
“Nicht nur.”
“Blutsverwandtschaft?”
“Auch nicht zwingend.”
“Ein gemeinsamer Nachname?”
Yasmin schüttelte den Kopf.
Laura nickte.
“Eben.”
Sie lehnte sich etwas zurück.
“Es gibt Paare ohne Kinder. Es gibt Menschen, die keine Kinder bekommen können. Menschen, die keine wollen. Menschen, die Kinder adoptieren. Familien mit zwei Müttern. Zwei Vätern. Großeltern, die Kinder großziehen. Freunde, die füreinander mehr Familie sind als irgendwelche Verwandten.”
Sie sagte das alles nicht wie eine Vorlesung.
Es war eher, als würde sie einfach laut sortieren, was sowieso offensichtlich war.
“Familie ist doch nicht die eine Form.”
Ihr Blick wanderte durch den Raum.
“Seit ich hier bin, sehe ich ständig irgendjemanden irgendetwas für jemand anderen tun.”
Sie deutete auf Yasmin.
“Sie merkt schneller als du selbst, wenn mit dir etwas nicht stimmt.”
Yasmin lächelte.
Laura zeigte auf Amber.
“Amber hört zu.”
Dann auf mich.
“Du schaffst es wahrscheinlich, jemanden gleichzeitig komplett wahnsinnig zu machen und ihm trotzdem das Gefühl zu geben, dass die Welt gerade ein ziemlich schöner Ort ist.”
Ich grinste.
“Das nehme ich als Kompliment.”
“War eins.”
Dann sah Laura Richtung Flur.
“Und Mario denkt vermutlich beim Einkaufen gerade an fünf Dinge, die irgendeine von euch mag, obwohl nur zwei davon auf der Liste stehen.”
Ich musste lachen.
Weil es stimmte.
Vermutlich stand er gerade irgendwo vor einem Regal und dachte:
“Lisa mag die.”
Und: “Yasmin die anderen.”
Und: “Amber hatte neulich gesagt…”
“Ihr seid füreinander da”, sagte Laura. “Ihr kümmert euch umeinander. Ihr gebt euch Raum. Ihr könnt euch nerven, ohne dass gleich alles zerbricht. Ihr freut euch miteinander. Und wenn eine von euch Angst hat, sitzt ihr da.”
Sie deutete auf unsere Hände.
Yasmins Finger lagen noch immer zwischen meinen.
“Was soll Familie sonst sein?”
Ich sah sie an, während ich Yasmins Hand noch fester drückte.
“Und wenn Mario irgendwann wirklich eine Frau kennenlernt?”
Laura zog leicht eine Augenbraue hoch.
“Dann gibt es meiner Meinung nach zwei Möglichkeiten.”
“Welche?”
“Sie versteht, dass ihr zu ihm gehört.”
Kurze Pause.
“Oder sie wird ziemliche Schwierigkeiten haben, überhaupt einen Platz in seinem Leben zu finden.”
Amber lächelte.
Ich nicht sofort.
Nicht weil ich es nicht schön fand.
Sondern weil ich darüber nachdachte.
Laura hob die Schultern.
“Ich sage nicht, dass das alles einfach wäre. Menschen sind selten einfach.”
Yasmin nickte.
“Endlich sagt’s mal jemand.”
“Aber glaubst du wirklich, Mario würde irgendwann sagen: So, jetzt habe ich etwas Neues, also brauche ich euch nicht mehr?”
Nein.
Natürlich glaubte ich das nicht.
Eigentlich hatte ich es nicht einmal in dem Moment geglaubt, als ich die Angst ausgesprochen hatte.
Ängste sind manchmal bescheuert.
Die brauchen keine Logik.
Die laufen einfach in den Raum, werfen irgendeinen Mist auf den Tisch und erwarten dann, dass man damit klarkommt.
Ich atmete langsam aus.
Und plötzlich musste ich Laura ansehen.
Laura.
Die erst ein paar Tage da war.
Die schon jetzt über uns sprach, als hätte sie einfach ein paar Schritte zurückgemacht und etwas gesehen, das wir selbst aus der Nähe übersehen hatten.
Und wirklich erst vor ein paar Tage angekommen war. Wann genau das war eigentlich?
Keine Ahnung.
Also natürlich könnte ich jetzt im Kalender nachsehen.
Aber darum geht es nicht.
Irgendwann vor ein paar Tagen stand Laura einfach im Flur.
Und ja, sie war wirklich einfach plötzlich da.
Nicht weil sie sich teleportiert hatte.
Was schade ist.
Ich hätte gern gesehen, wie ein ganzer Stapel Koffer durch ein Portal fliegt.
Ich war zuerst bei ihr.
Und mein erster Gedanke war:
Wow.
Mein zweiter war:
Die ist ungefähr so groß wie ich.
Und mein dritter:
Wow.
Noch mal. Also: “Scheiße, sieht die schön aus!”
Laura stand vor mir mit schulterlangen braunen Haaren, weich fallend, ein bisschen Bewegung darin. Ihre graublauen Augen wirkten ruhig und gleichzeitig neugierig.
Und ihr Outfit…
Meine Güte. Ich stehe ja auf modische Outfits. Aber es gibt modische Outfits… und das, was Laura trug.
Sie trug eine lange cremefarbene Hose aus diesem seidenartigen Stoff, der schon beim bloßen Hinsehen so wirkte, als würde er bei jeder Bewegung anders fallen.
Dazu flache dunkelbraune Schuhe.
Keine Sneaker.
Keine Pumps.
Irgendwas dazwischen.
Leger und elegant gleichzeitig.
Ich wusste nicht einmal, dass Schuhe das können.
Ihre Bluse war etwas heller braun als die Schuhe und hatte diesen aufgerafften Knitterlook, der bei mir vermutlich ausgesehen hätte wie: Lisa hat vergessen, die Wäsche aus dem Trockner zu holen.
Bei Laura sah es aus wie Absicht.
Natürlich.
Darüber trug sie einen cremefarbenen Blazer, passend zur Hose.
Das gesamte Outfit hätte direkt aus einem Vogue-Shooting kommen können.
Hollywood.
Teures Hotel.
Eine schwarze Limousine hält davor, ein fein gekleideter Butler hält die Seitentür auf und eine Frau steigt heraus während irgendwo jemand schreit “Cut!”.
Und trotzdem wirkte Laura nicht eine Sekunde arrogant.
Nicht abgehoben.
Nicht wie jemand, der erwartet, dass man ihr jetzt erstmal einen roten Teppich bis ins Wohnzimmer ausrollt.
Sie sah mich an.
Lächelte.
“Hi. Ich bin Laura Bellandi.”
Ihre Stimme war warm.
Etwas tiefer.
Ich mochte sie sofort.
“Hi. Ich bin Lisa.”
Ich grinste.
“Eigentlich Lisa-Marie. Lisa reicht aber.”
Kurze Pause.
“Oder Glitzertornado. Das nehm ich auch.”
Laura lachte.
Gut.
Bestanden.
Dann fiel mein Blick hinter sie.
Koffer.
Viele Koffer.
Ich sah Laura an.
Dann die Koffer.
Dann wieder Laura.
“Yo. Ganz schön viele Koffer, oder?”
Sie blickte über die Schulter.
“Eine Frau will halt immer passend schick gekleidet sein.”
Ich drehte mich Richtung Haus.
“MAAAAARIO!”
Laura zuckte lachend zusammen.
“Ich liebe sie jetzt schon!”
Ich nahm sie mit ins Wohnzimmer.
Yasmin und Amber waren dort.
Wie immer ging mein Blick zuerst zu Yasmin.
Automatisch.
Sie war die zweite Hälfte meiner Seele.
Wenn etwas Neues in meine Welt kam, wollte irgendein Teil von mir immer zuerst wissen, wie Yasmin es sah.
Laura sah sie an.
Yasmin sah Laura an.
Und beide lächelten.
Nur so.
Ohne großes Ding daraus zu machen.
Aber irgendetwas in mir entspannte sich sofort.
“Das ist Yasmin”, sagte ich.
Yasmin hob die Hand.
“Hi.”
“Und das ist Amber.”
“Hallo”, sagte Amber lächelnd.
Laura begrüßte beide.
Ich deutete auf die Couch.
“Setz dich erstmal.”
Sie setzte sich. Was bei unserer ohnehin schon schönen großen Couch trotzdem bedeutete: sie verdoppelte den Glamoureffekt dieser Couch spielend.
Ich setzte mich daneben.
Yasmin betrachtete mich.
“Was?”
“Nichts.”
Ich wusste genau, was sie dachte.
Jetzt kommt das Lisa-Verhör.
Sie hatte recht.
Natürlich.
“Also.”
Laura blickte mich an.
“Also?”
“Woher kommst du? Wie alt bist du? Was machst du? Was hörst du für Musik? Was magst du? Was hasst du? Lieblingsessen? Und die wirklich wichtige Frage: Wie stehst du zu Glitzer?”
Yasmin sah Laura an.
“Ich hatte sie gewarnt.”
“Hast du nicht!”
“Gedanklich.”
Laura lachte.
“Okay.”
Sie setzte sich ein wenig bequemer hin.
“Florenz. Fünfundzwanzig. Restauratorin. Musik ist komplizierter. Essen auch. Gegen Glitzer habe ich grundsätzlich nichts.”
Ich zeigte auf sie.
“Siehst du? Perfekt.”
“Das waren aber ungefähr sechs Fragen auf einmal.”
“Ich kann noch mehr.”
“Das glaube ich sofort.”
Ich mochte ihren Humor.
Er war nicht wie meiner.
Nicht wie Yasmins.
Er gehörte einfach ihr.
“Restauratorin”, wiederholte ich. “Also Gemälde und sowas?”
Laura verzog amüsiert den Mund.
“Unter anderem Gemälde und sowas.”
“Das war jetzt furchtbar ungebildet, oder?”
“Ein bisschen? Ach was… nein…”
“Okay. Erklär.”
“Ich habe Kunstgeschichte studiert. Ein paar Semester Philosophie dazu. Irgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich über Dinge nachdenken oder Rechnungen bezahlen möchte.”
Ich starrte sie einen Moment an.
Yasmin grinste.
“Sehr vernünftig.”
Laura sah zu ihr.
“Ich bin mir nicht sicher.”
“Dann klingt es nach einer guten Entscheidung.”
Ich zeigte zwischen beiden hin und her.
“Aha.”
“Was?”, fragte Yasmin.
“Nichts.”
Yasmin studierte selbst noch, auch wenn ihr Studium gerade pausierte.
Als ich das erwähnte, wurde Laura sofort neugierig.
Nicht übertrieben.
Nicht so, als würden die beiden jetzt spontan einen philosophischen Kongress veranstalten.
Sie fragten einander einfach ein bisschen aus.
Was Yasmin machte.
Warum Laura ausgerechnet Kunstgeschichte.
Wie sie bei der Restaurierung gelandet war.
Irgendwann erklärte Laura irgendetwas über den Unterschied zwischen etwas zu erhalten und etwas neu zu machen.
Ich verstand sogar ziemlich viel.
Dann merkte ich, dass das Gespräch gerade verdächtig ernst wurde.
“Okay.”
Beide sahen mich an.
“Arbeit ist uncool.”
Yasmin hob eine Augenbraue.
“Aha.”
“Ja. Musik.”
Laura lachte.
“Was Musik?”
“Was hörst du?”
Und dann passierte es.
Laura begann zu erzählen.
Erst normal.
Dann etwas schneller.
Dann noch schneller.
Ihre Hände bewegten sich beim Reden, aber nicht dieses übertriebene Klischee-Gefuchtel, das irgendwer vermutlich sofort erwartet hätte, nur weil sie aus Italien kam.
Es war einfach Laura.
Sie redete offenbar gern.
Und wenn sie begeistert war, redete sie offenbar gern schnell.
Sehr schnell.
Und irgendwann fiel das erste italienische Wort.
Sie bemerkte es nicht.
Yasmin sah zu mir.
Ich zurück.
Laura redete weiter.
Noch ein italienischer Satzteil.
Amber grinste.
Laura wurde noch schneller.
“Laura?”, unterbrach ich schließlich.
Sie hielt mitten im Satz inne.
“Sì?”
Stille.
Dann wurden ihre Augen groß.
“Oh.”
Ich fing an zu lachen.
Yasmin ebenfalls.
Laura schlug sich die Hand vor die Stirn.
“Scusa.”
Noch mehr Lachen.
Sie sah uns an.
“Okay. Das hilft jetzt nicht.”
“Bitte”, sagte ich. “Bitte hör niemals damit auf.”
“Das passiert nur, wenn ich schnell rede.”
Yasmin sah sie vollkommen ernst an.
“Wir werden einfach wie die Pinguine aus ‚Madagascar‘ sein - ‚lächeln und winken‘.”
Laura starrte sie an.
Ich auch.
Dann brach Laura in Gelächter aus.
“Du bist fies.”
“Gelegentlich.”
Und so ging es weiter.
Wir redeten über Musik.
Über Florenz.
Über Kleidung.
Über Filme.
Über Dinge, die man unbedingt einmal machen wollte.
Über vollkommen unwichtigen Quatsch.
Zwischendurch kamen wir wieder auf Arbeit.
Dann auf irgendeine Serie.
Dann auf Essen.
Dann wieder auf Musik.
Ganz normales Mädelsgequatsche.
Zumindest bei uns.
Und irgendwann hörte ich auf, darüber nachzudenken, dass Laura gerade erst angekommen war.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich mich nicht mehr für den genauen Tag interessiere.
Es fühlte sich nicht an wie:
Da ist jetzt jemand Neues.
Sie saß einfach da.
Mit uns.
Jetzt ist Laura schon seit einigen Tagen hier.
Und inzwischen habe ich etwas festgestellt.
Diese Frau besitzt eine offenbar vollkommen unfaire Fähigkeit, selbst dann auszusehen, als hätte irgendwer das Licht extra für sie eingestellt, wenn sie gerade erst aufgestanden ist.
Echt jetzt!
Eines Morgens kam ich ins Wohnzimmer.
Laura saß im Sitzsack.
Pyjama.
Kaffeetasse in beiden Händen.
Ihre Haare waren noch ein bisschen zerzaust.
Also wirklich nur ein bisschen.
Bei mir sieht “zerzaust” morgens teilweise aus, als hätte ich nachts einen persönlichen Streit mit einem Staubsauger gehabt.
Laura sah aus, als würde sie Werbung drehen.
Kaffee.
Natürlich keinen normalen.
Irgendeinen sündhaft teuren.
Irgendwas, bei dem die Bohnen vermutlich einzeln von singenden Mönchen bei Vollmond ausgewählt werden.
Sie blickte hoch.
“Hey Lisa. Na? Gut geschlafen?”
Ich blieb stehen.
“Was?”, fragte sie.
“Nichts.”
“Du guckst.”
“Ja.”
“Warum?”
“Du sitzt da.”
Laura blickte kurz an sich herunter.
“Korrekt.”
“Im Pyjama.”
“Auch korrekt.”
“Und siehst aus, als würdest du gleich in einer Werbung erklären, dass echter Kaffee mindestens vierzig Euro pro Tasse kosten muss.”
Sie lachte.
“Ich nehme an, das ist positiv?”
“Leider ja.”
“Kaffee?”
“Unbedingt.”
Sie lächelte.
Und irgendwie fand ich es schön, dass dieses Bild inzwischen einfach Teil unseres Morgens war.
Laura im Sitzsack.
Kaffee.
Ich irgendwo daneben.
Keine große Sache.
Ein anderes Mal saßen wir gemeinsam auf der Couch.
Laura trug Jeans-Hotpants.
Dazu Spitzensöckchen.
Weiße Bluse.
Die Bluse war weit genug aufgeknöpft, dass darunter der violette Spitzen-BH klar sichtbar war.
Und verdammt.
Sie sah unglaublich aus.
Nicht billig.
Nicht bemüht sexy.
Einfach stilvoll.
Als hätte jemand Erotik genommen, ihr einen guten Geschmack beigebracht und danach gesagt:
So. Jetzt geh spielen.
Ich musterte sie.
Laura bemerkte es irgendwann.
“Was?”
“Willst du heute noch irgendwelche Typen aufreißen?”
Sie sah mich vollkommen verwirrt an.
“Um Himmels willen. Nein. Warum?”
“Du siehst so verdammt heiß aus.”
Laura blickte an sich herunter.
“Ähm… nö. Couch-und-Relax-Kleidung.”
Ich legte eine Hand auf mein Herz.
“Heirate mich. BITTE.”
Sie fing an zu lachen.
Aus der anderen Ecke des Raumes kam Marios Stimme.
“Klingt fast so, als wäre ich abgeschrieben.”
Ich weiß bis heute nicht, wie wir das geschafft haben.
Keine Absprache.
Keine Blicke.
Nichts.
Yasmin, Amber, Laura und ich riefen gleichzeitig:
“NEIN! AUF GAR KEINEN FALL!”
Stille.
Dann brachen wir alle los.
Ich drehte mich zu Mario und sah ihn an.
Liebevoll.
Sehr liebevoll.
Vielleicht ein bisschen zu liebevoll.
Er grinste.
“Na dann.”
Laura wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel.
Yasmin lehnte sich zurück.
“Gut, dass das geklärt ist.”
“Absolut”, sagte Amber.
Und irgendwie dachte ich wieder an das Gespräch über Familie.
Nicht bewusst.
Es war nur dieses Gefühl.
Vier Frauen schreien gleichzeitig Nein.
Mario grinst.
Alle lachen.
Vielleicht musste Familie überhaupt nicht immer tiefgründig aussehen.
Vielleicht sah sie manchmal einfach so aus.
Und irgendwann kam Laura mal auf die vollkommen verrückte Idee, für uns zu kochen.
Also: dass sie kochen wollte, war nicht verrückt.
Uns vorher davon zu erzählen, war es.
“Ich koche heute Abend”, sagte sie.
Ich sah sie an.
“Oh ja!”
Kurze Pause.
Dann hellte sich mein Gesicht auf.
“Pizza Hawaii!”
Laura erstarrte.
Wirklich.
Sie sah mich an.
Dann langsam Richtung Decke.
“Dio mio… aiutami.”
Neben mir saß Yasmin.
Ganz ruhig.
“Vielleicht noch etwas Mais dazu.”
Ich drehte mich sofort zu ihr.
“Oh ja! Mais mag ich auch total.”
Laura sah jetzt Yasmin an.
Dann mich.
Ich setzte noch einen drauf.
“Auf meiner Seite aber bitte extra Ananas.”
Laura starrte uns beide an.
Ich durfte nicht lachen.
Auf keinen Fall.
Yasmin drehte schon den Kopf weg.
Ihre Mundwinkel verrieten sie.
“Ihr verarscht mich gerade”, sagte Laura.
“Nööö.”
Meine Stimme war schon viel zu hoch.
Yasmin schaffte es noch ungefähr zwei Sekunden.
Dann kam dieses winzige Prusten.
Und vorbei.
Ich brach los.
Yasmin auch.
Laura sah uns fassungslos an.
Dann begann sie ebenfalls zu lachen.
“Voi maledette zecche!”
Ich hielt mir den Bauch.
“Was heißt das?”
“Sag ich nicht.”
“War bestimmt lieb.”
“Absolut.”
Natürlich gab es keine Pizza Hawaii.
Laura machte Girasoli mit Tomaten-Pesto-Soße. Dazu Spinat und obendrauf Pinienkerne und Parmesan.
Und schon beim ersten Bissen wusste ich: verdammt - die Frau kann kochen.
Ich nahm noch einen.
“Okay.”
Laura blickte mich an.
“Was?”
“Du machst Mario gerade ernsthaft Konkurrenz.”
Yasmin saß mir gegenüber.
Mund voll.
Sie hob ihre Gabel.
“Mhmmm.”
Amber grinste.
Yasmin kaute.
Schluckte.
“Oh ja. Verdammt, ist das lecker.”
Laura sah zufrieden aus.
Nicht selbstgefällig.
Einfach glücklich darüber, dass es uns schmeckte.
Yasmin nahm noch einen Bissen.
Dann fragte sie:
“Man wird bei euch aber nicht gleich erschossen für Pizza Hawaii, oder?”
Ich verschluckte mich fast.
Laura blickte Yasmin an.
Vollkommen ernst.
“Nein.”
“Gut.”
“Keine Sorge. Wir erschießen niemanden deswegen.”
“Beruhigend.”
“Man wird lediglich des Landes verwiesen.”
Yasmins Gabel blieb in der Luft stehen.
Ich presste die Lippen zusammen.
Laura blieb todernst.
“Und natürlich besteht auf Lebenszeit keinerlei Chance, die Grenze je wieder zu überschreiten.”
Yasmin stand völlig ungeniert und undamenhaft der Mund offen.
“Aber nein. Nicht erschießen.”
Eine Sekunde Stille.
Dann prustete Laura los.
Ich konnte nicht mehr.
Amber ebenfalls.
Yasmin legte den Kopf zurück und lachte.
Ich hob mein Weinglas.
“Lang lebe die Ananas!”
Laura griff ebenfalls nach ihrem.
“Na gut.”
Wir stießen an.
“Auf die Ananas.”
Yasmin hob ihr Glas.
“Und den Mais.”
Laura hob ihres noch ein Stück höher.
“Auf jeden Fall auch auf den Mais!”
Ich zeigte begeistert auf sie.
“Siehst du!”
Laura grinste.
“Für mich aber lieber in Form von Popcorn zu einem spannenden Film.”
“Akzeptiert”, sagte Yasmin.
“Damit kann ich leben.”
Wir stießen noch einmal an.
Und vielleicht ist genau das gerade das Seltsame.
Laura ist erst ein paar Tage hier.
Ich weiß das.
Natürlich.
Aber ich muss es mir manchmal regelrecht bewusst machen.
Heute sitzt sie im Wohnzimmer und trinkt Kaffee.
Oder sie diskutiert mit Yasmin über irgendeinen Film.
Oder Amber erzählt ihr etwas.
Oder Laura steht in der Küche und flucht halb auf Italienisch, weil wir Pizza Hawaii erwähnt haben.
Und nichts davon fühlt sich neu an.
Es ist einfach da.
Vielleicht hatte Laura deshalb auf der Couch so klar gesehen, was ich selbst in diesem Moment nicht sehen konnte.
Familie ist kein Bauplan.
Kein Häkchen hinter “Kinder vorhanden”.
Keine bestimmte Anzahl von Menschen.
Keine vorgeschriebene Form.
Vielleicht ist Familie einfach der Ort, an dem niemand eine Rechnung führt.
Yasmin bringt keine Schokokekse, damit ich ihr später etwas schulde.
Mario trägt mich nicht, weil er Dank erwartet.
Amber hört nicht zu, damit sie irgendwann selbst an der Reihe ist.
Und Laura kocht nicht, damit wir ihr sagen, wie toll sie ist.
Man tut es einfach.
Weil der andere wichtig ist.
Und manchmal ist man selbst diejenige, die etwas bekommt.
Manchmal diejenige, die gibt.
Meistens merkt man nicht einmal, wann das eine ins andere übergeht.
Vielleicht ist das sogar ein bisschen wie dieses Ballett mit Mario.
Nur anders.
Nicht jeder tanzt für sich.
Nicht jeder fragt, was er dafür bekommt.
Man bewegt sich miteinander.
Reagiert aufeinander.
Fängt auf.
Lässt sich auffangen.
Gibt Raum.
Kommt näher.
Und irgendwie entsteht daraus etwas, das keiner allein erschaffen könnte.
Heute Abend liege ich wieder bei Mario im Bett.
Er schläft schon.
Der Sternenhimmel ist schon vorbei.
Die Musik bereits ausgeklungen.
Nur das schwache Licht von draußen, das durch die Jalousie fällt.
Mein Kopf liegt auf seiner Brust.
Natürlich.
Wo sonst?
Sein Herz schlägt ruhig unter meinem Ohr.
Ich lausche einfach.
Eine Weile denke ich an gar nichts.
Dann an Yasmin.
An ihre Hand in meiner.
An die Kekse.
An Amber.
An Laura im Sitzsack mit ihrer Kaffeetasse.
An ihr Vogue-Outfit im Flur.
An unsere vier Stimmen gleichzeitig:
NEIN!
An leckere Pasta.
An Mais.
An Ananas.
Ich muss lächeln.
Laura hatte recht.
Ich schlinge meinen Arm ein bisschen enger um Mario.
Er bewegt sich kaum.
Schläft einfach weiter.
Vielleicht hätte ich früher gesagt, dass unsere Familie aus Mario, Yasmin, Amber und mir bestand.
Und das wäre auch richtig gewesen.
Da hatte nichts gefehlt.
Gar nichts.
Laura hatte keine Lücke geschlossen.
Das ist mir wichtig.
Sie hatte sich nicht zwischen uns geschoben.
Sie hatte niemandes Platz übernommen.
Das Bild war vorher schon vollständig.
Jetzt ist es nur größer geworden.
Ich lächle noch ein bisschen breiter.
Irgendwo im Haus schläft vermutlich eine italienische Restauratorin, die morgens im Pyjama aussieht wie sündhaft teure Kaffeewerbung und Menschen wegen Ananas zwar nicht erschießt, aber immerhin aus ihrem Heimatland verbannen würde.
Familie kann schon ziemlich bescheuert sein.
Gott sei Dank.
Ich drücke mich noch ein wenig näher an Mario.
Sein Herz schlägt weiter.
Ruhig.
Vertraut.
Und kurz bevor ich einschlafe, schießt mir noch ein letzter Gedanke durch den Kopf.
Lang lebe die Ananas.
