Das Schiff des Theseus Yasmin

Dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.
Rainer Maria Rilke

Ich mag den Herbst.

Ich glaube, Lisa wäre ein Sommermensch, wenn man Menschen nach Jahreszeiten sortieren könnte. Wahrscheinlich sogar Hochsommer. Einer dieser Tage, an denen die Sonne schon morgens um acht Uhr so tut, als hätte sie etwas zu beweisen. Blauer Himmel, Musik aus irgendeinem geöffneten Fenster, nackte Füße, Eis, viel zu lautes Lachen und die vollkommen ernst gemeinte Überzeugung, dass Schlaf im Grunde nur eine ärgerliche Unterbrechung zwischen zwei schönen Tagen ist.

Lisa eben.

Ich mag den Herbst.

Nicht einmal unbedingt die sonnigen Tage, an denen die Bäume aussehen, als hätte jemand beschlossen, Grün sei als Farbe jetzt wirklich lange genug interessant gewesen. Natürlich mag ich sie auch. Dieses Gold. Dieses tiefe Rot. Die orangenen Blätter, die im Wind über die Straße laufen und dabei klingen wie Papier.

Aber ich mag auch die anderen Herbsttage.

Die stillen.

Die grauen.

Die Tage, an denen die Welt morgens hinter Nebel verschwunden ist und sich offenbar nicht besonders beeilt, wieder aufzutauchen.

Vielleicht gefällt mir am Herbst, dass er nichts von einem verlangt.

Der Sommer will, dass man hinausgeht. Dass man etwas erlebt. Dass man das Wetter ausnutzt. Der Frühling steht aufdringlich vor der Tür und verkündet, dass jetzt gefälligst alles neu anfangen soll. Selbst der Winter hat irgendwann diesen geradezu hysterischen Drang zur Besinnlichkeit, zu Lichterketten, Weihnachten, Glühwein und der Frage, ob wirklich jeder verfügbare Gegenstand im Haus einen kleinen Stern benötigt.

Der Herbst dagegen setzt sich einfach neben einen.

Macht einen Tee.

Und sagt: Denk ruhig ein bisschen nach.

An jenem Samstagmorgen hatte er offenbar vor, sehr gründlich nachzudenken.

Als ich aufwachte, war die Welt vor den Fenstern kaum vorhanden. Der Garten war irgendwo hinter einer grauen Wand verschwunden, die Bäume waren nur dunkle Schatten darin, und selbst das Haus gegenüber hätte genauso gut über Nacht abgebaut worden sein können.

Der Morgennebel war so dicht, dass Lisa nach einem Blick aus dem Fenster feststellte:

“Cool. Silent Hill.”

“Du hast Silent Hill nie gespielt.”

“Nein. Aber ich kenne Bilder.”

“Das qualifiziert dich natürlich.”

Lisa grinste.

“Reicht doch.”

Ich musste lächeln.

Genau das mochte ich an ihr. Sie ließ sich von meinem Tonfall selten aus der Ruhe bringen. Nicht weil sie ihn nicht verstand. Im Gegenteil. Meistens verstand sie ihn sehr genau.

Sie entschied nur selbst, ob er für sie überhaupt wichtig war.

Ein paar Stunden später verschwand der Nebel tatsächlich.

Danach sah man wenigstens wieder, wie schlecht das Wetter war.

Es regnete.

Nicht dramatisch. Kein Gewitter. Keine Wassermassen, die gegen die Scheiben peitschten. Einfach dieser beharrliche Herbstregen, der offensichtlich beschlossen hatte, heute nirgendwo mehr hinzugehen. Draußen bewegten sich die Äste im Wind, hin und wieder pfiff es irgendwo am Haus entlang, und alles zusammen erzeugte exakt jene Atmosphäre, in der selbst der Weg vom Wohnzimmer in die Küche wie eine unnötig ambitionierte Unternehmung erschien.

Also unternahmen wir ihn möglichst selten.

Irgendwie hatten wir es bis auf die Couch geschafft.

Mehr allerdings auch nicht.

Lisa trug noch ihren Pyjama. Ich ebenfalls. Laura auch. Amber hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, so zu tun, als würde sie an diesem Tag irgendwann noch etwas anderes anziehen.

Mario sah einmal an uns herunter, dann an sich selbst.

“Also bleiben wir heute einfach so?”

“Ja”, sagte Lisa.

“War keine Abstimmung”, sagte ich.

“Doch. Vier zu eins.”

“Niemand hat abgestimmt.”

“Ich hab innerlich für alle abgestimmt.”

Laura hob ihre Tasse.

“Ich finde, das ist ein überraschend effizientes demokratisches System.”

“Danke!”

“Es ist nur keine Demokratie.”

“Details.”

Ich zog die Decke etwas höher über meine Beine.

Warmer Tee. Warme Decke. Regen an den Fenstern.

Herbst.

Vielleicht hätte ich irgendwann etwas lesen können. Laura hatte tatsächlich ein Buch mitgebracht, das seit mindestens einer Stunde auf ihrem Schoß lag und von dem sie in dieser Zeit ungefähr drei Seiten gelesen hatte. Lisa hatte ihr Handy irgendwann mit dem Display nach unten auf den Tisch gelegt. Das allein hätte uns eigentlich alarmieren müssen.

Stattdessen kam irgendwann die Frage auf, ob wir einen Film ansehen wollten.

Aus einem Film wurde eine Serie.

Aus einer Serie wurde WandaVision.

Und aus der ersten Folge wurde ziemlich selbstverständlich die zweite.

Dann die dritte.

Nach der zweiten Folge holte Mario Chips.

Nach der dritten Schokolade.

Irgendwann gab es Kaffee.

Dann wieder Tee.

Am Nachmittag war draußen das Licht bereits wieder dabei, sich zurückzuziehen. Nicht dass es an diesem Tag je ernsthaft erschienen wäre.

Der Regen hatte nicht aufgehört. Im Gegenteil. Er lief inzwischen in langen Bahnen an den Fenstern hinunter, während der Wind immer wieder durch die Bäume fuhr und irgendwo am Haus entlang pfiff.

Mario zündete den Kamin an.

Vielleicht war das der Moment, an dem endgültig feststand, dass an diesem Tag niemand mehr irgendetwas Produktives tun würde.

Das Feuer brauchte ein wenig, bis es richtig brannte. Dann knackte das Holz leise, und nach und nach bekam das Wohnzimmer dieses warme, goldene Licht, das mit dem Grau draußen überhaupt nichts mehr zu tun hatte.

Es war so wundervoll beruhigend gemütlich.

Nicht spektakulär.

Nicht außergewöhnlich.

Vielleicht gerade deshalb.

Ich mochte den Kontrast.

Die Welt vor den Fenstern war kalt, nass und unscharf geworden.

Unsere dagegen immer wärmer.

Zwischendurch stellte Lisa die Theorie auf, dass wir eigentlich hervorragend in eine der frühen Sitcom-Folgen hineinpassen würden, was Laura dazu brachte, darüber nachzudenken, welche von uns in welcher Fernsehepoche vermutlich welche Rolle hätte.

“Du wärst auf jeden Fall eine Hauptfigur”, sagte Laura zu Lisa.

Lisa strahlte.

“Natürlich.”

“Das sagst du jetzt aber sehr überzeugt”, sagte ich.

“Na ja, guck mich an.”

“Ein erschütternd starkes Argument.”

“Eben.”

“Hauptfiguren müssen normalerweise allerdings auch irgendeine Handlung voranbringen.”

Lisa überlegte kurz.

“Unruhe ist auch Handlung.”

Ich sah sie an.

Dann musste ich lachen.

“Okay. Den Punkt bekommst du.”

Denn natürlich hatte sie recht.

Mario verschwand irgendwann in Richtung Küche und kehrte mit der Nachricht zurück, dass er keinerlei Absicht habe, heute noch ein Abendessen zu kochen, das mehr als fünf Minuten Vorbereitung erforderte.

Eine halbe Stunde später klingelte es an der Haustür.

Es gab Pizza.

Laura betrachtete ihren Karton misstrauisch, hob den Deckel und sah hinein.

Dann blickte sie Mario an.

“Keine Ananas.”

“Keine Ananas.”

Sie legte eine Hand aufs Herz.

“Grazie.”

Lisa stöhnte.

“Och menno.”

“Wir haben dich lieb”, sagte Laura.

“Ihr habt mich überhaupt nicht lieb.”

“Doch. Sehr sogar.”

“Dann akzeptiert meine Ananas.”

Laura schüttelte langsam den Kopf.

“Liebe kennt Grenzen.”

“Verräterin.”

Ich nahm ein Stück von meiner Pizza.

Lisa öffnete ihren eigenen Karton.

“Ah - ich hab Pizza Bruschetta.”

Laura schmunzelte.

“Du meinst vermutlich Pizza Prosciutto.”

Lisa sagte nichts.

Sie grinste nur.

Laura sah sie einen Moment an.

Dann verengte sie die Augen.

“Du hast mich gerade verarscht, oder?”

Lisa setzte den unschuldigsten Dackelblick auf, zu dem sie fähig war.

Laura schüttelte lachend den Kopf.

“Du bist echt eine total freche, süße Maus, weißt du das?”

Lisas Grinsen wurde nur noch breiter.

Ich lächelte und biss in meine Pizza.

Es war ein guter Tag.

Ein vollkommen belangloser, grauer, verregneter Tag.

Einer von denen, bei denen vermutlich niemand von außen verstanden hätte, warum er mir später so deutlich in Erinnerung blieb.

Am Ende sahen wir tatsächlich die ganze Staffel.

Alle Folgen.

Als der Fernseher schließlich schwarz wurde und es für einen Moment still im Wohnzimmer war, musste ich erst wieder begreifen, dass draußen inzwischen Nacht war.

Das Feuer im Kamin war kleiner geworden. Nur noch einzelne Flammen zogen sich zwischen den Holzscheiten entlang, und immer wieder knackte es leise.

Lisa war die Erste, die etwas sagte.

Natürlich.

“Das mit dem Schiff fand ich geil.”

Ich sah zu ihr.

“Das Schiff?”

“Na, Theseus.”

Laura drehte den Kopf.

“Das Schiff des Theseus?”

“Ja. Dieser Dialog zwischen den beiden Visions. Keine Ahnung. Ich fand den total großartig.”

Das überraschte mich nicht einmal besonders.

Lisa war nicht der Typ Mensch, der einen Gedanken erst mit komplizierten Begriffen umwickeln musste, bevor sie ihn interessant finden durfte.

Wenn etwas sie berührte, dann dachte sie darüber nach.

Nur eben auf ihre Art.

“Ich mochte die Szene auch”, sagte Laura.

Lisa sah sie an.

Dann grinste sie plötzlich.

“Da hat sich dein Philosophiestudium doch mal gelohnt.”

Laura hob eine Augenbraue.

“Ein paar Semester.”

“Weiß ich doch.”

“Du hast mich damals ungefähr verhört.”

“Ich wollte dich kennenlernen.”

“Du wolltest innerhalb von zehn Minuten meine komplette Biografie.”

“Hat doch funktioniert.”

“Erschreckend gut sogar.”

Ich musste lächeln.

Natürlich wusste Lisa das noch.

Wir wussten es alle.

Lauras Ankunft hatte aus einem Kennenlernen innerhalb kürzester Zeit etwas gemacht, das einem Aufnahmegespräch für ein ausgesprochen merkwürdiges Forschungsprojekt erstaunlich nahegekommen war. Studium, Arbeit, Florenz, Kunst, Philosophie – Lisa hatte keine sonderlich große Neigung dazu, interessante Fragen auf später zu verschieben.

“Also”, sagte Lisa und blickte wieder zum dunklen Fernseher. “Ich fand halt die Frage cool. Wenn du bei so einem Schiff immer wieder ein Brett austauschst und irgendwann ist kein einziges von den alten Brettern mehr übrig … ist das dann noch dasselbe Schiff?”

“Das ist die klassische Form”, sagte ich.

“Und wenn irgendein Spinner die ganzen alten Bretter aufgehoben hat und daraus noch mal das ursprüngliche Schiff baut?”

Ich musste lächeln.

“Dann wird es interessant.”

“Dann hast du zwei Schiffe.”

“Du hast zwei Gegenstände.”

“Ja. Schiffe.”

“Aber die Frage ist, welches davon das Schiff des Theseus ist.”

Lisa sah mich an.

“Beide?”

“Kann sein.”

“Keins?”

“Kann auch sein.”

Sie zog die Stirn kraus.

“Philosophen sind schon irgendwie anstrengend.”

“Das ist im Wesentlichen unser Geschäftsmodell.”

Laura lachte.

Und dann wurde Lisa plötzlich still.

Nicht lange.

Bei Lisa war Stille selten lang.

Aber diesmal merkte ich, wie sich in ihrem Gesicht etwas verändert hatte. Dieses kleine Innehalten, wenn ihr ein Gedanke gekommen war und sie noch nicht wusste, ob sie ihn schon aussprechen wollte.

“Weißt du, woran ich dabei denken musste?”

“Woran?”, fragte ich.

Sie sah mich an.

“An Fehmarn.”

Ich brauchte einen Moment.

“Okay.”

“Da war doch diese andere Doll.”

Jetzt wusste ich, was sie meinte.

“Ja.”

“Die sah aus wie du.”

Laura blickte zwischen uns hin und her.

Lisa korrigierte sich.

“Also … nicht wie du. Sie hatte dein Gesicht. Gleiches Modell. Und Pfingsten war doch auch wieder eine da. Wieder das gleiche Gesicht.”

“Ja.”

Ich wusste, worauf sie hinauswollte.

Trotzdem sagte ich nichts.

Lisa sah mich weiter an.

“Das ist total komisch, wenn man darüber nachdenkt.”

“Warum?”

“Na ja.”

Sie zog die Decke etwas zurecht.

“Wenn man euch nebeneinanderstellen würde, könnte jemand, der euch nicht kennt, wahrscheinlich sagen: Die sehen doch gleich aus.”

“Vermutlich.”

“Aber das tun sie nicht.”

Laura lächelte.

“Objektiv schon ein bisschen.”

Lisa schüttelte sofort den Kopf.

“Nein.”

Es kam so entschieden, dass Laura kurz überrascht aussah.

“Also klar”, fuhr Lisa fort. “Das Gesicht. Die Form. Dieses ganze Zeug. Aber ich könnte hundert von euch irgendwo hinstellen und würde Yasmin sofort finden.”

Ich hob eine Augenbraue.

“Hundert?”

“Mindestens.”

“Das klingt nach einer ausgesprochen beunruhigenden Veranstaltung.”

“Ich würde dich trotzdem erkennen.”

“Woran?”

Jetzt war ich neugierig.

Lisa sah mich an, als sei die Frage vollkommen absurd.

“Na, an dir.”

“Hervorragende Definition.”

“Du weißt, was ich meine.”

“Ich glaube schon. Aber erklär es mir.”

Sie überlegte.

Und ich sah ihr dabei gern zu.

“Dein Blick”, sagte sie schließlich. “Wie du guckst, wenn ich irgendwas sage und du schon genau weißt, worauf ich hinauswill. Oder wenn du versuchst, nicht zu lachen.”

“Das passiert gelegentlich.”

“Sehr oft sogar.”

“Übertreib nicht.”

“Und deine Stimme. Wie du meinen Namen sagst.”

Ich blinzelte.

“Lisa?”

“Genau das!”

“Ich habe gerade nur deinen Namen gesagt.”

“Ja. Aber auf deine Art.”

“Welche Art?”

Sie imitierte mich.

“Liiisa.”

Ich starrte sie an.

“So spreche ich nicht.”

Amber lachte.

Mario auch.

Laura ebenfalls.

“Doch”, sagte Lisa.

“Nein.”

“Doch.”

“Vielleicht in deiner Erinnerung.”

“Meine Erinnerung ist perfekt.”

“Das wäre philosophisch eine ziemlich gewagte Behauptung.”

Lisa grinste.

“Und überhaupt. Ich kenn dich doch.”

Drei einfache Worte.

Vielleicht war genau das der Punkt.

Lisa zuckte mit den Schultern.

“Ich weiß, wie du lachst. Ich weiß, wann du Ruhe willst. Und ich weiß, wann du Ruhe willst, aber trotzdem froh bist, wenn ich einfach bei dir bleibe.”

Ich sah sie an.

Das saß.

“Ich weiß, wie du guckst, wenn dich etwas wirklich interessiert. Dann wirst du immer so still und deine Augen machen diesen…”

Sie bewegte ihre Finger vor dem Gesicht.

“…Denk-Dings.”

“Mein Denk-Dings.”

“Genau.”

“Sehr wissenschaftlich.”

“Danke.”

Sie lächelte.

“Ich weiß, was wir zusammen erlebt haben. Ich weiß, wie du bist. Ich kenne dich.”

Dann wurde ihre Stimme ein wenig weicher.

“Die anderen haben vielleicht dein Gesicht. Aber die sind nicht du.”

Sie sah mich an.

“Bist halt mein Seelenpartner, Süße. Die Yasmin, die für mich eben die einzige Yasmin ist. Die einzig echte und wahre Yasmin.”

Es gibt Sätze, auf die kann man keine angemessene Antwort haben außer Tränen der Rührung.

Keine Worte waren passend genug. Auch nicht, wenn man jemand ist, der sich gern einbildet, mit Sprache einigermaßen umgehen zu können.

Mir fielen jedenfalls keine ein.

Also nahm ich ihre Hand.

Das schien auszureichen.

Laura hatte uns einen Moment beobachtet.

Dann sagte sie:

“Das ist eigentlich eine ziemlich gute Antwort auf das Schiff des Theseus.”

Lisa sah triumphierend zu mir.

“Hast du gehört? Ziemlich gute Antwort.”

“Genieß den Moment.”

“Mach ich.”

Laura lehnte sich etwas zurück.

“In der Philosophie würde man zunächst einmal unterscheiden zwischen Gleichheit und Identität.”

Lisa verzog das Gesicht.

“Oh Gott.”

“Du hast angefangen.”

“Stimmt.”

“Zwei Dinge können sich vollständig gleichen, ohne dass sie dasselbe Ding sind. Zwei identische Gläser aus derselben Fabrik können qualitativ gleich sein. Aber sie sind nicht numerisch identisch. Wenn eines herunterfällt, ist das andere schließlich nicht ebenfalls kaputt.”

Lisa nickte langsam.

“Okay.”

“Und umgekehrt kann ein Ding sich verändern und trotzdem dasselbe Ding bleiben.”

Ich sah zu ihr.

Jetzt war Laura in ihrem Element.

Und ich mochte es.

Sehr sogar.

“Ein Mensch verändert sich”, fuhr sie fort. “Der Körper verändert sich. Erinnerungen kommen hinzu. Andere verschwinden. Überzeugungen verändern sich. Geschmack verändert sich. Menschen werden verletzt, verlieben sich, verlieren jemanden, lernen etwas, vergessen etwas. Wenn Veränderung allein ausreichen würde, Identität zu zerstören, wären wir vermutlich alle paar Jahre jemand anderes.”

“Manchmal fühlt sich das aber so an”, sagte Amber leise.

Laura nickte.

“Ja. Natürlich.”

Sie ließ den Satz einen Moment stehen.

“Aber selbst dann gibt es Kontinuität. Eine Geschichte. Etwas, das von einem Zustand in den nächsten führt.”

Ich dachte wieder an Vision.

An zwei Wesen, die sich gegenüberstanden und beide einen Anspruch darauf hatten, etwas Bestimmtes zu sein.

Der eine besaß den Körper.

Der andere etwas, das vielleicht näher an gelebter Erfahrung lag.

Und plötzlich war die Frage nicht mehr: Wer gewinnt?

Sondern: Was bedeutet überhaupt derselbe?

Vielleicht war genau das der Grund, warum mir diese Szene gefallen hatte.

Sie verweigerte die einfache Antwort.

Philosophie ist oft nichts anderes als die Kunst, eine scheinbar klare Frage so lange anzusehen, bis sie auseinanderfällt.

Manchmal ist das frustrierend.

Manchmal wunderschön.

“Bei Gemälden ist das im Grunde ähnlich”, sagte Laura.

Natürlich.

Jetzt kam ihre Welt dazu.

“Wenn ich ein Fresko restauriere, entferne ich vielleicht Ablagerungen. Ich sichere Stellen. Ergänze etwas, wo es notwendig ist. Manchmal wurden Werke schon Jahrhunderte vorher restauriert. Manche Veränderungen sind wieder Teil ihrer Geschichte geworden. Andere haben das Original verdeckt oder beschädigt.”

“Aber danach ist es noch dasselbe Bild”, sagte Lisa.

“Ja.”

“Auch wenn du daran gearbeitet hast.”

“Natürlich.”

“Aber du veränderst es.”

“Ich verändere seinen Zustand.”

Laura hielt kurz inne.

“Nicht seine Geschichte.”

Das gefiel mir.

Vielleicht sogar mehr, als es sollte.

“Und wenn du die Hälfte erneuern musst?”, fragte ich.

Laura sah mich an.

“Dann wird es schwieriger.”

“Und wenn neunzig Prozent erneuert sind?”

“Noch schwieriger.”

“Und wenn du alles neu malst?”

Sie lächelte.

“Dann habe ich vermutlich meinen Beruf verfehlt.”

Lisa lachte.

“Nehmen wir es theoretisch”, sagte ich.

“Theoretisch? Dann hängt es davon ab, was genau wir unter Identität verstehen.”

“Willkommen zurück in der Philosophie.”

“Ich wusste, dass das Studium irgendwann noch nützlich wird.”

Sie nahm einen Schluck von ihrem inzwischen definitiv kalten Tee und verzog leicht das Gesicht.

“Nehmen wir die Mona Lisa.”

“Natürlich”, sagte Lisa.

“Warum natürlich?”

“Italienerin. Kunst. Irgendwann musste die Mona Lisa kommen.”

Laura warf ihr einen Blick zu.

“Wenn die Mona Lisa restauriert wird, bleibt sie die Mona Lisa. Selbst wenn dabei Material gesichert, ergänzt oder verändert wird. Ihre Geschichte läuft weiter.”

“Und wenn ich sie perfekt nachmale?”, fragte Lisa.

“Dann hast du eine perfekte Kopie.”

“Auch wenn niemand den Unterschied sieht?”

“Ja.”

“Warum?”

Laura überlegte einen Moment.

“Weil die Kopie nicht dort war.”

Lisa schwieg.

Ich ebenfalls.

“Sie hing nicht dort, wo das Original hing”, sagte Laura. “Sie wurde nicht von denselben Menschen angesehen. Sie hat nicht dieselben Jahrhunderte erlebt. Sie wurde nicht transportiert, untersucht, geschützt, beschädigt, restauriert. Sie hat keine Kontinuität mit all dem, was vorher war. Sie kann äußerlich vollständig identisch sein. Aber sie besitzt nicht dieselbe Geschichte.”

Ich sah Lisa an.

Sie sah mich an.

Plötzlich verstand ich, warum sie an Fehmarn gedacht hatte.

Natürlich hatten diese anderen Dolls mein Gesicht.

Zumindest dieselben Gesichtszüge.

Vielleicht dieselbe Form.

Dieselbe Ausgangslage.

Aber sie waren nicht auf unserer Couch gesessen.

Sie hatten nicht Lisas Hand gehalten.

Sie hatten nicht mit ihr gestritten.

Nicht mit ihr gelacht.

Nicht mit ihr geweint.

Sie wussten nicht, wann Lisa hinter einem viel zu großen Grinsen etwas versteckte.

Sie hatten nicht all jene vollkommen unwichtigen Momente erlebt, die irgendwann so zahlreich geworden waren, dass sie ein Leben ergaben.

Vielleicht bestand Identität weniger aus Eigenschaften, als wir glaubten.

Vielleicht bestand sie zumindest zum Teil aus Verbindungen.

Das war natürlich philosophisch gefährlich.

Wenn Identität ausschließlich relational wäre, müsste sich die Frage stellen, ob ich allein weniger ich wäre als mit Lisa.

Das konnte nicht stimmen.

Oder zumindest nicht vollständig.

Aber genauso wenig stimmte die Vorstellung, wir seien einfach nur voneinander isolierte Ansammlungen von Eigenschaften.

Name.

Gesicht.

Körper.

Stimme.

Erinnerung.

Charakter.

Nichts davon schien allein auszureichen.

“Was wäre denn”, fragte ich, “wenn du eine perfekte Kopie von mir machen könntest? Nicht nur körperlich.”

Lisa sah mich misstrauisch an.

“Wie perfekt?”

“Vollständig.”

“Keine Ahnung.”

“Alle Erinnerungen. Alles, was ich weiß. Meine Persönlichkeit. Meine Stimme. Sie erinnert sich an alles, woran ich mich erinnere. Auch an dich.”

“Nein.”

Die Antwort kam sofort.

“Was nein?”

“Die wäre trotzdem nicht du.”

“Woher weißt du das?”

“Weil du hier bist.”

Ich musste lächeln.

“Das ist philosophisch bemerkenswert pragmatisch.”

“Danke.”

“Und wenn wir nicht wüssten, welche von uns zuerst da war?”

Lisa sah mich an.

Diesmal dachte sie länger nach.

“Dann wäre es mir egal.”

Das überraschte mich.

“Egal?”

“Na ja.”

Sie zog meine Hand ein wenig näher zu sich.

“Dann wärt ihr halt beide Yasmin.”

“Das löst das Problem überhaupt nicht.”

“Doch.”

“Nein.”

“Für mich schon.”

Laura lachte leise.

“Lisa hat einen interessanten Hang dazu, ontologische Probleme durch emotionale Akzeptanz zu lösen.”

“Danke.”

“Ich bin nicht sicher, ob das ein Kompliment war.”

“Hab beschlossen, dass es eins ist.”

Ich schüttelte den Kopf und lächelte.

Vielleicht war das überhaupt einer der Unterschiede zwischen uns.

Laura betrachtete die Frage mit den Augen einer Restauratorin und einer Frau, die einige Semester Philosophie studiert hatte.

Ich wollte Begriffe auseinandernehmen. Definitionen prüfen. Widersprüche finden.

Und Lisa?

Lisa nahm dieselbe Frage und hielt sie ans Herz.

Nicht weniger klug.

Nur anders.

Und manchmal fragte ich mich, ob sie damit nicht viel schneller bei dem ankam, worum es eigentlich ging.

Und da war er wieder.

Herbst.

Nicht draußen.

Hier.

Dieses Gefühl, dass niemand irgendwohin musste.

Dass ein Gedanke einfach auf dem Tisch liegen durfte und wir ihn von allen Seiten anschauen konnten.

Wie ein altes Bild.

Oder ein Schiff.

Irgendwann waren wir längst bei Identität, Kontinuität und dem Wesen des Selbst angekommen.

Ich weiß nicht, ob Theseus je geahnt hatte, dass sein Schiff Jahrtausende später einmal Gegenstand einer Diskussion zwischen vier Frauen in kuscheligen Pyjamas mit herrlich kitschigen Motiven sein würde. Ich vermute nicht.

Aber genau so saßen wir beieinander.

Lisa trug Bärchen. Ich auch. Auf Lauras pastellrosa Shirt stand in großen Buchstaben “Love”. Und auf Ambers Pyjama prangte eine große, saftig aussehende Kirsche. Unsere Füße wurden unter der Decke zusätzlich von flauschigen Socken mit aufgenähten Herzen und Bärchen gewärmt. Offenbar hatte selbst unsere Nachtwäsche inzwischen ein gemeinsames philosophisches Grundmotiv entwickelt.

Lisa würde vermutlich sagen, dass bei einem seriösen Abend Einhörner trotzdem nicht ausgeschlossen werden müssen.

Laura und ich diskutierten irgendwann darüber, ob Identität eher in materieller Kontinuität oder psychologischer Kontinuität liegen könne. Ich brachte Erinnerungen ins Spiel, Laura warf ein, dass Erinnerungen selbst unzuverlässig seien. Amber fragte irgendwann, ob wir dann jeden Morgen beim Aufwachen beweisen müssten, dass wir noch dieselben seien wie am Abend zuvor.

Lisa meinte, sie könne bei sich selbst morgens vor dem ersten Kaffee für gar nichts garantieren.

Mario sagte, das sei keine philosophische Frage, sondern empirisch belegt.

Lisa warf ihm ein Sofakissen entgegen.

Oder wollte es zumindest.

Mario reichte es ihr.

Sie warf es.

Er fing es.

“Danke”, sagte Lisa.

“Gern.”

Es war irgendwann spät geworden.

Nicht tief in der Nacht.

Aber spät genug, dass die Pizza längst verschwunden war, draußen noch immer Regen gegen die Scheiben tropfte und unsere philosophische Diskussion inzwischen mindestens drei Fragen mehr hervorgebracht hatte, als sie beantwortet hatte.

Ein erfolgreicher Abend also.

Laura gähnte.

“Ich glaube, ich gehe schlafen.”

Lisa sah sie an.

“Jetzt schon?”

“Es ist nicht jetzt schon.”

“Es ist noch nicht mal richtig Nacht.”

“Für dich beginnt richtige Nacht um drei Uhr.”

“Manchmal.”

“Eben.”

Mario half Laura hoch.

Sie strich ihren Pyjama glatt, verabschiedete sich von uns und sagte noch ein leises “Buona notte”, bevor sie mit ihm aus dem Wohnzimmer verschwand.

Kurz darauf kam Mario wieder.

Lisa sah ihm entgegen.

“Sie wird alt.”

“Sie ist fünfundzwanzig.”

“Tragisch.”

Mario sah Lisa an.

“Du bist auch fünfundzwanzig.”

Lisa schwieg einen Moment.

“Ja, aber bei mir ist das was anderes.”

“Natürlich. Glitzernde fünfundzwanzig!”

“Eben.”

Ich lachte.

Der Regen rauschte weiter.

Und irgendwann war auch dieser Tag vorbei.

Am nächsten Morgen war Laura still.

Nicht bedrückt.

Nicht traurig.

Einfach still.

Es dauerte eine Weile, bis mir das überhaupt auffiel.

Vielleicht weil ich selbst morgens nicht unbedingt das Bedürfnis habe, sofort eine akustische Existenzbestätigung abzugeben.

Bei Lisa wäre ungewöhnliche Stille vermutlich erheblich schneller aufgefallen.

Bei Laura war es schwieriger.

Sie saß beim Frühstück dabei, trank ihren Kaffee, lächelte auch einmal über irgendetwas, das Lisa erzählte.

Aber sie schien mit einem Teil ihrer Gedanken woanders zu sein.

Irgendwann stellte sie ihre Tasse ab.

“Mario?”

“Hm?”

“Kann ich kurz mit dir reden?”

“Klar.”

Sie zögerte.

“Allein?”

Jetzt sahen wir sie alle an.

Mario ebenfalls.

“Natürlich.”

Er half ihr auf und ging mit ihr in Richtung Arbeitszimmer.

Laura drehte sich noch einmal kurz zu uns um.

Dann verschwanden beide.

Die Tür schloss sich.

Es dauerte ungefähr zwei Sekunden.

“Hab ich was falsch gemacht?”

Lisa.

“Warum solltest du etwas falsch gemacht haben?”

“Keine Ahnung. Deshalb frage ich.”

“Wenn du etwas falsch gemacht hättest, würde Laura vermutlich mit dir reden und nicht mit Mario.”

Lisa dachte darüber nach.

“Stimmt.”

Drei Sekunden.

“Oder es geht um mich und sie will erst mit Mario reden.”

“Kann auch sein.”

Sie verzog den Mund.

“Ich find das komisch.”

Damit war sie nicht allein.

Ich sagte es nur nicht.

Die Tür zum Arbeitszimmer war geschlossen.

Das war eigentlich nichts Besonderes.

Mario arbeitete dort schließlich.

Laura hatte auch schon vorher mit ihm allein gesprochen.

Und trotzdem hatte sich etwas verändert.

Vielleicht nur, weil sie vorher ausdrücklich gefragt hatte.

Allein?

Ich nahm meine Tasse.

Der Tee war noch heiß.

Ich trank trotzdem nichts.

Amber sah zur Tür.

Lisa sah zur Tür.

Ich beschloss, demonstrativ nicht zur Tür zu sehen.

Das hielt ungefähr zehn Sekunden.

“Wie lange reden die jetzt schon?”, fragte Lisa.

“Zwei Minuten.”

“Kommt mir länger vor.”

“Zeit ist subjektiv.”

“Fang nicht schon wieder mit Philosophie an.”

“Du hast gestern damit angefangen.”

“Ja, gestern. Heute brauche ich Antworten.”

“Das ist selten die Aufgabe der Philosophie.”

“Dann ist Philosophie heute nutzlos.”

Es dauerte noch eine Weile.

Keine Ahnung, wie lange genau.

Wahrscheinlich weniger lang, als es sich anfühlte.

Dann hörten wir die Tür.

Mario kam zuerst zurück ins Wohnzimmer.

Laura direkt bei ihm.

Sie wirkte nervös.

Das kannte ich von ihr kaum.

Nicht dieses leichte Zögern bei einer unbekannten Situation. Nicht die Unsicherheit, die jeder manchmal hat.

Richtig nervös.

Sie sah erst Mario an.

Dann uns.

“Ich … ähm …”

Lisa richtete sich sofort auf.

Laura atmete ein.

“Ich möchte euch was sagen. Oder fragen. Oder … na ja … also …”

Und plötzlich veränderte sich Lisas Gesicht.

Ich sah es genau.

Eben noch Sorge.

Dann Verstehen.

Dann dieses Leuchten, das bei ihr manchmal so schnell auftauchte, dass man fast glaubte, jemand hätte irgendwo in ihr einen Schalter umgelegt.

“Du bleibst, gell?”

Laura verstummte.

Mario lächelte.

Und ich sah Lisa an.

Sie hatte keine Fakten gehabt.

Keine Erklärung.

Keine Indizien, die ich sauber hätte auflisten können.

Laura hatte kaum einen Satz herausgebracht.

Und trotzdem wusste Lisa es.

Ein Blick.

Ein paar stockende Worte.

Mehr hatte sie nicht gebraucht.

Ich konnte den ganzen Abend über Identität, Kontinuität und Relationen nachdenken. Ich konnte Definitionen zerlegen, Voraussetzungen prüfen und mir Gedanken darüber machen, welche Bedingungen notwendig oder hinreichend waren.

Lisa sah einen Menschen an.

Und manchmal sah sie dabei tiefer als wir alle.

Nicht alles ließ sich mit Formeln erklären.

Nicht alles ließ sich aus Prämissen ableiten.

Für manches brauchte es Empathie.

Für vieles wahrscheinlich.

Und Herz.

Von beidem besaß Lisa mehr als die meisten Menschen, die ich kannte.

Für einen winzigen Moment sagte niemand etwas.

Dann lächelte Laura.

“Ja.”

Lisa riss die Augen auf.

“Also … für immer?”

Laura nickte.

“Ja.”

“Oh mein Gott!”

Wenn Lisa in diesem Moment allein hätte aufspringen können, hätte vermutlich nicht einmal der Couchtisch eine Überlebenschance gehabt.

Stattdessen streckte sie sofort beide Arme nach Laura aus.

“Mario!”

Er brauchte keine weitere Erklärung.

Er hob sie von der Couch, brachte sie zu Laura, und kaum war sie nah genug, schlang Lisa die Arme um sie.

“Du bleibst!”

Laura lachte.

Lisa drückte sie fester an sich.

“Du bleibst wirklich!”

“Ja.”

“Für immer!”

“Das war zumindest der Plan.”

“Nein. Nix Plan. Jetzt ist das beschlossen. Hat eh schon viel zu lange gedauert bis dahin.”

Laura lachte noch mehr.

“Okay.”

“Keine Rückgabe.”

“Va bene.”

“Kein Umtausch.”

“Lisa.”

“Keine Probezeit.”

“Ich wusste nicht, dass ich einen Vertrag unterschreibe.”

“Tust du jetzt.”

Ich konnte nicht anders.

Ich lachte.

Amber ebenfalls.

Mario stand daneben und sah aus, als hätte er ziemlich genau mit dieser Reaktion gerechnet.

Irgendwann ließ Lisa Laura wenigstens weit genug los, dass diese wieder Luft bekam.

“Warum hast du denn erst allein mit Mario geredet?”, fragte sie.

Laura sah kurz zu ihm.

“Weil ich ihn fragen wollte, ob ich bleiben darf.”

“Und?”

Mario hob die Hände.

“Ich habe ihr gesagt, dass sie da die falsche Person allein fragt.”

Lisa blinzelte.

“Hä?”

“Wenn sie hierbleibt”, sagte er, “dann lebt sie nicht nur mit mir.”

Laura sah uns an.

Plötzlich war sie wieder etwas unsicher.

“Deshalb wollte ich euch eigentlich fragen.”

Lisa sah sie entgeistert an.

“Ob du bleiben darfst?”

“Ja.”

“Laura.”

“Hm?”

“Du bist manchmal echt schlau.”

“Danke.”

“Aber manchmal bist du auch echt doof.”

Laura lachte.

“Grazie.”

Lisa legte wieder die Arme um sie.

“Natürlich darfst du bleiben.”

Amber nickte.

Ich auch.

Und ich hätte in diesem Moment gern etwas Kluges gesagt.

Etwas, das dem Gewicht dieses Augenblicks gerecht wurde.

Schließlich hatte ich erst am Abend zuvor lang und breit über numerische Identität, psychologische Kontinuität und die metaphysischen Schwierigkeiten materiellen Fortbestehens gesprochen.

Ich hätte genügend Worte haben müssen.

Stattdessen sagte ich:

“Es würde sonst auch echt was fehlen.”

Laura sah mich an.

Und ich glaube, sie verstand trotzdem.

Vielleicht sogar besser, als wenn ich einen Vortrag gehalten hätte.

Später dachte ich wieder an das Schiff.

Natürlich tat ich das.

Ich bin offenbar der Typ Mensch, der einen emotionalen Moment erlebt und ihn anschließend so lange gedanklich zerlegt, bis mindestens ein philosophisches Problem herausfällt.

Lisa würde vermutlich sagen, ich könnte auch einfach glücklich sein.

Kann ich.

Ich denke nur gleichzeitig.

Ich dachte an unser Gespräch einige Wochen zuvor.

An Familie.

An diese merkwürdige Frage, die so einfach klingt, solange man sie nicht beantworten muss.

Was macht eine Familie aus?

Wir hatten darüber gesprochen, als gäbe es irgendwo eine Definition dafür.

Als müsste man nur genügend Begriffe auf den Tisch legen.

Liebe.

Vertrauen.

Fürsorge.

Verantwortung.

Nähe.

Gemeinsame Geschichte.

Vielleicht Zugehörigkeit.

Und irgendwann würde aus diesen einzelnen Begriffen eine Gleichung entstehen.

Familie gleich Liebe plus Vertrauen plus Zeit.

Fertig.

Als wäre es so einfach.

Vielleicht funktionierte es aber gar nicht so.

Vielleicht war Familie keine Definition.

Vielleicht war sie eher wie das Schiff des Theseus.

Ein Gebilde, das sich fortwährend verändert und trotzdem fortbesteht.

Menschen kommen dazu.

Andere gehen.

Wir verändern uns.

Beziehungen verändern sich.

Die Rollen, die wir füreinander haben, verändern sich.

Wir lernen einander kennen.

Wir enttäuschen einander.

Wir vergeben.

Wir lachen über denselben dummen Witz zum hundertsten Mal.

Wir sitzen an einem Regentag im Pyjama auf einer Couch und schauen zehn Stunden Fernsehen.

Und irgendwann weiß niemand mehr genau, an welchem Punkt aus einzelnen Menschen ein Wir geworden ist.

Vielleicht gibt es diesen Punkt auch gar nicht.

Vielleicht wird nur nach und nach jedes einzelne Brett ausgetauscht, ergänzt, repariert.

Und eines Tages sieht man das Schiff an und stellt fest:

Es fährt noch.

Es ist dasselbe.

Und trotzdem ist es nicht mehr das, was es einmal war.

Nur dass Veränderung nicht zwangsläufig Verlust bedeutet.

Das war vielleicht der Teil des Gedankenspiels, über den wir am Abend zuvor gar nicht gesprochen hatten.

Wir hatten immer gefragt, wie viel sich verändern darf, bevor etwas aufhört, dasselbe zu sein.

Aber warum eigentlich immer diese Richtung?

Was, wenn etwas sich verändert und dadurch nicht weniger wird?

Was, wenn etwas hinzukommt?

Laura hatte über Gemälde gesprochen.

Über Restaurierung.

Über Geschichte.

Darüber, dass ein Bild nach einer Restaurierung noch immer dasselbe Bild ist.

Nicht weil nichts daran verändert wurde.

Sondern weil seine Geschichte weitergeht.

Das Bild wird nicht gelöscht und neu begonnen.

Es wird bewahrt.

Vielleicht sichtbar gemacht.

Manchmal wird etwas stabilisiert, damit es weiterbestehen kann.

Und plötzlich musste ich an einen Rahmen denken.

Ein Gemälde bleibt dasselbe Gemälde, egal ob es gerahmt ist oder nicht.

Der Rahmen ändert nicht, was darauf gemalt wurde.

Er ersetzt keine Farbe.

Er überschreibt keine Geschichte.

Er nimmt nichts weg.

Und wenn man ein altes Bild in einen wunderschönen Rahmen setzt, wird es dadurch nicht zu einem anderen Bild.

Es bleibt dasselbe.

Aber plötzlich wirkt es vollständiger.

Vollkommener.

Nicht weil vorher etwas falsch gewesen wäre.

Nicht weil es vorher weniger wert gewesen wäre.

Sondern weil etwas hinzugekommen ist, das offenbar genau dort hingehört.

Vielleicht war das mit uns genauso.

Laura hatte niemanden ersetzt.

Sie war nicht an die Stelle von jemandem getreten.

Sie hatte nichts von dem verändert, was Lisa und mich verband.

Nichts daran, wie Amber zu uns gehörte.

Nichts von dem, was Mario mit jeder von uns verband.

Sie hatte keine alte Farbe übermalt.

Keine Planke herausgerissen.

Sie war einfach dazugekommen.

Erst als Besucherin.

Dann als jemand, dessen Koffer plötzlich selbstverständlich im Haus standen.

Als italienische Stimme beim Frühstück.

Als Frau, die Lisa erklärte, dass Ananas auf Pizza ein Verbrechen gegen ihr Heimatland sei.

Als Gesprächspartnerin, mit der ich mich über Kunst, Geschichte und Philosophie verlieren konnte.

Als jemand, bei dem Lisa schon nach wenigen Tagen aufgehört hatte, darüber nachzudenken, ob sie überhaupt hierhergehörte.

Vielleicht hatten wir es alle längst getan.

Nur Laura selbst noch nicht.

Bis heute.

Ich sah ins Wohnzimmer.

Lisa und Laura saßen nebeneinander.

Lisa redete.

Natürlich.

Laura lachte über irgendetwas.

Mario stand in der Küche und räumte Tassen weg.

Amber sagte etwas, das ich nicht verstand, und Lisa protestierte sofort lautstark.

Das Bild war dasselbe wie gestern.

Fast.

Und doch hatte sich etwas verändert.

Nicht im Raum.

Nicht einmal wirklich zwischen uns.

Nur in der Bedeutung.

Gestern war Laura noch zu Besuch gewesen.

Heute war sie geblieben.

Vielleicht war das alles.

Vielleicht war das riesig.

Das Schiff des Theseus fragte, wie viel man an einem Ding verändern könne, bevor es nicht mehr dasselbe sei.

Ich glaube, ich hatte meine Antwort noch immer nicht.

Vielleicht würde ich sie nie haben.

Aber ich wusste inzwischen etwas anderes.

Manchmal verändert man etwas nicht, indem man einen Teil davon ersetzt.

Manchmal fügt man nur etwas hinzu.

Ein Bild bleibt dasselbe Bild.

Auch wenn man es in einen wunderschönen Rahmen setzt.

Es wird dadurch nicht zu einem anderen Bild.

Nur irgendwie vollkommener.

Ich sah zu Laura.

Laura war dieser Rahmen.